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Einfach auch einmal nur für mich spielen

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Ein Weg zur Klassik in der Schulmusik ·
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Am 5. November 2004 fand an der Hochschule für Musik und Theater Rostock ein Symposium zum Thema „Motivation zur Klassik“ statt. Im Vordergrund stand die Frage, wie Schüler im Musikunterricht an allgemein bildenden Schulen wieder mehr an die klassische Musik herangeführt werden können. Der folgende Beitrag ist die verkürzte Fassung des Referates von Nicolai Petrat.

Beim Stichwort „Klassik“ stößt man bei den meisten Schülern in den allgemein bildenden Schulen auf taube Ohren. Das Fach Musik wird in den Schulen am liebsten abgewählt. „Klassik pur“ existiert bei vielen gar nicht. Ästhetische Erfahrungen mit klassischer Musik werden immer seltener. Viele Kinder erfahren klassische Musik höchstens in arrangierter Form oder als akustischen Hintergrund in bunten Zeichentrickfilmen, Werbemedien, vereinzelten Computerspielen oder in Kaufhäusern, zumeist elektronisch verzerrt als Soundeffekt und in kurzen Sequenzen. Bach, Mozart, und Beethoven gehen mehr und mehr in Vermittlungsformen des Pop auf, nach dem Motto „Classic goes Pop“. Selbst diejenigen Kinder und Jugendlichen, die selber aktiv Musik machen, orientieren sich bei ihren Musizierwünschen eher an Popmusiktiteln als an klassischen Werken.

Aber haben die meisten Kinder wirklich eine Aversion gegen Klassik? Oder mangelt es einfach nur an einem Musikunterricht mit wirklich schülerorientierten ästhetischen Erfahrungsgelegenheiten mit klassischer Musik? Anders gefragt: Warum machen die Kinder, die in ihrer Freizeit an einer Musikschule ein Musikinstrument erlernen, gerne (auch) klassische Musik? Also: Welche musikalischen Ambitionen und Ziele haben diese Kinder? Welche ästhetischen Erfahrungen machen Kinder, wenn sie auf ihren Instrumenten klassische Musik machen? Worin liegt für Kinder der besondere ästhetische Reiz, sich mit klassischer Musik zu beschäftigen?

Anhand einer Befragung, die ich kürzlich an 1081 Musikschülern des Landes Mecklenburg-Vorpommern durchgeführt habe, bin ich mancher Perspektive näher auf die Spur gekommen. Von den befragten Kindern und Jugendlichen sind es immerhin 35 Prozent, die eine Vorliebe ausdrücklich für die bewussten klassischen Komponisten (Bach/Mozart/Beethoven et cetera) haben und von sich aus gern klassische Musik machen, ohne von ihren Eltern ausdrücklich zum Üben angehalten werden zu müssen. Zwei Motive stehen bei diesen Schülern im Vordergrund: mit anderen zusammen Musik machen und auf seinem Instrument etwas leisten. Konkret: möglichst bald im Ensemble oder Klassenorchester mitspielen können, das Lieblingsstück bald hinbekommen, sich gern auch einmal mit einem schwierigeren Werk auseinandersetzen, gerne einmal ihr Werk vor anderen vorspielen oder sogar beim Wettbewerb mitmachen. Es fällt auf, dass gerade die jüngeren Schüler hier noch recht leistungsorientiert sind. Für die meisten liegt der besondere Anreiz im Erlebnis von etwas selbst Gemachtem, selbst Produziertem sowie der Perspektive, mit ihrem Musikinstrument Melodien spielen zu können, die sie bereits kennen oder die irgendwie klassisch nach Mozart oder Beethoven klingen.

Verglichen mit den älteren Schülern verlagert sich bei Jugendlichen die Ambition zum Musikmachen vom Leistungsaspekt im Grundschulalter zur gefühlsmäßigen Identifikation mit klassischer Musik. Da steht dann eine individuelle Selbsterfahrung im Vordergrund, beispielsweise mit folgenden Ambitionen:

„Weg vom Alltag, mir selbst Freude bereiten und meine Musik genießen“ (15 J. w);
„Etwas für mich haben, worauf ich stolz sein kann“ (13 J., m);
„Einen Ausgleich zum Alltag finden und Emotionen freien Lauf lassen“ (16 J., w);
„Klassische Musik machen als Zeitvertreib, der Freude macht und bei dem man abschalten kann“ (14 J., m);
„Einfach einmal nur für mich spielen“ (15 J., w).

In dem „einfach einmal nur für mich spielen“ steckt eine ganz besondere Perspektive. Denn offenbar muss es nämlich gar nicht immer nur das Zusammenspiel mit anderen sein. „Klassik-Kinder“ unterscheiden sich von den übrigen auch dadurch, dass sie eher auch einmal für sich allein spielen wollen; dieser Aspekt wurde bei dieser Schülerbefragung übrigens auffallend häufig genannt. Die bewusste „Einzelhaft am Klavier“ hat so gesehen sogar etwas positives: als Möglichkeit, von der Musik ganz gefangen genommen zu werden – und zwar von der Klassischen beziehungsweise einer besonderen Ästhetik des Klassischen in der Musik. Gerade hier scheint etwas besonders Schönes sehr subjektiv erfahrbar zu werden.

Ästhetische Erfahrungen sind bekanntlich etwas sehr subjektives, und es ist schwierig, sie in angemessene Worte zu fassen. Ein „Das klingt ja schön“ drückt häufig schon viel aus, um das wiederzugeben, was ästhetisch beim eigenen Musikmachen im Schüler oder in uns vorgeht. Jedenfalls können wir davon ausgehen, dass jeder bei entsprechenden Erlebnissen auf seine individuelle Weise etwas Musikalisch-Schönes entdeckt. Jeder spürt und empfindet etwas anderes als „schön“, und das ist doch gerade der besondere ästhetische Anreiz gerade auch der klassischen Musik. Es sind Erfahrungen, die wir häufig in ihrem vollen Ausmaß gar nicht mitbekommen. Sie spielen sich bei Kindern innerlich ab und sind bekanntlich für uns Außenstehende gar nicht immer gleich herauszuhören. Da können wir – genau genommen – von außen nur beobachten und uns manche Dimension erschließen, wie in meiner Studie beispielsweise anhand eines Fragebogens.

Welche ästhetischen Erfahrungen sind es nun aber, die hier erlebbar werden? Welche können wir von außen beobachten?

Schon die Wahl des Instrumentes hat eine besondere ästhetische Qualität. Das scheinen Kinder intuitiv zu spüren, wenn sie sich für ein ganz bestimmtes Instrument entscheiden. Das eine Kind hat eher eine Neigung zu großen, zupackenden Bewegungen, das andere eher zu zarten und behutsamen. Es wäre sicher falsch und zu oberflächlich, in diesen Spielbewegungen nur etwas Motorisches zu sehen. Hier sind auch Gesten mit im Spiel, die mit Ausdruck besetzt werden: Das Halten, Ansetzen und Anblasen einer Trompete drückt eine andere Befindlichkeit aus als das Streichen der Saite eines Cellos mit dem Bogen. Instinktiv spürt jedes Kind offensichtlich die Ausdrucksmöglichkeiten, die in einem Musikinstrument stecken und zu einem intensiveren Musikerlebnis führen. Nach meiner Befragung stehen hier der Klang, Präferenzen für Gefühlbetontes, ein gewisses körperliches Spüren und die Spielart im Vordergrund, aber weniger das Aussehen! Das heißt, es ist ja auch einleuchtend, dass das Zupfen eine ganz andere Bewegungsqualität hat als beispielsweise das Streichen, Schlagen oder Blasen.

Das Musikmachen wird bei vielen zu einem Medium ganz besonderer Selbstwahrnehmung. Dabei treten ganz verschiedene (elementare) Lebenserfahrungen auf künstlerische Weise zutage beziehungsweise werden in klassische Musik hineinprojiziert: „Manchmal entspannt mich die Musik vom Alltagsstress“ (16 J. w). „Musikmachen ist für mich ein Erlebnis von Freiraum“ (12 J., m). „Das Üben an meiner Etüde ist manchmal auch Arbeit an mir selbst“ (17 J., w).

Elemente des Zeitlosen treten hervor: „In solchen Momenten finde ich mich selbst in der Musik und schwebe in meinen Tönen davon“ (13 J., m)

Es werden ganz besondere individuelle Erfahrungsdimensionen erschlossen, die von Anfang an in uns angelegt sind und über die klassische Musik in uns ausgeformt oder quasi bestätigt werden. Da werden Lebensmomente intensiviert, die uns ein besonderes Gefühl von Geborgenheit und seelischer Ausgeglichenheit vermitteln: „Da wird in mir auf einmal ein herrliches Lebensgefühl wach“ (15 J., m). „Wenn ich eine halbe Stunde geübt habe, fühle ich mich manchmal hinterher richtig gut“(11 J., w). „Mein Instrument gibt mir manchmal Trost“ (14 J., w.).

All diese Dimensionen finden – und das sei noch einmal ausdrücklich betont – auf der Ebene ästhetischer Erfahrungen statt und treten bei den „Klassik-Kindern“ sogar verstärkt hervor (siehe Graphik), werden in der Klassik intensiver erlebt. Konkret finden diese Erfahrungen im Hinblick auf Klangliches, Gefühlvolles und körperliches Spüren statt. Ebenso machen sie sich im Zusammenhang mit der „Gänsehaut“ bemerkbar, wenn es besonders schön klingt. Bemerkenswerter Weise scheint Musik Kindern, die selbst Musik machen, besonders unter die Haut zu gehen, wenn es klassische Musik ist; zumindest liegen die Werte hier überall höher.

Wenn nach meiner Studie nur 3,1 Prozent der Schüler vom Musikunterricht an den allgemein bildenden Schulen inspiriert werden, ein Musikinstrument zu erlernen, dann besteht meiner Ansicht nach großer Handlungsbedarf. Zumindest muss der Musikunterricht an Schulen so optimiert werden, dass sich künftig mehr Kinder und Jugendliche auch für klassische Musik interessieren und damit etwas anfangen können. Ein Zauberwort ist ganz sicher das in vielen Schulen praktizierte „Klassenmusizieren“. Es trifft den Nerv vieler Schüler, selbst einmal Musik machen zu können. Hierin sehe ich auch weiterhin eine große Chance.

Ich denke aber, dass hier konzeptionell noch manches verfeinert und überdacht werden kann: Für viele Kinder ist es sicher eine ganz besondere Erfahrung, ab und zu einmal im Klassenverband Musik zu machen. Wenn Schüler sich überhaupt positiv zum Musikunterricht äußern, dann ist neben dem Singen von bekannten Liedern (am besten aus dem Popularbereich) vor allem das Klassenmusizieren auch nach anderen Befragungen sehr beliebt.

Allerdings sollte hier nicht (nur) der Aktionismus im Vordergrund stehen. Den Weg zur Klassik kann man nur finden, – und das bestätigt meine Studie – wenn man Klassik auch einmal nur für sich allein erleben darf. Mit anderen Worten: Kindern sollte auch Gelegenheit gegeben werden, sich innerlich besser auf die Besonderheit des Instrumentes und damit auch ästhetischer Dimensionen im Klassischen einstellen zu können. In der Musikschule haben schon viele Kinder über das „Instrumentenkarussell“ den Weg zur klassischen Musik gefunden. Dort lernen sie im Rotationsverfahren nacheinander verschiedene Instrumente kennen und sammeln über den schulischen Musikunterricht hinaus auch zu Hause damit ihre Erfahrungen.
Gerade in dieser Abgeschiedenheit besteht Gelegenheit, sich in jenes „Schöne“ hinein zu vertiefen oder zumindest Schönes entstehen zu lassen. Vielleicht ist dies auch ein Modell für künftigen Musikunterricht in der allgemein bildenden Schule.

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