Dresden - In der Kulturstadt Dresden existiert kein einziger brauchbarer Konzertsaal. Was schon Hofkapellmeister Richard Wagner kritisierte, wurde nach der Wende immer wieder von den ansässigen Kulturschaffenden bemängelt.
Marek Janowski legte etwa aus eben diesem Grund sein Amt als Chefdirigent der Dresdner Philharmonie vorzeitig nieder. Die Sächsische Staatskapelle, die ihre Konzerte in der Semperoper spielt, ist mit ihrer Interimslösung ebenfalls unzufrieden.
«Auch wenn die Semperoper als Opernspielstätte über unbestrittene Qualitäten verfügt, stößt sie im Konzertbereich bei Werken ab Richard Strauss, dessen Werke seit Jahrzehnten zum Kernrepertoire der Staatskapelle gehören, unüberhörbar an ihre Grenzen», sagte Generalmusikdirektor Fabio Luisi der Nachrichtenagentur ddp. Wiederholt regte er an: «Nur ein neuer Saal, der von beiden Orchestern genutzt werden sollte und auch den Dresdner Musikfestspielen und berühmten Gastorchestern offen stünde, kann dieses Dilemma lösen.»
Der Dresdner Stadtrat tat sich lange schwer mit einer Entscheidung. Im Juli 2008 beschloss die Mehrheit von CDU, FDP und den Grünen, den lange schon maroden Kulturpalast instand zu setzen und im Zuge der Modernisierung den beliebten Mehrzwecksaal zu verkleinern, auf dass er künftig für die Konzerte der Philharmonie «angemessene Bedingungen» biete.
Die damals frisch gewählte Oberbürgermeisterin Helma Orosz (CDU) - der Umbau des Kulturpalastes war eines ihrer Wahlversprechen – ist nach wie vor überzeugt: «Der Umbau des Kulti zu einem hochwertigen Konzertsaal ist machbar und vor allem finanzierbar. Er gibt der Philharmonie Planungssicherheit und bessere Zukunftsperspektiven.» Auch deren Intendant Anselm Rose findet: «Nur über ein neues Konzerthaus reden zu wollen, ist zu wenig. Man muss auch konkret sagen, wie es finanziert und betrieben werden soll.»
Tatsächlich zeigt das vor einigen Monaten offiziell vorgestellte Alternativmodell - nämlich ein Konzerthaus-Neubau am Dresdner Elbufer, vis-à-vis der berühmten «Brühlschen Terrasse» - zwar erste gangbare Wege der Finanzierung auf; eine Gesamtkalkulation von Investitions- und Betriebskosten, insbesondere für die Einwerbung internationaler Orchester, fehlt aber bisher.
All das müsste seriös bis zum Ende durchkalkuliert sein, fordert Sachsens Kunstministerin Eva-Maria Stange (SPD). Sie ist bereit für eine Machbarkeitsstudie, allerdings nur zusammen mit der Stadt: «Dresden profitiert schon heute in sehr hohem Maße von Landeskultureinrichtungen und sollte für ein solches Konzerthaus auf jeden Fall auch in die Pflicht genommen werden.»
Ein neuer Saal im Kulturpalast, für dessen Umbau insgesamt die Stadt Investitionskosten in Höhe von 65 Millionen Euro veranschlagt, würde den geforderten Möglichkeiten nur eingeschränkt Rechnung tragen können, argumentiert die Ministerin. Nicht zuletzt solle ein Konzerthaus für Dresden architektonisch so gestaltet sein, dass es international als Anziehungspunkt fungiert: «Schon deshalb wäre es wünschenswert, wenn sich die Stadt für ein neues Haus entscheiden könnte.»
Die Stadt jedoch will am Umbaumodell festhalten und Alternativen nicht weiter verfolgen. Dazu zählen auch die Vorschläge der Initiative «Kulturpalast erhalten», die mit Hilfe der Linken und der SPD in den zurückliegenden Monaten mehr als 10 000 Unterschriften für den Erhalt des Dresdner Kulturpalasts als multifunktionale Stadthalle gesammelt hat. Genutzt werden soll das Haus demnach wie bisher "in erster Linie durch die Unterhaltungsmusik, durch Volksmusik, Schlager, Rockmusik, Operettenaufführungen, Musicals und weitere Veranstaltungen wie das Dixielandfestival», wie der kulturpolitische Sprecher der SPD-Fraktion, Wilm Heinrich, das Anliegen formuliert.
Der Initiator der Konzerthaus-Idee, der Dresdner Architekturprofessor Manfred Zumpe, hat unterdessen für Mittwoch (29. April) zu einer öffentlichen Podiumsdiskussion eingeladen, auf der die Alternativen zum Kulturpalast-Umbau noch einmal erörtert werden sollen. Auf dass sich die Stadt nicht länger mit dem Hinweis, es gebe keine gangbaren Alternativen, einer Machbarkeitsprüfung verweigere. Auch Zumpe mahnt ein gemeinsames Handeln von Stadt und Land an: «Wenn die Verantwortlichen für die Kultur die Stadt Dresden in den obersten Rängen der europäischen Musikkultur erhalten wollen, muss in dieser Beziehung etwas geschehen, sonst werden wir von anderen Städten überholt.»
Elf Daten zum Kulturpalast Dresden
- Der Bau des Kulturpalastes begann 1962, 1969 wurde er eröffnet
- «Großer Saal» war mit 2400 Plätzen der größte Mehrzwecksaal in der DDR
- 2007 wegen mangelhaften Brandschutzes für fünf Monate geschlossen
- 2008 unter Denkmalschutz gestellt
- am 3. Juli 2008 beschließt der Stadtrat den Umbau
- zum Wettbewerb gingen 28 Arbeiten ein; 7 Entwürfe sollen am 17./18. Juni vor dem Preisgericht präzisiert werden
- der Baubeginn ist für 2012 geplant
- Hauptnutzer werden Dresdner Philharmonie und die Städtischen Bibliotheken sein, für die Nebennutzung sind unter anderem das Kabarett Herkuleskeule und das Besucherzentrum der Dresdner Frauenkirche vorgesehen
- Konzertsaal mit 1900 Plätzen kann für bestimmte Veranstaltungen nicht mehr genutzt werden, weshalb die Stadt ein Konzept zur Umgestaltung der Messehalle angekündigt hat, wo künftig etwa Volksmusik-Veranstaltungen stattfinden sollen
- Philharmonie soll übergangsweise in Kreuzkirche, Frauenkirche und Kongresszentrum spielen und umfangreiches Tourneeprogramm absolvieren
- Die Initiative «Kulturpalast erhalten!» wird vom Architekten Wolfgang Hänsch und Künstlern wie Udo Jürgens, Roger Cicero, Annett Louisan unterstützt