Internationale Vergleichbarkeit und Angleichung – verstärkter Berufsbezug – Orientierung am Markt und Flexibilisierung des Studiums – eine Verkürzung der Studienzeiten und zugleich eine Erhöhung der Anzahl der Studierenden: In den politischen Rahmenvorgaben erscheint die Bachelor-/Masterstudiengangs-Reform fast als die berühmt-berüchtigte eierlegende Wollmilchsau. Wie jedoch sieht die Umsetzung dieser neuen Rahmenvorgaben aus? Können sie halten, was ihnen zunächst von ministerialer Seite zugesprochen wurde?
Diese Fragen und die speziellen Bedingungen der BA-/MA-Stu- diengänge für die Musiklehrerausbildung sowie die damit einhergehende Modularisierung und die in diesem Kontext unweigerlich zu Tage tretenden Probleme standen im Zentrum einer Fachtagung am Institut für Musik und Musikpädagogik der Universität Potsdam im Februar 2004.
Führende Vertreter der Musikpädagogik von 27 Wissenschaftlichen Hochschulen fanden sich zusammen, um sich über diese hochaktuellen bildungspolitischen Reformen auszutauschen und diese auf bundesweiter Ebene zu diskutieren. Referate wurden von Prof. Dr. H. J. Kaiser (Hamburg), Prof. Dr. Niels Knolle (Magdeburg), Prof. Dr. Bernhard Hofmann (Regensburg) und Prof. Dr. Birgit Jank (Potsdam) abgehalten.
Jürgen Rode ( Prorektor der Universität Potsdam) wie auch Lothar Romain (Vorsitzender der Rektorenkonferenz der Kunsthochschulen und Präsident der Universität der Künste Berlin) und Birgit Jank betonten bereits in ihren Grußworten, wie dringend notwendig ein Austausch der Wissenschaftlichen Hochschulen über diese Reformen auf Bundesebene sei. Birgit Jank hob darüber hinaus hervor, dass besonders vor dem Hintergrund der Bologna-Beschlüsse der EU jedweder Partikularismus der Länder in der Musiklehrerausbildung endgültig fehl am Platze sei; vielmehr müsse möglichst rasch ein gesamteuropäischer Hochschulstandard verwirklicht werden, der den Wissenstransfer und den internationalen Austausch in der Musikpädagogik effektiver, vergleichbarer und transparenter gestalten werde. Die Eckpfeiler dieser Ausbildungsstandards bilden die Bachelor- und Master-Studiengänge. Vorreiter sind die Universitäten Bielefeld und Braunschweig, an denen diese Modelle bereits seit dem Wintersemester 2002/2003 realisiert werden.
Wissenschaftliche Ausbildung
Hermann J. Kaiser begrüßte in seinem vorrangig bildungshistorisch geprägten Vortrag grundsätzlich die Chance, die eine Neugestaltung von Studiengängen an deutschen Hochschulen und Universitäten gerade auch im Hinblick auf institutionelle Kooperationen und kompensatorische Aktivitäten eröffnet. Besonders plädierte er dafür, dass sich die Musikpädagogik an den Universitäten in der Musiklehrerausbildung nicht länger an den auf die wesentlich künstlerisch-praktische Berufspraxis abzielenden Ausbildungsmodellen der Musikhochschulen orientieren dürften. Es gehe vielmehr darum, der Vielfalt musikunterrichtlicher Notwendigkeiten der allgemeinbildenden Schule gerecht zu werden. Dazu sei es unumgänglich, dass die Universitäten eine Musiklehrerausbildung anbieten, die von der Wissenschaftsstruktur der Universitäten geplant und von ihren spezifischen Ressourcen her realisiert werden kann.
Niels Knolle und auch Bernhard Hofmann setzten sich in ihren Referaten direkt mit den Chancen wie auch den Problemen der unmittelbaren Umsetzung der Reformen an den Wissenschaftlichen Hochschulen auseinander. Gleich zu Beginn seines Referats warf Knolle die im Zusammenhang mit der Bachelor-/Master-Diskussion oft diskutierte Frage auf, inwieweit mit dieser Konzeption nicht nur das Alte im Neuen gespiegelt werde oder – anders formuliert – hierdurch einfach nur alter Wein in neuen Schläuchen verkauft werde. Besonders der Kern der Studiengangreformen, die Modularisierung und das Leistungspunktesystem könne im Hinblick auf das hier erforderliche hohe Planungs- und Aufwandsniveau auf die Universitäten abschreckend wirken, zumal das Credit-Point System besonders bei der Verrechnung von instrumentalen Übezeiten schnell Disproportionen im gesamten System nach sich ziehen könne. Der Verwaltungsaufwand durch die Kreditierungen und die studienbegleitenden Prüfungen sei dramatisch gestiegen, betonte Knolle.
Allein an der vergleichsweise kleinen Universität Greifswald seien sieben Angestellte für die Dokumentationen in einem zentralen Prüfungsamt nötig. Da darüber hinaus die Module in regelmäßigen Abständen immer wieder angeboten werden müssen, befürchtet Knolle, dass hierdurch eine gewisse Gefahr der Fixierung von Studieninhalten bestehe. Dies bedeute, dass mit einer konsequenten Modularisierung eine Einschränkung der Lehrfreiheit einhergehe, da bestimmte Module und Lehrveranstaltungen obligatorisch in jedem Semester abgehalten werden müssten.
Allgemein bestehe die Gefahr, dass vielerorts möglicherweise lediglich die Etiketten geändert, die Inhalte und die Gesamtkonzeption jedoch unverändert blieben. Darüber hinaus sei bereits in dieser frühen Phase der Reformen aufgrund der föderalistischen Struktur der Bildungspolitik ein nicht zu unterschätzender Trend zu partikularen, spezifischen Lösungen für die Bundesländer zu bemerken, der eine Kooperation und vor allem eine gegenseitige Anerkennung von Studienleistungen zwischen den Bundesländern erschweren könne. Hierbei bilden vor allem die von vielen Bundesländern unterschiedlich gehandhabte Frage, ob die Lehrbefähigung bereits nach dem Bachelor- oder erst nach dem Master-Abschluss erworben werden kann sowie die damit einhergehenden – bisher noch – ungelösten Besoldungsfragen weitere wichtige noch zu lösende Probleme.
Integratives Konzept
Bernhard Hofmann setzte sich in seinem Referat mit der Zukunft der Ausbildung von Gymnasiallehrern an der Universität auseinander und knüpfte damit an den bereits von H.J. Kaiser aufgeworfenen kardinalen Balanceakt der Musiklehrerausbildung an, der in der Bildungspraxis zwischen Kunst und Wissenschaft bewältigt werden muss. Hofmannn betonte nachdrücklich, dass die Universität keine künstlerische Profilbildung betreiben solle. Ein integratives Konzept wie sein vorgestelltes Regensburger Modell, in dessen Kern die Musikpädagogik, das heißt die musikpädagogische Praxis, als zentrale Bezugsdiziplin stehen solle, sei gegenüber dem bereits von Leo Kestenberg propagierten additiven Ausbildungskonzept, das eine Synthese von Erzieher zu Künstler und Wissenschaftler in der Person des Musiklehrers vorschlug zu favorisieren.
Die regen Diskussionen im Anschluss an die Referate kreisten im Wesentlichen um drei große Problemkomplexe: Einmal wurden die unterschiedlichen Ausbildungsgänge von Musiklehrern an Universitäten und Musikhochschulen immer wieder thematisiert und zueinander in Beziehung gesetzt. Es wurde darauf hingewiesen, dass an den Musikhochschulen das Schulmusikstudium seit vielen Jahren als so genanntes Parkstudium für ein späteres Solofach missbraucht wird, da bekanntlich die Anforderungen in den vokalen und instrumentalen Aufnahmeprüfungen in der Schulmusik an den Musikhochschulen in der Regel niedriger ausfallen als in den rein künstlerischen Fachausbildungen.
Darüber hinaus wurde in diesem Zusammenhang auch besonders die Diskrepanz zwischen der Zahl der abgeschlossenen Schulmusikstudien und der Zahl der anschließend in diesem Beruf Tätigen angesprochen.
Der dritte große Themenkomplex der Diskussionen bewegte sich um die Frage der Dichotomie von Wissenschaft und Kunst beziehungsweise um das Verhältnis von wissenschaftlichen und künstlerischen Anteilen in der Modularisierung der Musiklehrerstudiengänge. Hierbei gelangte man rasch zu dem bereits oft in der Vergangenheit geäußerten Statement, dass die künstlerische Praxis zu teuer, die Wissenschaft hingegen zu praxisfern sei.
Vielfach quasi über Nacht wurden viele Universitäten von den ministerialen Beschlüssen hinsichtlich der Modularisierungen überrascht, die dann häufig innerhalb kürzester Zeit umzusetzen waren. Diesen politischen Beschlüssen standen und stehen viele Bildungsanstalten immer noch hilflos und überfordert gegenüber, da hiermit über Jahrzehnte gewachsene Studienordnungen über den Haufen geworfen und durch die neuen Modelle ersetzt werden sollen. Es war daher an der Zeit, dass sich die relevanten Ausbildungsinstitutionen endlich auf bundesweiter Ebene austauschen und über ein weiteres gemeinsames Vorgehen in Bezug auf die Studiengangsreformen beraten und abstimmen konnten.
Auf Initiative des Vorbereitungsteams der Tagung wurde sogar eine ständige Konferenz Musikpädagogik an Wissenschaftlichen Hochschulen Deutschlands konstituiert, um bei diesem Umbruchsprozess gegenseitige Hilfestellungen zu geben und den Austausch auf Bundesebene über längere Sicht zu ermöglichen. Diese Konferenz soll als politisches Sprachrohr und Diskussionsforum fungieren sowie als länderübergreifendes Netzwerk gegenseitige Kooperationen befördern und im Hinblick auf die Bologna-Verträge in Zukunft eine möglichst große Einheitlichkeit bei den Studiengangskonstruktionen in der Musiklehrerausbildung sichern.
Eine nächste Verständigung zu Mustermodulen in der Musiklehrerausbildung ist für November 2004 an der Universität Bielefeld geplant. Hierbei sollen zudem grundlegende erziehungswissenschaftliche Erfahrungen und Erwartungen an einen sinnvoll strukturierten Ausbildungsgang für Musiklehrer einfließen.