Brechts Ausspruch „Glotzt nicht so romantisch“ hatte sich die ungewöhnliche Musiktheater-Formation als Motto gewählt: aber alle Zuschauer auf der Tribüne der alternativen Bühne Eden in Pankow glotzten nicht schlecht, was da die jungen Sängerdarsteller zwischen 12 und 25 Jahren an Einzel- und Gruppenleistungen, die sich erstaunlicherweise zu einem Ganzen fügten, darboten – vom eröffnenden Federballspiel bis hin zur frechen finalen Chorus Line mit dem Song „Lollipop“.
„So sieht eine Meisterklasse für Neue Musik aus“, kommentierte das Regie führende Multitalent Maria Husmann diese Aufführung, und fügte bekräftigend hinzu, das sportliche Spiel beim Publikums-Einlass sei „gut für die Stimme“.
1981 im Staatstheater Kassel war die Sopranistin Maria Husmann die erste Zerlina auf Rollschuhen, die das Finale des ersten Altes von „Don Giovanni“ halbnackt, in eine S/M-Kugel gefesselt, gestaltete. Die von der „Opernwelt“ als „beste Opernsängerin des Jahres“ ausgezeichnete Sängerin an den Opernbühnen in Hamburg, Stuttgart, Hannover, Dresden, Leipzig, München, den beiden großen Berliner Opernhäusern und an der Mailänder Scala, arbeitete anschließend, von 1993 bis 1998, als Schauspielerin am Berliner Ensemble.
Die Lebensabschnittsgefährtin der letzten zwanzig Jahre des Regisseurs Peter Palitzsch, leitet seit 2004 in verschiedenen Ländern Workshops für Interpretation und szenische Gestaltung. Ihre zweite Berliner Produktion „Lust auf Neues“, mit szenisch umgesetzter Vokalmusik des 20. und 21. Jahrhunderts, macht durchaus Lust auf Mehr.
Nur fünf Tage lang gearbeitet hat Maria Husmann an dieser Produktion, die gleichwohl szenisch perfekt abläuft.
Vokal trefflich klingt die Szene der Nymphen aus Strauss’ „Ariadne auf Naxos“ und vom Spiel her überbordend reizvoll, wenn sich die jungen Gören über den weiß gewandeten Bacchus hermachen, der im Freien, vor der hohen Fensterfront im Garten (des) Eden Freiübungen vollführt, sobald er ihr Reich, die Bühne betreten hat. Doch dieser Bacchus ist kein Tenor, wie bei seiner Replik, dem mit fundiertem, samtigem Bass intonierten „Love me tender“ von Elvis Presley deutlich wird. Zerbinetta (Lilith Verhelst) gestaltet ihre Bravourarie bebrillt als Vorsingnummer einer scheinbar unbedarften Opernnovizin. Weinen, Schnäuzen und Gähnen gehören mit zu den Charakterisierungsmitteln in vier Solonummern von Mauricio Kagel, die Clara Kunzke exerziert. Auf Spitze bewegt sich Michelle Buck bei ihrem a cappella-Gesang „Tanz der müden Füße“ aus Paul Dessaus „Leonce und Lena“, und in der Soloszene des Doktors aus Alban Bergs „Wozzeck“ vermag der 20-jährige Bassist Mximilian Klakow stimmlich und in seiner Diktion ohne Abstriche zu überzeugen. Seine jungen Kolleginnen hingegen sind oft weniger gut zu verstehen und bisweilen auch (noch) arg schrill in den Spitzentönen.
Aus dem Kreis des Ensembles heraus schälen sich solistisch individuelle Sternbilder in Karl-Heinz Stockhausens „Tierkreis“. Den Resonanzraum des Flügels nutzt der Skorpion für Echo- und Oberton-Wirkung. Witzig und effektvoll leitet Regieassistent Tilman-P. Schulze als Dirigent ein „Sound-Painting“: die ad hoc–Komposition von Lachen und Weinen, auch mit Einsätzen ans Auditorium, gemahnt an Bobby McFerrins Singen mit dem Publikum. Die jungen Schwestern Laura und Johanna Tirrel gestalten das Pflaumenlied aus Dessaus „Puntila“, wobei das a cappella-Duett perfekt intoniert und mit Hulla-Hupp-Reifen szenisch verfremdet wird. Das Leid der Frauen an ihren männlichen Partnern macht Husmann mit Brecht-Weills Protagonistinnen aus „Happy End“ und „Dreigroschenoper“ deutlich: die Dreierszene mit Nele Schulz, Franziska Hiller und Michelle Buck gerät witzig und kurzweilig. (Dass der Vorname des Dichters auf dem Programmzettel falsch geschrieben ist, verwundert angesichts der zahlreichen Brecht-Bezüge der in Kooperation mit dem Peter-Palitzsch-Haus e.V., Havelberg erstellten Musiktheater-Collage, doch bleibt es die einzige Unzulänglichkeit des ansonsten perfekten Abends.)
In Luciano Berios Parodie auf das Konzert-(Un)wesen, „sequenza III“, brilliert Sophia Körber im langen Abendkleid mit Perlenkette. Sie verjagt den ausgezeichnet (mit-)spielenden Pianisten und kommt solistisch, mit Flüstern, Röcheln, Husten, Schnalzen und Kreischen, Cathy Berberian durchaus nahe.
Eine „Vocalise amoureuse pour Soprano éperdue“ gestaltet Nele Schulz als ein betrunkenes Mädchen in der Tradition der Überbrettl-Lieder von Oscar Straus, allerdings an Exzentrik noch gesteigert in Isabel Alboukers Komposition „Je t’aime“. Als der Pianist (musikalischer Leiter am Klavier: Peter Gutschmidt) die Alkoholikerin, die sich auf dem Flügel breit gemacht hat, wegschiebt, setzt sie sich direkt auf seinen Schoss – und er spielt unbeirrt weiter.
Die ungewöhnliche Musiktheater-Premiere erntete viel Zuspruch von einem gemischten Publikum aus Opern- und Schauspielfreunden.