1. Zuerst: Gerhard Rohde meine herzlichen Glückwünsche und besten Wünsche zum 70. Geburtstag! Habe ihn für jünger gehalten. Vor Jahren, beim ersten Bemerken: mit Michael Caine verwechselt. Im Folgenden bezieht sich auf Rohde nur das Positive.
2. Musikkritik steht und fällt mit der Begabung des Kritikers zur Unterscheidung. Leider zerstören viele Kritiker diese Begabung oder deren Ansätze und Reste durch eine Neigung zum Urteil – und zwar zu einem Urteil, das nicht auf ihrer Befähigung zur Unterscheidung beruht. Mein Rat (ich gebe ihn auch Künstlern): viel kennen zu lernen, zu vergleichen. Ganz ohne Hast.
3. Für junge Künstler ist die Etikettierung oft – nein: immer – von größtem Übel. Man erkennt den meisterlichen Kritiker darin, dass er Etikettierungen vermeidet. Er berichtet über das Wahrgenommene, lässt es aber zur Wahrnehmung anderer hin offen. Die Schärfe seiner Beobachtung nimmt zu, je erkennbarer die Gegenstände der Beobachtung selbst werden. Dazu bedarf es der Einlassung. Diese braucht Technik, Wissen, Übung. Kritik muss man studieren.
4. Einige wenige Kritiker können es sich leisten „ich“ zu sagen. Sie müssen nicht mehr Schutz suchen hinter einer Mauer aus „man“ und „es ist so“. Ihnen sind die Fragen der Kunst plötzlich im eigenen Sein begegnet und sie fühlen ihre Nacktheit: den großen Kritiker-Begabungen wächst dadurch etwas zu, das ich als „Gnade der Kompetenz“ versuche zu umschreiben. Ihnen kann nichts vorgemacht werden. Also müssen auch sie nichts mehr vormachen.
5. Kritik ist wichtig. Jeder Künstler lernt aus jeder Kritik. Auch aus der, die vom Ressentiment diktiert ist, das vor Angst, Wut und Häme zittert. Ich erfahre viel über mich selbst im Umgang mit negativer Energie: Wie viel halte ich aus? Wo kann ich helfen? Wo muss ich eine Position überdenken, um ihre Beweggründe wirklich zu verstehen? All das belehrt und stärkt und verschafft mir als Künstler Übung im Unterscheiden.
6. Antwort auf Kritik ist nur möglich durch das Werk. Ich rate bereits jedem Studenten ab, auf Kritik anders als durch sein Werk zu reagieren. Entgegnungen treffen kein Gegenüber an.
7. Kritik braucht Kritik. Kritiker (die begabten, also: guten) sind einsame Wesen, denen die Echolosigkeit schwer zu schaffen macht. Sie selbst fungieren als Echo von uns Künstlern, bleiben ihrerseits aber unbeechot. Deshalb ist es für sie wichtig, die Antworten ausfindig zu machen, die ihre Kritik in den Werken der Kritisierten ausgelöst haben. Es entsteht geheimer Dialog, der nach außen hin meist verleugnet wird: Künstler: „Ich lese nie Kritiken!“ – Kritiker: „Dieser Künstler interessiert mich nicht!“. Hinterlässt eine Kritik keine Spur im Werk des Kritisierten, ist dies schärfste Form einer Kritik an der Kritik. Dies lesen zu können, will gelernt sein.
8. Die Bedeutung der Kritik als Multiplikator ist sehr hoch. Am höchsten dann, wenn kritische Positionen untereinander im Wettstreit liegen. Aber auch das Verschweigen hat enorm multiplizierende Kraft: Wird über eine Aufführung nicht berichtet, löst dies sofort den Fragenkomplex aus: „Warum berichtet dieser Kritiker nicht über jenes Werk, wem glaubt er damit nützen zu können, wem will er schaden? Dum tacet, clamat. Das wirkt.
9. Manche Kritiker positionieren sich selbst in Richtungen, Tendenzen, Moden. Das ist sehr unvorteilhaft für die Rezeption ihrer Gedanken. Denn die Mehrheit der Leser wird auf den Namen des Kritikers mit einem „Ach so, dann wissen wir ja, was in der Kritik steht“ reagieren und weiterblättern. Daher mein Rat: unberechenbar bleiben. Durch plötzliche Qualitäten schockieren.
10. Das fruchtbare Verhältnis von Kritik und Kunst kommt nur in der Kunst zur Blüte. Die Kritik bleibt im Dunkel. Das ist sicher etwas ungerecht, aber es ist nicht anders möglich. Deshalb an dieser Stelle mein Dank an alle meine Kritiker (und auch Kritikerinnen). Sie alle haben dazu beigetragen, dass ich meine Begabung immer wieder in Werke zuspitzen durfte, die von ihnen, den Kritikern, entweder begeistert beschwiegen, abgelehnt oder begrüßt wurden. Ich habe an jeder Bemerkung etwas gelernt, aus allen Anmerkungen ist mir Energie und erneute Anregung zugeströmt, die ich wieder fruchtbar werden lassen konnte. Besonders bewegt bin ich allerdings, wenn ich bemerke, dass eine Kritik abgefasst wurde in der Hoffnung, ich möge sie lesen.
Ich bemerke das an einer gewissen Gehobenheit und gesteigerter Genauigkeit des Stils, auch an einer erfindungsreicheren Anspielungstechnik, präziserer Wortwahl, sauberer Gedankenführung und so weiter. Dann weiß ich: Hier wurde für mich geschrieben. Das ehrt natürlich ungemein, nimmt aber auch in die Pflicht. Niveau will gehalten sein.
11. Die einzige Form von Kritik an Kunst ist Kunst.