Mit der Einführung der Orchesterpatenschaften haben DOV und JMD eine Basis zur Zusammenarbeit zwischen Profi- und Laienorchestern geschaffen, die erste hoffnungsvolle Früchte trägt. In der Praxis gab es aber bereits vorher einzelne Ansätze in ähnlicher Richtung. Ein Beispiel hierfür ist die „norddeutsche sinfonietta“ aus Rendsburg, ein Mitgliedsorchester der JMD unter der Leitung von Christian Gayed, in dem Profis und Laien an einem Pult spielen.
Wenn man sich dem Probenort der „norddeutschen sinfonietta“ nähert, zeigt sich zunächst ein ganz gewöhnliches Bild wie bei fast jedem Laienorchester: Der Dirigent kommt mit einem Kleinbus vorgefahren, schleppt Saft- und Mineralwasserkästen, die Musiker nahen aus allen Himmelsrichtungen, gemessenen Schrittes, überzeugt vom eigenen Tun, aber insgeheim auch ein wenig neidisch auf alle diejenigen, die jetzt einen freien Nachmittag haben.
Auch im Saal das übliche Bild, einige wenige bauen auf, der Rest trifft nach und nach ein. Als sich dann allmählich die Streicherpulte sortieren, man sich ein bisschen warm spielt, fallen dann doch Unterschiede auf: Erstens bemerkt man deutliche Altersunterschiede an den Pulten, zweitens erkennt man, dass hochvirtuose Tonleiterpassagen eines Pultpartners von eher etwas schüchternen Tonfolgen des anderen begleitet werden. Dieser Eindruck verfestigt sich denn auch bei Probenbeginn, Unterschiede in der Souveränität von Artikulation und Bogenführung sind bei den Streichern nicht zu übersehen, die musikalischen Anweisungen des Dirigenten werden von den Stimmführern in technische Lösungen übersetzt und von den Jüngeren bereitwillig übernommen.
Insgesamt herrscht eine ruhige, konzentrierte Atmosphäre, die wohl auch deshalb etwas angespannt wirkt, weil der Solist sich unvorhergesehener Weise verspätet hat. Hinzu kommt, dass die verbleibende Probenzeit äußerst knapp ist, da am Abend bereits das erste Konzert stattfinden soll. Immerhin stehen im Rahmen des Projektes „Le Sax“ mit Darius Milhauds „La Création du Monde“, dem Saxophonkonzert „The Year“ von Bernd Frank und Bizets erster „L’Arlésienne“-Suite keine ganz leichten Werke auf dem Programm. So bleibt wenig Zeit für humoristische Einlagen und entspannte Probenführung.
Es ist ein spannendes Projekt, das sich um den Dirigenten Christian Gayed kristallisiert und dessen Schirmherrschaft die Kultusministerin des Landes Schleswig-Holstein, Ute Erdsiek-Rave übernommen hat. Hintergründe, Perspektiven und Probleme hat Klaus Volker Mader vom Landesverband Schleswig-Holstein der JMD im nachfolgenden Interview mit dem Dirigenten erfragt.
Klaus Volker Mader: Herr Gayed, seit dem Jahr 2000 gibt es die „norddeutsche sinfonietta“, wie kam es zu dieser Gründung?
Christian Gayed: Im Gespräch mit Kollegen kristallisierte sich die Erkenntnis heraus, dass es zwar jede Menge guter solistischer Ausbildungsmöglichkeiten für junge Musiker gibt, dass aber vergleichbare pädagogische Angebote trotz vieler hervorragender Jugendorchester im Orchesterbereich fehlen. Die Verklammerung von pädagogischen Inhalten und Orchesterpraxis war mir persönlich besonders wichtig. Die Situation, dass mitspielende Profis als Orientierungspunkt dienen und dadurch die Jugendlichen „mitziehen“, kann meiner Meinung nach auch ein Ensemble wie das Landesjugendorchester nicht ersetzen. Hinzu kommt die überschaubare Größe eines Kammerorchesters, die eine besondere Präsenz von jedem fordert.
: Laien und Profis in einem Ensemble, wie geht das auf Dauer? Machen die Profis das umsonst? Gibt es Aufwandsentschädigungen?: Es gibt für die Berufsmusiker Aufwandsentschädigungen, die wir versuchen durch Eintrittsgelder bei den Konzerten, Spenden und Sponsorenmittel wieder hineinzubekommen. Diese bewegen sich allerdings auf einem fast unzulässig niedrigen Niveau. Für die Schüler versuchen wir die Probenphasen kostenfrei zu halten und wenn möglich die Fahrkosten zu erstatten. Auf der künstlerischen Seite bleibt das Ganze ein Spagat. Die Profis müssen ein, zwei oder drei Gänge zurückschalten und beispielsweise Bogenstriche unter ganz anderen Kriterien diskutieren, als sie das von ihren Berufsorchestern gewohnt sind. Auf der anderen Seite stehen natürlich auch die Schüler unter einem gewissen Druck, wenn sie mit den Profis an einem Pult spielen. Es ist das Interessante unserer Aufgabe, diese Spannung in eine möglichst homogene Leistung umzuwandeln und für beide Seiten fruchtbar zu machen.
: Haben Sie eine ständig gleiche Besetzung oder einen Pool von Musikern, aus denen Sie je nach Projekt ein Ensemble zusammenstellen?: Das Zweite ist der Fall. Leider muss man vielleicht sagen, da wir natürlich als Orchester gerne noch mehr zusammenwachsen würden. Das Problem liegt zum Teil daran, dass die Profis natürlich von ihrer Arbeit leben müssen und deshalb nicht immer zur Verfügung stehen. Bei den Schülern haben wir eine natürliche Fluktuation, da viele natürlich mit dem Studienbeginn einen Ortswechsel vornehmen. Insgesamt haben wir aber mittlerweile auf beiden Seiten einen umfangreichen und zuverlässigen Pool von Mitwirkenden.
: Wie verwaltet sich das Orchester? Wer macht die Organisation, wer sucht die Programme aus, wie wählen Sie neue Mitglieder aus?: Für Schüler veranstalten wir einmal im Jahr ein Probespiel. Die Profis und die Programme suche ich bisher aus, es sind aber in Zukunft auch Probenphasen mit Gastdirigenten sowie jährlich eine Konzertreise geplant.
: Haben Sie Besetzungssorgen oder finden Sie stets genug geeignete Bewerber?: (Lacht!) Was heißt schon geeignet? Und was heißt schon Sorgen? Es geht natürlich nie alles glatt bis dahin, dass wir in Einzelfällen sogar Absagen während der Probenphasen bekommen. Ich vermute und hoffe, dass sich in dem Maße, wie sich dieses Modell herumspricht und als hochwertig herausstellt, wir solche Probleme nicht mehr haben. Es hat sich bisher immer alles zum Guten gelöst, aber es bleibt jedes Mal bis zum Schluss spannend.
: Wo proben Sie und wie meistern Sie die organisatorischen Probleme während Ihrer Probenphasen wie zum Beispiel Catering?: Catering haben wir keines, es sei denn ich bringe zum obligatorischen Kaffee auch mal Kekse oder Kuchen mit, ansonsten haben wir Selbstversorgung. Proben tun wir normalerweise in der Musikschule Rendsburg, die Unterbringung erfolgt privat bei ortsansässigen Musikern.
: Wie bereiten Sie ein Projekt vor, wie viele Proben hatten Sie zum Beispiel für Ihr Projekt „Le Sax“ in welchem Zeitraum?: Wir hatten zunächst ein Probenwochenende, das wir mit einer öffentlichen Generalprobe abgeschlossen haben. Zwei Wochen später haben wir uns dann am Freitagnachmittag zu einer Wiederaufnahmeprobe getroffen und hatten dann Freitag, Samstag und Sonntag Konzerte. Diese Arbeitsphase war damit extrem kurz, normalerweise haben wir doch etwas mehr Probenzeit, in der Regel sind es immer drei bis vier Tage.
: Abschließend, was sind Ihre zukünftigen Pläne, was wäre Ihr größter Wunsch?: (Lacht!) Gute Frage, nächste Frage! Nächstes Jahr steht unser fünfter Geburtstag an.
Abgesehen davon, dass wir das erwähnte Gastdirigentenprojekt durchführen wollen, haben wir ein Programm „Krieg & Frieden – 60 Jahre Kriegsende“ mit Werken von K. A. Hartmann und A. Honegger geplant, und verfolgen damit erstmals auch ein politisches Thema. Uns selbst wollen wir mit einem spanischen Programm feiern. Ansonsten wünsche ich mir natürlich, dass die Sache sich weiter stabilisiert und dass das Modell weiter auch nach außen getragen wird und möglichst auch engagierte Nachahmer findet. Wichtig wäre natürlich auch, dass sich die finanzielle Situation weiter stabilisiert. : Herr Gayed, wir danken Ihnen für dieses Gespräch!