Ein paar Wochen erst ist es her, da trafen sich in Köln hunderttausende Jugendliche zum Weltjugendtag (WJT). Natürlich ist ein solches Treffen ohne Musik nicht denkbar. Doch welche Rolle spielt sie dabei wirklich? Zu Füßen des Kölner Doms, vor dem „Alten Wartesaal“, sitzt Mathieu. Ungerührt von dem Gewimmel um ihn herum klimpert er selbstvergessen auf seiner Gitarre. Flink bewegen sich die schlanken Finger über die Saiten. Das Intro des Eagles-Songs „Hotel California“ bahnt sich seinen Weg durch den Lärm.
Die Gitarre gehört für mich einfach dazu“, erzählt der 20-jährige Franzose. „Es ist für mich normal, zu singen und zu muszieren; das hat einfach seinen Platz in einer Gruppe. Musik ist wichtig für die Atmosphäre.“
Was Mathieu meint, ist unübersehbar für den, der in diesen Tagen mit offenen Augen durch die Stadt geht. Am Wallrafplatz gröhlt eine Gruppe Spanier mit Inbrunst „Eviva Espana“. Der Flamenco mit der spanischen Flagge gehört selbstverständlich dazu. Auf der Domplatte wird Samba getanzt, eine Gruppe portugiesischer Mädchen zeigt stolz, wie man es richtig macht. Vor der Minoritenkirche wirbelt der Staub, von vielen Händen vom Boden losgelöst. „We will, we will rock you.“ Den Rhythmus auf dem Marsch hinunter zum Rhein, in die Altstadt, gibt der Schellenkranz einer Gruppe aus Polen vor. Auf den Wiesen am Rheinufer sammelt sich ein immer größerer Kreis zum Spiel. „Wir tanzen Labada, Labada, Labada, wir tanzen Labada, Labadabada.“ Einmal hin, einmal her, und zur Erhöhung des Schwierigkeitsgrades muss man sich immer auf andere Art aneinander festhalten: an den Händen, den Ohren, der Nase... Gelächter und Gekicher mischt sich in den Gesang. Direkt daneben wird es wieder südamerikanisch, eine brasilianische Gruppe tanzt Samba. Zwei deutschen Jungs werden ihre neugierigen und interessierten Blicke zum Verhängnis. Jetzt müssen sie mitmachen, und wenn sich die Hüften noch so steif anstellen.
Der Paolozzi-Brunnen einige Meter weiter markiert eine imaginäre Grenze. Hinter den Absperrgittern liegt der Weg der Domwallfahrt. Während der Weltjugendtagswoche besucht jede Gruppe einmal den Dom und pilgert zum Schrein mit den Gebeinen der Heiligen Drei Könige. Den ganzen Weg entlang stehen Lautsprecher. Sie übertragen live aus dem Innern des Doms. Ein Schritt nur, ein halber Meter Weg, und schon ist die feierfreudige Stimmung Vergangenheit. Sakrales breitet sich aus. „Laudate omnes gentes.“ Die Pilger auf dem Weg zum Dom singen leise mit.
Die Organisatoren des Weltjugendtages haben sich mit der Liturgie für diese Tage sehr viel Mühe gegeben. Gemeinsam mit einer Gruppe Jugendlicher sind Gottesdienste, die Domwallfahrt und der Kreuzweg bis ins Detail vorbereitet. Texte, Bilder, Symbole, alles ist aufeinander abgestimmt. Und auch die Musik fügt sich nahtlos in das Bild ein. Ein umfangreiches Pilgerbuch mit Liedern und Gebeten wird zum treuen Begleiter der Weltjugendtagswoche.
Das Motto „Wir sind gekommen, um IHN anzubeten“, findet sich in lateinischer Form im Mottolied wieder. „Venimus adorare eum“ wurde verfasst von Gregor Linßen, diplomierter Toningenieur und Lehrbeauftragter für Neues Geistliches Lied (NGL) an der Bischöflichen Kirchenmusikschule Essen, der Hochschule für Musik in Köln und der Kirchenmusikhochschule Sankt Gregorius in Aachen. Linßen setzte sich mit diesem Lied in einem Wettbewerb gegen 250 andere Komponisten aus aller Welt durch. „Venimus adorare eum“ bezieht sich auf die Erzählung von den drei heiligen Königen aus dem Matthäusevangelium. Es stellt Fragen. „Warum verließen Könige ihre Paläste? [...] Warum verließen Hirten nachts ihre Herden?“ Und es zitiert die Antworten. Dem „Venimus adorare eum“ der Könige wird in der zweiten Strophe das „Immanuel, Gott ist mit uns“ der Hirten gegenübergestellt. Beides vereinigt sich zum Schluss. „Die Hoffnung der Jugendlichen verdichtet sich zur Summe der Antworten von Königen und Hirten, von Gesalbten und Propheten, der Antwort der Menschen von einst und heute: ,Venimus adorare eum, Immanuel, Gott ist mit uns‘“, schreibt Pfarrer Ulrich Hennes, Generalsekretär des Weltjugendtages, in seiner Hinführung zum Mottolied.
Im Rückblick: Verständigung mit Hand, Fuß und Herz
Hinter vorgehaltener Hand waren im Vorfeld häufiger jugendliche Stimmen zu vernehmen gewesen, die das Mottolied als „langweilig“ oder gar „unsingbar“ deklariert hatten. Und auch der erste Blick in den Liederteil des Pilgerbuches wirkte ernüchternd. Nur wenig bekanntes Neues Geistliches Liedgut und vieles, was erst einmal kompliziert aussah.
Doch vor allem die Chöre hatten ganze Arbeit geleistet; unter ihrer Führung erwachte am 14. August in der Leverkusener BayArena, beim Eröffnungsgottesdienst der Freiwilligen Helfer, das Mottolied zum ersten Mal zum Leben. Und in den folgenden Tagen gewann auch der Rest des Liederbuches an Profil. Augenfällig vor allem „Jesus Christ, you are my life“ (Text und Musik: Marco Frisina). Ein Hauch Rock und Pop, ins Blut gehender Rhythmus, eine eingängige Melodie, kurz: ein Ohrwurm. In diesem Lied steckt Bewegung. Im wahrsten Sinne des Wortes: Ab dem ersten Tag sangen auch die hörenden WJT-Teilnehmer dieses Lied wie selbstverständlich in Gebärdensprache mit.
Unnachahmlich elegant
Möglich gemacht hatte es der Jugendgebärdenchor St. Georg. Im Vorfeld des Weltjugendtages fanden sich 18 hörende und hörgeschädigte Jugendliche in der integrativen Gemeinde St. Georg in Köln zusammen. Sie stellten die Texte der gesungenen Lieder parallel zum Rhythmus in Gebärdensprache dar. Während der Gottesdienste und Konzerte standen sie gut sichtbar vor oder neben den singenden Künstlern. Mit unnachahmlicher Eleganz bewegten sich ihre Hände, und mancher, der sich vorher wohl gefragt hatte, wie es denn überhaupt möglich sein sollte, Musik mit Gebärden darzustellen, verstand auf einmal, dass Musik eine Sache des ganzen Körpers ist. Wer diese singenden Hände gesehen hat, vergisst sie wohl so schnell nicht wieder.
Ohrwurm-Anspruch hatten auch die vielen Taizé- und Taizé ähnlichen Lieder. Ihre getragenen Rhythmen waren in diesen Tagen häufig in der Stadt zu hören. Vor allem das „Cruce tuam“ des freitäglichen Kreuzweges ging unter die Haut. Einfach, schlicht, aber tiefgehend, ebenso wie die Kreuzweg-Bilder. Eine Gruppe Jugendlicher hatte die Stationen in einer Fotogeschichte nachgestellt.
„Bleibet hier und wachet mit mir“, auch dies ist ein Taizé-Lied. Seinen Platz hatte es ganz klar bei der Vigilfeier am Vorabend der Abschlussmesse. Etwa eine Million Menschen hatten sich auf dem Marienfeld eingefunden, einem ehemaligen Braunkohletagebau etwas außerhalb von Köln, um dort unter freiem Himmel zu übernachten, so wie einst die Hirten auf dem Feld. Die drei Elemente Musik, Tanz und Licht rankten sich um die liturgischen Texte dieses Abends.
Musikalisch beeindruckte vor allem Giora Feidman. Eben noch fröhlich-fetzige Klezmer-Musik, ein Hauch vom Heiligen Land mitten im Erftkreis, und plötzlich, ganz zart und sanft, fast zärtlich gestreichelt, Schuberts „Ave Maria“. Rundherum der Schein hunderter Kerzen – für die, die im Gewusel und im Schlamm zur Ruhe gekommen waren und zuhörten, sicherlich ein unbeschreiblicher Moment.
„Die Musik drückt das aus, was nicht gesagt werden kann und worüber zu schweigen unmöglich ist“, stellte einst der französische Schriftsteller Victor Hugo fest. Stellenweise hätte Hugo dies während des Weltjugendtages sicherlich bestätigt gefunden.
Hunderttausende Menschen auf den Spuren der Pilger des Mittelalters, in der Nachfolge der Drei Weisen aus dem Morgenland, unterwegs zum Mensch gewordenen Gott, unterwegs in der Hoffnung auf eine ganz persönliche Gotteserfahrung, suchend, fragend, kritisch, engagiert, offen und neugierig, aber auch beladen mit all den Irrwegen und Sackgassen, die diese Suche nun einmal mit sich bringt.
Die Gespräche in diesen Tagen enthalten viele Zwischentöne, vieles bleibt unausgesprochen, weil es sich nicht in Worte fassen lässt. Die Sprache stößt an ihre Grenzen – und das sind nicht nur die Grenzen, die zwischen Dialogpartnern mit unterschiedlichen Muttersprachen nun einmal ganz natürlich sind.
Wo die Verständigung in einer gemeinsamen Sprache nicht klappt, müssen eben Hände und Füße helfen. Erkennungszeichen dafür, wo die Verständigung sprachlich klappen könnte, sind die vielen Nationalflaggen. Auch deutsche finden sich darunter, mit ungewohntem, fast seltsam anmutendem Stolz getragen. Und bei einem nächtlichen Spaziergang über die Domplatte erklingt auch schon mal die deutsche Nationalhymne, nicht hart und im Marschschritt, sondern zart und melodisch vorgetragen, mit wesentlich mehr Haydn’schem als Fallersleben’scher Anteil.
Hoch emotional, völkerverständigend, grenzüberschreitend, unverzichtbarer Teil der Liturgie und unverzichtbarer Teil des Feier-Abends, ohne die Musik wäre der Weltjugendtag undenkbar gewesen.
Vielleicht war es das, was der amerikanische Geiger Yehudi Menuhin meinte, als er sagte: „Die Musik spricht für sich allein. Vorausgesetzt wir geben ihr eine Chance.“
Siehe auch: Angemerkt
Sacro-Sammelsurium