Vor 50 Jahren: Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag ... – Vor 100 Jahren: Franz Liszt
Vor 100 Jahren
Wagner, Berlioz und Liszt haben das Neuland der modernen Musik erschlossen. Am Ruhm des Ersten rüttelt heute Niemand mehr. Aus dem spielerischen Treiben und Suchen der französischen Tonkunst hat sich die einsam ragende Größe des Berlioz mit den Jahren immer bedeutungsvoller herausgehoben. Nur die Gloriole Liszt ist nach wie vor von mancherlei Fragezeichen umgeben. Er wird noch mit Pathos gelobt, noch mit Entrüstung getadelt, gleich als ob er erst vor Kurzem in unserer Mitte erschienen wäre. Auch unter denen, die sich in der Gegenwart über ihn zustimmend oder ablehnend äußern, sind die Wenigsten mit seinem Gesamtwerk vertraut. Deshalb die eindringliche Mahnung, im Jubiläumsjahr Liszts doch vor allem der zu Unrecht vernachlässigten Werke des Meisters zu gedenken. Die neuen Königlichen Hoftheater in Stuttgart stehen im Äußeren fertig da und schreiten in der inneren Einrichtung ihrer Vollendung entgegen. Richard Strauss hat jüngst die Neubauten besichtigt – von ihm das hübsche Wort: „Es ist erstaunlich, dass neuerdings bei Theaterbauten das Orchester nicht mehr vergessen wird.“
Neue Musik-Zeitung XXXIII. 1911/12, H. 2, S.19 und 35
Vor 50 Jahren
Kirchenmusik sucht neue Formen: ein etwas ungewöhnlicher Weg, den die Evangelische Akademie Tutzing beschritt. Mit Hilfe eines Preisausschreibens wollte sie neue religiöse Lieder gewinnen, die in Form und Inhalt besonders die junge Generation ansprechen ... Der Initiator, Studentenpfarrer Günter Hegele (München), bekannt als kirchlicher Schlagerexperte, war optimistisch genug, sein Preisausschreiben auch gegen skeptische und bisweilen ablehnende Stimmen aus dem kirchlichen Lager durchzufechten. Das Echo war erstaunlich: 500 Einsendungen aus allen Teilen Deutschlands gingen ein. Freilich befanden sich auch völlig indiskutable Poeme und Weisen darunter. Es brachte viele erfreuliche und brauchbare Anregungen ... Der Jury unter dem Vorsitz von Dr. Walter Blankenburg von der Kirchenmusikschule Schlüchtern gehörten an Pfarrer Hegele, Kompositionslehrer Heinz Werner Zimmermann (Heidelberg), Musikjournalist Walter Haas (Hamburg) und der Nürnberger Dekan Kirchenrat Fritz Kelber als Vertreter der bayerischen Landeskirche. Ausgezeichnet wurden Stücke, die Mut und Originalität in der Verwendung neuer Stilmittel zeigten. Einen ersten Preis in Höhe von 1.000 DM erhielt „Danke für diesen guten Morgen, danke für jeden neuen Tag ...“. Das Lied hat eine sehr eingängige Melodie, die für die einzelnen Verse jeweils um einen halben Ton höher gesungen werden kann, Text und Melodie von Martin Schneider aus Freiburg, Pfarrer und ausgebildeter Kirchenmusiker. (…) Insgesamt wurden 2.300 DM verteilt.
X. Jahrgang, Nr. 5, 9/10-1961, S. 15