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Liebe Chormitglieder, wie war ich?

Untertitel
Martina Freytag führt aus, was sie unter „lebensnaher“ Chorleitung versteht
Publikationsdatum
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Hinter dem vielversprechenden Titel steckt ein Arbeitsbuch, das Chorleitende Schritt für Schritt zu effizienter Chorarbeit und zu einem erweiterten Verständnis für die jeweiligen Sänger des Chores führen soll. Wer jedoch ein systematisches Lehrwerk sucht, wird enttäuscht. Martina Freytag beschreibt innerhalb der einzelnen, leider nicht nummerierten Kapitel ihres Buches zahlreiche Beispiele aus ihrer Chorleitungspraxis, wobei sie sich eines recht saloppen Sprachstils bedient.

Sehr lobenswert ist es, dass Freytag mit dem ersten Kapitel das bisher unterschätzte Thema Kommunikation ins Zentrum ihrer Betrachtung rückt; leider zieht sie es später auf fragliche Ebenen. Im zweiten Kapitel geht es um die Energie, die im Chor vorhanden ist. Diese wertet Freytag als Quelle einer positiven Leistungsentwicklung und benennt Bausteine zur Verbesserung der Chorarbeit, etwa die Stärkung der innerchorischen Disziplin, das Anheben des Energielevels, Leichtigkeit als Gütekriterium für gelungene Chorarbeit und andere. Zu jedem Kapitel werden Fragen (gleich einem Gewissensspiegel) formuliert, die der Reflexion der eigenen Arbeit und des eigenen chorleiterischen Selbstverständnisses dienen sollen.

Es folgt ein Kapitel über die Erotik des Chorleitens und des Chorsingens. Hier offenbart Freytag ihr hierarchisches Verständnis von Chorleitung: „Sich als singende Frau, beziehungsweise singender Mann zu begreifen, ist Teil der Ausdruckskraft, die sich im Chor potenzieren kann. Auch die weibliche, beziehungsweise männliche Chorleitung sucht in ihrer Tätigkeit nicht nur die Akzeptanz als ‚Chefin‘, beziehungsweise ‚Chef‘, sondern auch als Frau oder als Mann. Natürlich können Sie als Chorleitung nicht jede Person in ihrem Chor anhimmeln oder hofieren, um die­se Akzeptanz zu finden. Aber es lohnt sich, darüber nachzudenken, welcher Flirtfaktor insgesamt im Chor herrscht. Wie ist das erotische Selbstverständnis der Sänger/-innen beim Singen und Sprechen in Ihrem Chor?“ 

„Lebensnah“ ist diese erotische Perspektive möglicherweise, aber sollte Erotik in der Chorleitung operationalisiert werden? Das Bild vom Chorleiter als „Chef“ ist chorpädagogisch und gerade im Freizeitbereich veraltet. Folgende Fragen, die Freytag diesem Kapitel anschließt, erstaunen: „Wer lässt Sie als Chorleitung spüren, dass Sie sexy sind im Ausdruck, in den Bewegungen, in Ihrem Auftritt? Wer fördert die erotischen Anteile in Ihrer Chorleitung durch Worte, Blicke und Gesten? Wie können Sie Ihre Chorleitung attraktiver und anziehender machen?“ Die Autorin instrumentalisiert Erotik also zum Erreichen eines besseren, flexibleren, leidenschaftlicheren und leichtfüßigeren Klanges. In Zeiten, in denen der Erotikfaktor von Führungspersonen unterschiedlicher Institutionen fehl­interpretiert oder gar missbraucht wird, ist erhöhte Vorsicht geboten; hätte ein Mann dieses Kapitel geschrieben, gäbe es sicher einigen Wirbel! Dass Männer nicht immer mit dem Kopf denken, sagen Sprichwörter. Haben wir Frauen uns angenähert an genau diese Verhaltensweisen, die emanzipierte Frauen stets abgelehnt haben? Worum geht es in der Chorleitung: um die singenden Menschen, um Musik oder um den unerotischen Narzissmus der Chorleiterin oder des Chorleiters? 

Interessant ist die Gewichtung innerhalb des Buches: Während auf 40 Seiten die Kompetenzen der Chorleitung beschrieben werden, widmen sich lediglich 8 Seiten den Kompetenzen des Chores. Es folgen ein Kapitel zum Krisenmanagement sowie zwölf goldene Regeln für eine effiziente und lebensnahe Chorleitung, die aber eher Thesen der Autorin darstellen und nur manchmal als Regel formuliert sind. Als Lehrbuch ist das Buch ungeeignet: Zu oberflächlich, zu unsystematisiert und letztlich zu wenig reflektiert sind Freytags Thesen und Methoden. Wer es kauft, um seine Methodik in Richtung Effizienz zu verbessern, wird enttäuscht. Wer aber eine kreativ-inspirative und „lebensnahe“ Auseinandersetzung mit Chorleitung sucht, der könnte fündig werden. Im Vorwort fordert Freytag dazu auf, sich darüber Gedanken zu machen, wie die eigene Chorarbeit umschrieben werden kann, was der „seelischen Hygiene“ dienen soll. Die vier Beispiele, die Freytag anbringt, sprechen für sich: „die Chorprobe – eine Ochsentour durch die Noten mit oder ohne hörbaren Erfolgen“ [sic], „die Chorprobe – der allwöchentliche Nahkampf mit oder ohne sichtbaren Folgen“ [sic], „die Chorprobe – eine erotische Abendveranstaltung mit oder ohne Folgen“, „die Chorprobe – ein in Musik verpacktes Fest der Sinne mit der Stimme“. Wer das Buch liest, ahnt, wie Freytag ihre eigene Chorarbeit umschreiben würde. 

 

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