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Sinem Altan. Foto Rudiger
Sinem Altan. Foto Rudiger
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Eine Berlinerin bringt eine gute Stadt zum Klingen

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Porträt: Die Komponistin Sinem Altan zu Gast an der Freiburger Stadtoper
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Die erste, knappe Frage nach der Idee für die Freiburger Stadtoper ist gestellt – und schon kommt Sinem Altan ins Erzählen. Sie spricht über Partizipation auf allen Ebenen, die Verbindung von Profis und Laien. Von ihrer Leidenschaft, Grenzen zu überwinden und transkulturelle Projekte zu realisieren. Man hört der 30-jährigen Deutschtürkin gerne zu. Lässt sich ein auf ihre Assoziationsketten, die immer wieder zum Ausgangspunkt der Fragestellung zurückkommen.

Seit 2013 führten die Komponistin Sinem Altan, die Librettistin Tina Müller und die Regisseurin Thalia Kellmeyer Befragungen in verschiedenen Freiburger Stadtteilen durch. Sie gingen zu Jugendclubs und Bürgervereinen, zu Politikern und Obdachlosen. Und wollten wissen, was den Bürgern an der Stadt Freiburg gefällt und was nicht, was das Symbol dieser Stadt ist und wo deren größtes Defizit liegt. „Wir waren auf der Suche nach Konflikten und Reibungsflächen, aber haben zunächst gar keine gefunden. Alle fühlen sich wohl in der Stadt. Das war für mich als Berlinerin natürlich sehr überraschend.“ Diese allgemeine Zufriedenheit, die in Starrheit und Angst vor Veränderung kippen kann, wird nun auch in der Oper thematisiert.

Dabei konnte Sinem kein Wort Deutsch, als sie im Jahr 1996 mit elf Jahren aufgrund eines türkischen Familienstipendiums, begleitet von ihrer Mutter, nach Berlin kam, um in der Vorklasse der Hanns-Eisler-Musikhochschule Komposition zu studieren. „In einem halben Jahr habe ich Deutsch gelernt und dann wie ein Wasserfall gesprochen bis heute“, sagt Sinem Altan und lacht. Die ersten Jahre in Deutschland waren für das hochbegabte Mädchen keine leichte Zeit. Sie hatte Sehnsucht nach ihrem Vater und ihrem jüngeren Bruder, die in Ankara geblieben waren.

Auch die türkische Community in Berlin hatte wenig zu tun mit der bürgerlichen Schicht, der das Mädchen aus Ankara entstammt. Im Klavierunterricht lernte sie die westliche klassische Musik kennen, in der familiären Umgebung auch die traditionelle türkische Volksmusik. „Ich saß häufig am Klavier und habe improvisiert“, sagt die Komponistin beim Gespräch im Freiburger Theatercafé. Die Musik empfand das Mädchen als Zuflucht, später auch in schwierigen Zeiten als eine Art Therapie. Die Verbindung von Orient zu Okzident war in ihrer Musik immer schon angelegt. „Bei meinen ersten kleinen Kompositionen merkte ich, dass beispielsweise die Form eher im Sonatensatz gehalten war, den ich im Unterricht in den Klaviersonaten von Mozart kennengelernt hatte. Die Rhythmik und die Melodik orientierte sich an orientalischen Vorbildern.“

Mit diesen Prägungen entwickelte sich Sinem Altan in der Kompositionsklasse der Hanns-Eisler-Musikhochschule natürlich zur Außenseiterin, zumal sie etliche Jahre jünger war als ihre Kommilitonen. Es ging im Unterricht nicht um persönlichen Ausdruck, sondern um die Analyse von Intervallstrukturen. Nur bei der Mikrotonalität war sie die einzige, die das auch emotional mit den Vierteltönen der arabischen Musik in Verbindung bringen konnte. Nach der elften Klasse verließ sie das Gymnasium, um an der Universität der Künste bei Friedrich Goldmann Komposition zu studieren. „Bei ihm habe ich gelernt zu reduzieren. Das Feuerwerk an Melodien in meinem Kopf durfte ich nicht zünden. Das war schon eine interessante Erfahrung: wie Fliegen ohne Flügel“, erzählt die Komponistin. Trotz dieser guten theoretischen Ausbildung denkt sie mit gemischten Gefühlen an die Berliner Zeit. Von ihren männlichen, rund zehn Jahre älteren  Kollegen wurde sie nicht ernst genommen – als Frau, als Türkin, als Komponistin. Auch ihr genreübergreifender Ansatz und die Orientierung am Publikum waren den Kollegen suspekt. Entscheidend für ihre musikalische Weiterentwicklung wurden schließlich die beiden Studienjahre bei Cornelius Schwehr an der Freiburger Musikhochschule von 2006 bis 2008. „Er hat ein sehr genaues Auge und gutes Ohr für die Verbindung von Bild und Musik.“

Zurück in Berlin kann Sinem Altan sich als Komponistin etablieren und setzt besonders mit musiktheatralischen Stücken Akzente. Für die Vertonung der Märchenreihe des türkischen Till Eulenspiegels „Keloglan“ an der Neuköllner Oper erhielt sie 2011 den „Junge Ohren Sonderpreis“. „Tango Türk“ und „Stadt der Hunde“ wurden ebenfalls ausgezeichnet. Aktuell arbeitet Sinem Altan als musikalische Leiterin im Maxim Gorki Theater, dem Ballhaus Naunynstraße und dem Atze Musiktheater und konzertiert als Pianistin regelmäßig mit ihrem eigenen, vierköpfigen Ensemble Olivinn.

Der Kompositionsauftrag für die Freiburger Stadtoper ist der Höhepunkt ihrer kompositorischen Entwicklung. Auch für das Freiburger Theater stellt diese Stadtoper in der vorletzten Spielzeit von Barbara Mundel, die seit ihrem Amtsantritt 2006 mit ihrem Team konsequente Stadtforschung betreibt und die daraus gewonnenen Impulse in zahlreiche theatralische Projekte umwandelt, ein Höhepunkt in Sachen Partizipation dar. Die Musik hat Sinem Altem den Akteuren auf den Leib geschrieben. Auch von Geräuschen und Klängen der Stadt wie dem Wasserrauschen der Dreisam oder den Münsterglocken hat sich die Komponistin inspirieren lassen. Feste Intervallstrukturen wie f-a-b und das daraus entwickelte Spiel mit Terz, Quart und kleiner Sekunde, vom Stadtnamen Freiburg inspiriert, und rhythmische Grundmuster verleihen dem Heterogenen Struktur und Zusammenhalt. Im Orchestergraben ist das Miteinander von Profis und Laien exemplarisch umgesetzt, wenn das studentische Per-Tutti-Orchester mit Profis des Philharmonischen Orchesters Freiburg verstärkt wird. Weitere Ensembles sind das Heim- und Fluchtorchester, das klassische Violinen mit afrikanischen Trommeln und Balkanbeats kombiniert und das orientalische Saz-Ensemble der alevitischen Gemeinde. Vokal kommen professionelle Opernsänger mit singenden Schauspielern und kleineren Formationen wie der Soulfamily Freiburg oder dem brasilianische Chor zusammen. Das Grundgerüst bilden ein Projektchor und zwei große Freiburger Laienchöre, die ebenfalls für gesellschaftliche Gruppen stehen. „So ein Projekt kann natürlich in die Hose gehen“, sagt Sinem Altan. „Aber ich glaube, wir haben alle zusammen mit der ‚Guten Stadt‘ auch künstlerisch etwas Besonderes hinbekommen.“
 

  • Aufführungen von „Die Gute Stadt“ am 4. und 25. Juli 2015 im Theater Freiburg, Großes Haus.

www.theater.freiburg.de

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