Dies ist kein Ort für musikalischen Genuss. Schneereste liegen zwischen Birken in dem kleinen Waldstück am Südrand der polnischen Grenzstadt Zgorzelec; der Wind weht kalt in Richtung Neiße. Vor 70 Jahren waren musikalische Aufführungen an dieser Stelle freilich noch viel weniger denkbar. Wo heute Bäume wachsen, standen die Baracken des Stalag VIIIa, eines 1939 von den Nationalsozialisten eröffneten Kriegsgefangenenlagers, in dem polnische und französische, später auch sowjetische Soldaten unter grausamen Bedingungen inhaftiert waren.
Dieser Ort des Schreckens ging in die Musikgeschichte ein. Am Abend des 15. Januar 1941 wurde vor 400 Häftlingen und Wachleuten in Baracke 27b das "Quartett auf das Ende der Zeit" aufgeführt, ein Stück, das einer der Insassen des Lagers komponiert hatte: der französische Komponist Olivier Messiaen (1908 - 1992). "Draußen: Nacht, Schnee, Elend", beschrieb einer der beteiligten Musiker, der Cellist und Mithäftling Etienne Pasquier, die Szenerie - und fügte hinzu: "Hier: ein Wunder."
70 Jahre nach diesem "Wunder" im zweiten Kriegswinter wird das "Quatuor pour la fin de temps" an diesem Samstag erneut gespielt - in einem Zelt auf dem einstigen Lagergelände. Organisiert hat die Aufführung Albrecht Goetze. Er wurde erstmals vor einem Dutzend Jahren mit der Geschichte des "Quartetts" konfrontiert. Der 1942 geborene Goetze, der als Theaterregisseur in Hamburg und Wien gearbeitet hatte, begann in jener Zeit selbst zu komponieren. Ein Freund habe ihm die Partitur des Messiaen-Stückes geschenkt. An deren Ende entdeckte er einen Vermerk: Das Werk, hieß es dort, sei im Stalag VIIIa in Görlitz fertiggestellt worden.
Goetze erfuhr so die Geschichte eines "unmöglichen Konzerts in einer unmöglichen Zeit an einem unmöglichen Ort", wie er es formuliert. Er fuhr sofort nach Görlitz, wurde aber enttäuscht: "Keiner konnte mit der Bezeichnung etwas anfangen." Erst im Ostteil der Stadt, der seit Kriegsende als Zgorzelec zu Polen gehört, wies man ihm den Weg an den Stadtrand.
Auf der Rückfahrt beschloss Goetze, an die Neiße zu ziehen: "Wo solche Musik entstanden ist, wollte ich mein Leben verbringen und komponieren." Nach einer zeitweiligen Anstellung als Musikpädagoge am Görlitzer Theater entwarf er das Konzept für einen "Meetingpoint Messiaen", ein Begegnungs- und Kulturzentrum, das inzwischen auch existiert. So soll die Erinnerung an das Werk bewahrt werden - und an seine Botschaft. Nicht nur für Tobias Niederschlag, Konzertdramaturg der Dresdner Staatskapelle, gehört das Quartett zu den ganz großen Kammermusikwerken des 20. Jahrhunderts. Seine Entstehung zeige auch, wie in der "emotionalen Extremsituation" der Lagerhaft die Kraft des Geistes allen Widrigkeiten getrotzt habe.
Vermitteln will Goetze diese Botschaft vor allem an Kinder und Jugendliche. Sein Verein organisiert dazu internationale Workcamps, Musikprojekte und Geschichtswerkstätten. Ein festes Domizil hat das Zentrum aber nach wie vor nicht. Zwar gibt es Pläne für drei Gebäude auf dem ehemaligen Stalag-Gelände, doch zur Umsetzung fehlt das Geld. Der Verein wird von der Bundeskulturstiftung gefördert, doch die Mittel sind knapp. Goetze und seine Mitstreiter erhalten nicht einmal eine Aufwandsentschädigung.
Dabei findet die Idee, gerade am Ort der Uraufführung und in einer europäischen Grenzstadt an die Komposition von Messiaen zu erinnern, prominente Unterstützung: Die Dresdner Staatskapelle hat eine Patenschaft für den Meetingpoint übernommen und ebenso wie die Warschauer Philharmonie bereits Benefizkonzerte gegeben. Das Vorhaben sei ein "Symbol für das friedliche Zusammenwachsen Europas", sagt Niederschlag. Die Verwaltung der Gemeinde Zgorzelec hat dem Meetingpoint das Gelände des ehemaligen Stalag überlassen, die Witwe des Komponisten war bis zu ihrem Tod im April 2010 ebenfalls Patin. Dennoch bleibe jedes Vorhaben ein finanzieller Kraftakt, sagt Goetze. Das gelte auch für das anstehende Konzert.
Immerhin zum vierten Mal wird am Jahrestag der Uraufführung das "Quartett auf das Ende der Zeit" aufgeführt. Und die Zuhörer werden wohl wieder die Virtuosität und Schönheit einer Komposition erleben können, über die Etienne Pasquier, der Cellist der denkwürdigen Uraufführung im Januar 1941, einst schrieb, sie "trägt uns hinweg von dieser schrecklichen Erde".