Klarinette und Orgel, der 1936 in Argentinien geborene Jude Giora Feidman und Leipzigs einstiger Gewandhausorganist Matthias Eisenberg sind derzeit auf Konzertreise – Gegensätze, die unzusammenhängend scheinen, aber nicht unvereinbar sind. Musik baut Brücken, öffnet Tore und Welten, ist sich der Klezmer-Experte gewiss. Im Gespräch mit Michael Ernst erläutert er, dass endlich auch die Gegensätze zwischen Israelis und Palästinensern überwunden werden müssten.
nmz Online: Giora Feidman, Sie werden in wenigen Wochen 73. Derzeit touren Sie wieder zu Konzerten durch Deutschland. Wie fühlen Sie sich?
Giora Feidman: Sie wollen sagen, dass ich ein alter Mann bin? Um ehrlich zu sein, ich weiß nicht, was diese Zahl 73 bedeutet. Mir ist die Musik gegeben, das ist mein Job, meine Aufgabe. Und Gott sei Dank habe ich auch die Gesundheit, meine Arbeit zu tun. Klarinette zu spielen ist ja nicht schwer, sie ist quasi das Mikrofon meiner Seele. Es ist, als ob ich kein Instrument spiele, sondern einfach nur singe. Die Musik ist meine Sprache, sie bringt die Botschaft zu den Menschen. Und jetzt werden Sie fragen, welche Botschaft das denn sei. Wenn ich das erklären könnte, bräuchte ich keine Musik. So einfach ist das, und so schwer. Aber im Ernst: Du fühlst es! Jeder Mensch spürt doch, was ihm die Musik zu sagen hat.
nmz Online: In Deutschland haben Sie mit Ihrer Musik einen besonderen Bezug gefunden?
Feidman: Ja, das Land ist mir Heimat geworden. Ich vergesse nichts von dem, was geschehen ist, was meinem Volk – von hier ausgehend – angetan wurde. Nur so können wir unseren Kindern das Zusammenleben erklären und zeigen, dass Vergeben, dass Aussöhnung möglich ist. Die Menschen sind doch zu nichts anderem da, als in Frieden miteinander zu leben! Das kann ich hier praktizieren wie beinahe nirgendwo sonst. Wenn ich damit anderen ein Beispiel gebe, gern. Insofern ist der Künstler, der Artist, vielleicht tatsächlich eine Art Doktor für die Seele.
nmz Online: Ihr Landsmann Daniel Barenboim versteht diesen Einsatz ganz praktisch und mischt sich immer wieder in die israelisch-palästinensischen Konflikte ein.
Feidman: Ach, der Dani, der ist ein Engel! Ich meine das wirklich so. Wir sind sehr eng befreundet und ich bewundere ihn immer wieder, was er beispielsweise mit seinem Orchester auf die Beine gestellt hat, das ja aus Israelis und Arabern besteht, aus Juden und Muslimen. Aber darum geht es gar nicht, es geht auch nicht um Daniel Barenboim und um mich, nein, es geht nur um die Musik. Sie kann die Herzen öffnen. Ich gehe so weit, zu sagen, dass Musik auch Frieden bringen kann. Das ist keine Utopie, das ist ein Fakt. Barenboim und seine Musiker beweisen das ja. Wissen Sie, meine Enkelkinder in Jerusalem gehen gemeinsam mit palästinensischen Kindern in den Kindergarten. Und ich habe so viele arabische Freunde, auf die ich niemals verzichten könnte. Das ist normales Leben. Das ist Kultur. Doch wir können auch nicht übersehen, dass es – auf beiden Seiten! – völlig korrupte Menschen gibt, die eine Situation wie die derzeitige heraufbeschwören. Darin liegt das Desaster! Niemand hat das Recht, Menschen zu töten, Kinder umzubringen. Aber sie tun es. Aus Dummheit und Hass. Ich denke, dieselben Leute, die den Krieg ausgelöst haben, müssen ihn stoppen. Dani ist kein Staatsmann, der das könnte, ich bin es auch nicht. Aber wir müssen alle miteinander reden, müssen ein, zwei, drei Generationen miteinander leben, reden, uns zuhören. Das könnte eine Lösung sein. Dieser Krieg jedoch, der löst nichts.
nmz Online: Seit einigen Tagen ist die Welt wieder frei von George W. Bush sein, sehen Sie darin eine Hoffnung für den Konflikt?
Feidman: Ah, wir haben doch alle die Hoffnung, dass dann wieder Vernunft einkehren wird. In den vergangenen Jahren hat sich allerdings eine Basis des Terrors etabliert, die auf allen Seiten schreckliche Folgen hat. Die islamischen Terroristen haben vom Koran so viel verstanden wie Rabins Mörder von der Thora – nichts. Nichts! Die arabische Welt darf nicht als Feindbild gesehen werden, denn grundsätzlich unterstützt sie keinen Terror. Also müssen Kunst, Bildung und auch Wirtschaft gefördert werden. So könnte endlich wieder ein zivilisierter Umgang miteinander die Oberhand gewinnen. Ich bin übrigens der Meinung, dass Deutschland momentan der zivilisierteste Ort der Welt ist. Auch wenn es hier längst viel zu viel Deutsche gibt.
nmz Online: Mit einem urdeutschen Künstler sind Sie seit einigen Jahren eng verbunden und sind mit ihm derzeit auf Konzertreise, dem Organisten Matthias Eisenberg.
Feidman: Sie ahnen gar nicht, wie glücklich ich bin, dass wir zusammenfanden. Ich empfinde das wie eine göttliche Fügung. Man mag mir glauben oder nicht – er kommt einer Reinkarnation nahe. Wenn wir miteinander musizieren, fühle ich Bach! Jedes Konzert mit ihm ist einzigartig, nie eine Wiederholung, das kann man intellektuell gar nicht ausdrücken. Ich habe unheimlich viel von ihm gelernt.
nmz Online: Dabei verkörpern Sie Klezmer, er Bach – ziemliche Unterschiede!
Feidman: Ja, gewiss, aber alles ist Musik! Tief empfundene Musik. Die ist nicht dazu da, um Eindruck zu machen. Die ist ein Sich-Mitteilen. Punkt. Leute zum Klatschen zu bringen ist einfach. Aber Menschen zum Schweigen zu bringen, darin liegt für mich hohe Kunst.
Konzerttermine Feidman/Eisenberg:
28.1.: Bielefeld, Oetkerhalle
29.1.: Paderborn, Adinghofkirche
30.1.: Remscheid, Lutherkirche
31.1.: Siegen, Martinikirche