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Rushhour und große Kunst: Eva Mei als Violetta im Zürcher Hauptbahnhof. Bildrechte: ARTE
Rushhour und große Kunst: Eva Mei als Violetta im Zürcher Hauptbahnhof. Bildrechte: ARTE
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Oper fürs Fernsehen – Violetta stirbt im Zürcher Hauptbahnhof

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Bitte von den Geleisen zurücktreten! Gestern Abend hatte Verdis La Traviata Premiere im Zürcher Hauptbahnhof. Und alle waren glücklich: die frierenden Opernorchestermusiker unter Paolo Carignani, die Solisten und auch die vielen Passanten, die ihre Anschlusszüge verpassten, weil sie sich vom Operngeschehen in der Halle des Bahnhofs verführen ließen.

Dabei war es nicht ganz einfach der Handlung zu folgen. Der Opernchor hielt sich vor allem im Bahnhofsbistro auf, die Solisten spielten an verschiedenen Bahnsteigen, das Orchester war weit weg in der Halle und das Publikum musste den Akteuren hinterher eilen. Logenplätze gab es keine. „Wir machen hier Oper fürs Fernsehen“, so der Regisseur Adrian Marthaler. Als Zuschauer der Live-Aufführung sehe man eben immer nur ein Mosaik, die Gesamtsicht habe nur Fernsehzuschauer. Der Gewinner dieser Gemeinschaftsproduktion von Oper Zürich, Schweizer Fernsehen, SBB und ARTE waren also die TV-Zuseher, die davon profitierten, dass Marthaler und der Fernsehregisseur Felix Breisach nicht die Oper abfilmten, sondern das Geschehen TV-wirksam inszenierten. Web-Reporter ermöglichten es, alles was vor und hinter der Kamera passierte, live mitzuverfolgen und in einem Live-Chat sammelten sich Reaktionen von Bamberg bis Bern. Obwohl die Sängerinnen und Sänger nach jedem Auftritt wieder in Decken gehüllt wurden, damit das kostbare Stimmmaterial nicht durch den kühlen Herbstwind litt, der durch die Halle strich, schienen sie beflügelt zu sein von dieser neuartigen Opernwerkstatt.

Die italienische Sopranistin Eva Mei gehört seit vielen Jahren zu den populärsten Ensemblemitgliedern des Zürcher Opernhauses. Sie glänzte als Violetta vom ersten Ton an bis zu ihrer Todesszene in der großen Bahnhofshalle  der Tod ereilt sie im Gegensatz zur Kameliendame in der literarischen Vorlage von Alexandre Dumas nicht in Einsamkeit, sondern in den Armen ihres geliebten Alfredo, der mit Blaulicht und Krankenwagen auf den Perron vorfährt. Vittorio Grigolo war als Alfredo nicht nur stimmlich souverän, sondern erkannte in der Bahnhofssituation ein ideales Podium, um auch schauspielerisch zu glänzen. Bariton Angelo Veccia hatte als spießiger Vater Giorgio keine Mühen mit Mikrofonierung und ungewohnter Akustik, auch er schien die Live-Übertragung, bei der die Solisten in ungewohnter Nahansicht über den Bildschirm flimmerten, zu genießen.

Im Gegensatz zu den Opern-Live-Übertragungen wie sie diesen Sommer in Bayreuth oder München auf diversen Großleinwänden zu sehen waren, bringt Oper fürs Fernsehen noch einmal eine ganz andere Dimension des Theatralischen ins Spiel: Reportage, Inszenierung, Regietheater und die heimische Couch gehören auf einmal zusammen. Was wird das nächste Experiment der Oper Zürich sein? Vielleicht ein Fliegender Holländer am Flughafen Kloten?

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