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Wagner-Sänger im Unruhestand: Rainer Goldberg im Berliner „Lehrstück“. Foto: www.thepaulgreen.com
Wagner-Sänger im Unruhestand: Rainer Goldberg im Berliner „Lehrstück“. Foto: www.thepaulgreen.com
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„Es ist noch Suppe da!“ Brecht/Hindemiths „Lehrstück“, an der Staatsoper Berlin aufs Dreifache gedehnt

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Brechts „Lehrstück“, in der Regie des Autors und mit der Musik von Paul Hindemith 1929 in der Stadthalle Baden-Baden uraufgeführt, erscheint als eine optimale Spielvorlage für das Werkraumtheater der Berliner Staatsoper, zumal für eine Aufführung – im Gegensatz zu den Partituren von Wolff-Ferrari und Schostakowitsch – der Orchesterapparat nicht eingedampft werden muss.

Denn Hindemith hat sein Particell offen angelegt, um es „in beliebiger Stärke und Zusammensetzung“ den jeweiligen Wünschen und Möglichkeiten des Aufführungsorts anzupassen. Das Publikum soll mitspielen und mitsingen und so die architektonische, wie die geistige Rampe aufheben. Auch die Aufführungsdauer von rund 30 Minuten ist unbestimmt, bewusst offen für Einfügungen. Diese Struktur der Spielvorlage ermöglichte es dem Regisseur Michael von zur Mühlen, die Aufführungsdauer des „Lehrstücks“ zu verdreifachen und dabei Hindemiths Komposition geradezu peripher erscheinen zu lassen.

Die Uraufführungsproduktion hatte einen Skandal ausgelöst, was Brecht als „großen Erfolg“ für sich wertete. Weder Kurt Weill, der am „Lindberghflug“, dem konzipierten zweiten Teil, gemeinsam mit Hindemith gearbeitet hatte, noch Hindemith selbst wollten Brechts bald darauf erfolgte Wendung zum Marxismus-Leninismus mitvollziehen, und nach der Uraufführung trennten sich die Wege von Komponist und Autor, der seiner dramatischen Erstfassung bald weitere Versionen folgen ließ.

Die Geschichte vom abgestürzten, der Hilfe bedürftigen Piloten, dem der Chor diese Hilfe bewusst verweigert, da der Flieger seine Kräfte überschätzt hatte und somit an seiner Not selbst schuld ist, verlangt neben einem Tenor für den Flieger eine zweite Männerstimme, sowie eine Tänzerin als Tod, drei Clowns, die einen von ihnen in sämtliche Gliedmaßen zerlegen und einen Chor.

Die Berliner Aufführung verzichtet auf die Tänzerin und auf die drei Clowns, die in der Uraufführung von Theo Lingen, Karl Paulsen und Benno Carlé dargestellt wurden. Statt dessen tritt zum exakt singenden Chor eine Gruppe von Kleindarstellern. Darunter ist eine ehemalige Dramaturgin aus Lübeck, ein Badenser, der sich das Gesicht mit schwarzem Klebeband „tapet“, ein Berliner Sozialarbeiter und ein Schlingensief-Adept, der die „Kirche der Angst“ hochhält. Gemeinsam mit einem Protest-Rapper am Keyboard, mischen sie das mit ihnen an Wirthaustischen sitzende Publikum lautstark und agitatorisch auf: sozialkritische Texte zur aktuellen Lage in Europa und der Welt gemischt mit individuellen Erlebnisberichten, asozialem Gebrülle („Halt die Fresse, du Arschloch!“) und Diskursen über Bertolt Brecht.

In der Uraufführung beim Musikfest “Deutsche Kammermusik Baden-Baden“ hatte insbesondere der eingefügte Film „Totentanz“ von Valeska Gert Missfallen erregt. An seine Stelle tritt in Berlin eine 3sat-Dokumentation über ein Schlepper-Boot mit Flüchtlingen aus Somalia.

Ausstatter Christoph Ernst hat die Werkstatt des Schillertheaters in eine soziale Suppenküche verwandelt. Bassbariton Nicholas Isherwood schenkt eine ganz vorzügliche Spargelsuppe aus, obendrein sind Kaffee und Wodka im Kartenpreis inbegriffen. Choristen und Instrumentalisten sind daran zu erkennen, dass sie an Gliedmaßen, Leib oder Hals bandagiert sind. Dies chiffriert sie als die eigentlich „Abgestürzten“ in dieser Gesellschaft. Ein dreistimmiger Chorsatz, „Es ist noch Suppe da!“, gehört zu den wenigen wohl tönenden Einlagen.

Hindemiths originale Klänge – hier dargeboten von Flöte, Trompete, Violoncello, Harmonium, Klavier und Schlagzeug – sind geradezu akustische Lichtpunkte des Abends, in der Wirkung noch gesteigert durch einige Passagen, die in Hindemiths großer Besetzung als „Fernorchestereinspielungen“ durch die Staatskapelle Berlin ertönen, – von Dirigent David R. Coleman im Vorfeld aufgenommen und von der Tontechnik nahtlos integriert.

Rainer Goldberg ist aus seinem Ruhestand an die Staatsoper in der Rolle des Fliegers zurückgekehrt: mit ausgeruht sicherem Heldentenor verkörpert er den abgestürzten, weinerlichen Piloten („Ich will meine Suppe!“), den er allerdings anreichert mit Wagner-Zitaten aus „Lohengrin“ und dem „Ring“ (so beschimpft er einen für musikalische Ohren besonders unangenehmen Aktivisten mit Siegfrieds „Schmecke mein Schwert, ekliger Schwätzer!“).

Das Publikum nimmt dies dankbar zur Kenntnis, rezitiert auch die ausgegebenen Texte als Antiphon zum baritonalen Vorbeter, folgt jedoch nur sehr begrenzt der Aufforderung zum Mitsingen. Manche verlassen vorzeitig die Aufführung, mache feiern mit Wodka aber noch nach Vorstellungsende weiter. Entgegen den Intentionen der Regie und deren Verzicht auf eine Applausordnung, dankt das Premierenpublikum den Sängern und Instrumentalisten mit herzlichem Schlussapplaus – für einen ungewohnten, ungewöhnlichen und obendrein sogar gastronomisch kulinarischen Brecht-Abend.

Diesmal besitzt das Werkstatt-Programmheft musikalischen Bezug: Hindemiths Vorwort zur Partitur folgt der Abdruck eines SWR-Vortrags.

Weitere Aufführungen: 10., 12., 14., 16., 17., 23., 24.  Juni 2012.

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