Die große Halle der ehemaligen Zeche Lohberg in Dinslaken wird von Johan Simons mit „Accattone“ nach dem Kino-Erstling von Pier Paolo Pasolini und tröstlicher Klagemusik von Sebastian Bach als Ort der Kunst in Betrieb genommen.
Es gibt Orte, die man so schnell nicht vergisst. Bei einigen dürfte es der starke Natureindruck in Verbindung mit einer dunklen Aura sein, die sich nachhaltig dem Gedächtnis einschreibt. Zu touristischen Zielen dieser Art gehören das Höhlensystem von Niaux, die Grotte „Ohr des Dionysos“ in Syrakus und die eine oder andere gotische Kathedrale. Das Betreten der Kohlenmischhalle der Zeche Lohberg in Dinslaken kann zu den bleibenden Eindrücken hinzukommen. Das von Verschleiß, Demontage und langjährigen Witterungseinflüssen gezeichnete Gebäude mit der Grundfläche von zwei Fußballfeldern und einem ins Nichts führenden Eisenbahngleis wirkt in der Abenddämmerung wie ein gigantischer Schlund, der Menschen, Geschichten und Geschichte zu sich nimmt. In luzider Weise umhüllen die Stahlkonstruktion und die ihr auferlegte Wellblechbedachung, die unmittelbar schwungvoll in die Verkleidung der Wände übergeht, einen kolossalen Raum.
Der verweist nicht nur auf eine große und von Traumata nicht freie Geschichte, sondern will mit der neuen Funktionalisierung als Turn-, Ton- und Andachtsraum postmodern verzahnter Künste zugleich irgendwie auch eine Zukunft haben. Abriss, Einebnung des Geländes und dessen völlig frische Nutzung wäre vermutlich die kurz- und mittelfristig kostengünstigste Lösung. Das Provisorische der „Instandsetzung“ samt einigen optischen Spuren eines offensichtlich nicht grenzenlos großzügigen Etats deuten gleichwohl an, dass das langfristige Überleben dieses Industriedenkmals noch nicht garantiert ist.
Die bereits zu Zeiten der Kohleverarbeitung einsetzende Dekonstruktion der Zeche wurde gestoppt. Neue Provisorien sorgen für ein Minimum an (zugiger und hart bestuhlter) Gastlichkeit. „Wetterfeste Kleidung und festes Schuhwerk“ empfiehlt die Eintrittskarte. Als lange Schlange nähern sich die Besucher der Kreation von Johan Simons von den frisch geschotterten Parkplätzen und der ehemaligen „Zentralwerkstatt“ her. Für Opernschuhe ist der grobkörnig befestigte Weg, auf dem es zwischen Bauzäunen unterm stillgelegten Förderturm hinweg zur Mischhalle geht, nicht geeignet. Größere Berge und mannshohe Häufen von spitzkantigem Schotter, zerbröselten Steinen und vorsortierten Altmetallteilen säumen ihn. Der staubige, harte und zumindest ein wenig mühsam zu begehende Bodenbelag der von wild gewachsenem Gebüsch und Baumbestand befreiten Außenflächen setzt sich im Inneren der Halle fort. Ganz an deren hinterem Ende erhebt sich die Zuschauertribüne, vor ihr ein Orchesterpodium, und – halb verdeckt – das vergilbte Schild „Jupiter-Schacht“ sowie ein zunächst noch mit rot-weißem Plastikband gesichertes tiefes Loch, das dann später auch erwartungsgemäß als Grab bespielt wird. Seitwärts rechts ein schäbiger Container als Blickfang und -schutz – und in der Mitte der Prellbock am Ende der Schienen.
In den immensen Weiten der Fläche erzählt Simons mit einer Crew bewegungsvirtuoser SchauspielerInnen Pier Paolo Pasolinis „ Accattone“-Drehbuch nach – teils in kurzen Dialogen oder Gruppen-Szenen, weithin angeleitet von indirekter Rede. Abwechselnd weisen die Männer, Mädchen und Frauen, die den selbstbewussten Accattone als Glühwürmchen des Subproletariats umgeben, auf das hin, was er denkt, fühlt, lügt, treibt und vorhat. Steven Scharf schont sich so wenig wie die anderen, wenn er der Länge nach auf den Schotter hinschlägt oder sich in einen Clinch begibt. Er zeigt, wie sehr dieser „geborene Zuhälter“ ein körperbetontes Wesen ist – aber eben auch einer, der seinen klugen Kopf nicht hinter einer Zeitung versteckt. Sondern gewinnbringend, zynisch oder frivol einsetzt, mitunter sogar zu philosophischen Exkursen über Sinn und Wert der Arbeit oder Erwägungen zum Suizid. Benny Claessens, brutal fett und heimtückisch hemmungslos, agiert als Arm des Gesetzes mit überwältigender Verschlagenheit – als einer, der eine Daumenbreite aus dem übrigen gesellschaftlichen Abschaum herausragt. Er ist Accattones Mit-, nicht dessen Gegenspieler.
Der ist das Orchester. Für die Bühnenmusik verpflichtet wurde das 1970 gründete und seitdem von Philippe Herreweghe geleitete Collegium Vocale Gent, das sich auf dem Feld der Musik aus der frühen Neuzeit ebenso profilierte wie mit der Einspielung von Kantaten Johann Sebastian Bachs. Chor und Orchester erscheinen insofern als „historisch informiert“, als sie ein geschmeidiges und im Sinn der Ästhetik des 19. Jahrhunderts wohl ausbalanciertes Klangideal wachhalten, wie es vor vier Jahrzehnten von Herreweghe entwickelt und seitdem noch zu bemerkenswerter Perfektion weitergeschliffen wurde. Die Genter Musiker setzen Häppchen aus Bachschen Kirchenkantaten und der bereits von Pasolini in „ Accattone“ (wie dann auch in „Il Vangelo secondo Matteo“) als Filmmusik verwendeten Matthäus-Passion als stimmungsvolle Zäsuren zwischen die Szenen; auch als rhetorische Bedenkenträger und beziehungsreiche Brückenstücke. Zum Beispiel das in tröstlichem E-Dur gehaltene „Liebster Gott, wann wird‘ ich sterben“ (BWV 8), wenn es um die (latente) Todessehnsucht Accattones geht oder dessen Suizid-Absichten.
„Steinerweichend“ schöne Musik
Elegisch-einfühlsam gelangt ein von der darmbesaiteten Konzertmeisterin vorgetragener Violin-Solo-Satz zum Einsatz, durchweg respektvoll auch die übrige Suite aus Arien, Chorsätzen und Chorälen der unter BWV 244, 48 etc. gelisteten Werke – beginnend mit der Introduktion zur h-moll-Kantate „Warum betrübst du dich, mein Herz“ (BWV 138). Die „steinerweichend“ schöne Musik mit den inbrünstig-protestantischgläubigen Texten fungiert – technisch versiert verstärkt – als Wattierung der spitzsteinig-staubigen Grundlage der Produktion und verweist auf das von Pasolini drastisch erweiterte Passionsverständnis.
Den nur durch kurze Floskeln angedeuteten Hass auf Polizei, geregelte Tätigkeiten und gesellschaftliche Ordnung deutet der Hauptakteur Steven Scharf mit renitenter Körpersprache an. Die Abstiegsängste werden für ihn Wirklichkeit – als Bettler muss er nicht nur erdulden, zusammengeprügelt zu werden, sondern auch noch den Hohn eines vormals zu seiner Entourage gehörenden Diebes. Die stilisierten Tänze und Intimszenen des Packs, das sich schlägt und verträgt, weisen die sensiblen Erfahrungen des Theatermachers Simon aus. Da mag die „Behandlung“ von Sandra Hüller als von Accattone zur Prostitution gezwungener Maddalena ebenso unter die Haut gehen wie Anna Drexlers „Naivität“. An ihr prallt die Routine des Mackers ab, der zuerst und am Ende wieder „ganz unten“ obenauf ist (bis er sich mit einem gestohlenen Moped aus dieser argen Welt katapultiert). Freilich bemerkte Pasolini bereits 1975, dass er „Accattone“ zu dieser Zeit „nicht mehr hätte drehen können: Die Körper und Physiognomien wie auch die Sprache derjenigen, die sich darin selbst darstellten, waren verschwunden“.
Das gilt erst recht für heute – und nicht nur für Rom, Pasolinis „grandiose plebejische Metropole“. Weit schärfer noch für Dinslaken. Die Stadt mit ihren knapp 70.000 Einwohnern, die an Duisburg und Oberhausen angrenzt, gehört zu jenen Arealen, die seit Menschengedenken von einer für sich genommen effektiven Schwerindustrie und einer ihr hörigen Industriepolitik anarchisch-planvoll zum „sozialen Brennpunkt“ ausgestaltet wurde. Längst hat sich der Kohlebergbau verkrümelt und nicht nur monströse Industrie-Brachen hinterlassen, sondern auch eine nicht ganz vollendete Integration der Menschen, die aus Polen, Jugoslawien, der Türkei oder noch weiter östlich aus Asien als „Gastarbeiter“ herbeibemüht wurden. Für die negativen Schlagzeilen brauchte es nicht erst zwei Dutzend Jugendliche, die 2014 von Dinslaken – offensichtlich ungehindert – aufbrachen, um sich auf Seiten fundamentalistischer Einheiten am Krieg in Syrien und Nordirak zu beteiligen.
Die sich herunterbeugende Hochkultur
Nun hält die sich herunterbeugende Hochkultur Einzug in Dinslaken. Man hat Johan Simons, 2015–2017 Intendant der Ruhrtriennale, auf die gepeinigte Stadt am Rande seines Wirkungsbereichs, auf die brachliegende Immobilie Zeche Lohberg sowie auf einige der virulenten Sozial- und Strukturprobleme in der Nachbarschaft hingewiesen. Dies reflektierend will er von seinem Ansinnen nicht ablassen: „Man muss diese Menschen nicht verstehen, wohl aber beachten“. Warum aber hat er genau dies unterlassen? Von den als potentielles Publikum ins Visier genommenen Anrainern der wiederbelebten Zechenlandschaft haben sich dem Augenschein zufolge nicht sehr viele zur Premiere laden lassen. Und von der Lebenswelt der im Spielalter von Batila, Cartagine, Renato oder Nannina befindlichen Dinslakenern weht kein Hauch herüber. Hat mit denen hinter den Zäunen überhaupt jemand vom großen Simons-Stab das Gespräch gesucht? Und wenn ja: in welcher Sprache?
Wichtig für die Sogwirkung eines Theater-Neuanfangs ist das Erscheinen von Prominenz. Das Management der Ruhrtriennale hat sich nach Kräften auch darum bemüht und so prominente Medienkräfte wie Anke Engelke und Bettina Böttinger verpflichten können sowie mit Amaro einen Zubereiter von italienischem „Slowfood“, der als „Geheimtipp“ unter Gourmets gilt. Auch drei Schauspiel-Direktorinnen aus Bochum, Zürich und Wien. Die Namen der drei aufgelaufenen LandesministerInnen (Schule/Weiterbildung, Wirtschaft, Familie/Kinder/Jugend/Kultur/Sport) kennt – wodurch auch immer bedingt – schon in Rheinland-Pfalz so gut wie niemand mehr. Und dass die Vorstandsvorsitzenden von Ruhrkohle-AG, ThyssenKrupp AG und RWE AG vorfuhren, hinterlässt gemischte Gefühle. Die RAG-Stiftung und die RAG-Montan Immobilien Gesellschaft gehören immerhin noch zu den „Projektförderern“ (man könnte die Auffassung teilen, die Rechtsnachfolger der Strukturproblemverursacher stünden vielleicht ein wenig mehr in der Pflicht als nur sekt- und häppchenschluckend). Mit Norbert Lammert aus dem benachbarten Wahlkreis war immerhin der Deutsche Bundestag vor Ort prominent vertreten und einer der klügsten Kritiker des real existierenden öffentlich-rechtlichen Rundfunks; die Rundfunkanstalt des Landes glänzte mit der Anwesenheit ihres fröhlich dilettierenden Intendanten und die nationale mit embedded journalism.
Dinslaken ist so wenig wie Kunst genuin ein Ort des Mitleids. Dergleichen erwartet wohl auch niemand von Simons, die regierenden SozialdemokratInnen schon gar nicht. „Sein Ideal als Regisseur sei es immer gewesen, ein Theater für Menschen zu machen, die sonst nie ins Theater gehen“, ließ der Intendant in der zur Premiere erarbeiteten Broschüre „Arbeit + stinkt“ verlauten. „Bisher sei ihm das nicht gelungen. Aber jetzt aufzugeben, dafür sei es wohl zu spät.“ Behelfsweise hat er eine von Längen nicht freien, phasenweise durchaus „berührenden“ Theaterarbeit in einen künstlerisch bislang nicht erschlossenen Raum gestemmt. Er hat seine Kreation mit dem Rückgriff auf einen alten Film den tieferen Problemen von Dinslaken weit entrückt und mit Musik abgeschmeckt, die in den um und nach 1970 sozialisierten TheatergängerInnenschichten breiteste Akzeptanz findet. Sollte es so etwas wie eine regierungshalbamtliche Erwartung geben, dann dürfte Johann Simons diese zur vollsten Befriedigung erfüllt haben.