Mit einem großen Kongress an der Hochschule für Musik Freiburg hat sich das neue „Freiburger Forschungs- und Lehrzentrum Musik“ (FZM) der Öffentlichkeit präsentiert. Das im Zuge der Reform der baden-württembergischen Musikhochschulen als Kooperation von Musikhochschule, Universität und Pädagogischer Hochschule gegründete Landeszentrum soll künftig institutionen- und fächerübergreifend in den Bereichen Musiktheorie, Musikwissenschaft, Musikphysiologie/Musikermedizin und Musikpädagogik forschen und lehren.
Schuberts „Hirt auf dem Felsen“ ist ein Strichmännchen. Elastisch bewegt es sich zur Musik, lässt die unsichtbare Klarinette unwiderstehlich im „Wiederhall der Klüfte“ emporschwingen. Was für das Publikum in der Performance „Kunst und Wissenschaft“ auf die Leinwand neben den Interpreten projiziert wird, sind die Bewegungen des Klarinettisten Kilian Herold, sichtbar gemacht mit Hilfe von 3D Motion Capture Technik. Dann wechselt das Bild ins Innere von Isabel Wellers Stimmapparat und zu einem MRT ihres Mund- und Rachenraums – Aufnahmen, die vorab gemacht wurden –, um dann wieder dem mit analytischen Markierungen versehenen Notenbild oder Hintergründen zur Textvorlage von Schuberts Lied Platz zu machen.
Aus konzertpädagogischer Sicht war dieser Informations-Overkill zur laufenden Darbietung natürlich ein wenig zu viel des Guten, aber ihren Punkt hatten die an dieser Demonstration Beteiligten klar gemacht: Wenn man ein Werk und seine Aufführung mit Hilfe verschiedener Disziplinen – Musikwissenschaft, Musiktheorie, Musikphysiologie, Literaturwissenschaft – in den Blick nimmt, verändert dieses Wissen das Hören, schärft es, reichert es an. Das gern bemühte Zauberwort Interdisziplinarität, das sich wie ein roter Faden durch die Freiburger Tagung zog, sollte mit Leben erfüllt werden.
Dabei ist die Hochschulentwicklung schon beim nächsten Schritt, wie Andreas Archut, Presseprecher der Bonner Universität, in seinem Vortrag ausführte: Zunehmend gehe es um Transdisziplinarität: Forschungszweige verlassen ihre üblichen Pfade, um sich mit anderen zur Lösung eines spezifischen Problems auf einer neuen Ebene zusammenzutun. So weit ist das Freiburger Forschungs- und Lehrzentrum noch nicht, kann es auch noch gar nicht sein, ist doch das langwierige Prozedere für die Kooperation der Musikhochschule mit der Universität erst kürzlich zu einem vertraglichen Abschluss gekommen. So diente der Kongress vor allem der Kommunikation nach innen und nach außen: Den Hochschulangehörigen sollten die Potenziale künftiger fächerübergreifender Aktivitäten des Landeszentrums aufgezeigt und der Öffentlichkeit, nicht zuletzt auch der Politik, Handlungsfähigkeit und Berufsbezogenheit signalisiert werden. „Zwischen Elfenbeinturm und Employability“ – so hatte man das im Tagungsmotto etwas ungelenk in Worte zu fassen versucht, um mit „Wissenstransfer als Herausforderung musikbezogener Forschung“ das eigentliche Thema zu umreißen.
Dass man damit ein ziemlich großes Fass aufgemacht hatte, wurde in einem Plenum nach den ersten fachspezifischen Foren und in einer Podiumsrunde deutlich: Denn schnell wurde das Bedürfnis spürbar, vor der Frage, wie Wissen fächerübergreifend innerhalb und außerhalb der Hochschule zu transferieren sei, zunächst die Frage zu diskutieren, welches Wissen das überhaupt sein sollte. Schnell landete man bei dem Reizwort „Kanon“ – auf Fächer und auf deren Inhalte bezogen – und somit auch bei der immer wieder nötigen Grundsatzdiskussion zur Freiheit innerhalb eines Studiums.
Konkreter waren dann die Schlaglichter auf die einzelnen Fächer: So kombinierten Wolfgang Lessing und Andreas Doerne grundsätzliche Überlegungen zum Transfer pädagogogischen Wissens innerhalb einer Hochschule mit der Idee eines Reformstudienganges, ausgehend vom Beispiel des reformierten Freiburger Hauptfachstudiums Gitarre (eine Zusammenfassung ihrer Präsentation wird im Hochschulmagazin in der Juni-Ausgabe der nmz zu lesen sein). Oder es diskutierten Katharina Kutsch, Bernhard Richter und Alexander Schulin die Karriereplanung bei Sängern/-innen aus gesangspädagogischer und stimmphysiologischer Sicht.
Akademischer Glanz und eine Horizonterweiterung wurde dem FZM-Kongress durch Jan Assmanns Hauptvortrag zuteil, wobei dieser das Thema „Die Rolle der Musik im kulturellen Gedächtnis“ allerdings eher umkehrte und die Musik anhand ihres Umgangs mit historischen Vorbildern als eine „gedächtnisaffine“, ja „gedächtnisgesättigte“ Kunst charakterisierte. Der Besuch der Wissenschaftsministerin Theresia Bauer diente dann vor allem dazu, den 2013 von ihr unter den baden-württembergischen Musikhochschulen angerichteten Unfrieden im Nachhinein schön zu reden und den Segen immerwährender Reformprozesse zu beschwören.
Aus der Fülle an weiteren Vorträgen und Präsentationen (insgesamt fast 30, dazu ein anregendes Konzert) seien noch folgende herausgegriffen, um die Breite des Themenspektrums zu illustrieren: Christoph Sischka, Claudia Spahn, Manfred Nusseck und Friederike Wild erläuterten die Möglichkeiten, die das Disklavier mit seiner exakten Aufzeichnung und Wiedergabe von Interpretationen für die Erarbeitung neuer Lernstrategien bieten kann (Näheres dazu in der kommenden Ausgabe der nmz); Richard Klein untersuchte in einem brillant formulierten Vortrag das Verhältnis von Gesang und Sprache bei Bob Dylan; Wolfgang Lessing arbeitete (nach einem Kabinettstückchen, in dem er die Rolle eines Celloschülers und dreier verschiedener Lehrer einnahm) eine doppelte „Als ob“-Situation als zentrales Merkmal künstlerischen Unterrichts heraus: Gespielt wird, „als ob das Musizieren die eigene und eigentliche Realität ist“, unterrichtet wird, „als ob gerade musiziert wird“. Für Lessing ist künstlerischer Unterricht deshalb geprägt von „einer Kunst des Rahmenwechsels“, einem „Tanz auf der Schwelle“, wobei auf der Schwelle „beide Als-obs permanent aufeinander bezogen werden“.
Hier steckte ebenso viel Potenzial zum Überdenken eigener Unterrichtsstrategien wie in dem Vortrag des Bewegungs- und Trainingswissenschaftlers Wolfgang Schöllhorn: „Wiederholung verhindert effektives Lernen“ – dieser Titel war nicht als Provokation gedacht, sondern fasste nur die Erkenntnisse langjähriger Forschung im Sportbereich zusammen. Wenn die Wahrscheinlichkeit einer wirklich identischen Bewegungswiederholung verschwindend gering ist, welchen Sinn macht das wiederholende Trainieren (Üben) dann? Zwar führte Schöllhorn keine unmittelbar auf die Musik bezogene Forschung zu den Effekten seines „differenziellen Lernens“ an und ging auch nicht auf die seit 2007 vereinzelt schon vorliegenden Aufsätze und Martin Widmaiers Studie zum differenziellen Lernen am Klavier ein (Mainz 2016), doch reichten die präsentierten Erkenntnisse, um im Auditorium für produktive Unruhe zu sorgen.
Wie überhaupt der Publikumszuspruch zur Tagung (vor Semesterbeginn) den Eindruck vermittelte, dass an der Hochschule von seiten der Lehrenden wie der Studierenden großes Interesse an den vom FZM aufgeworfenen Fragestellungen besteht. Für das FZM wird es nun darum gehen, diesen ersten, durchaus beeindruckenden Impuls in den Forschungs- und Lehralltag zu überführen. Die institutionellen Weichen sind mit der Einrichtung einer Major/Minor-Struktur und der Möglichkeit, sich das Studium an Hochschule und Universität aufzuteilen, gestellt. Für die neu ausgeschriebene Tenure-Track-Professur Musikwissenschaft mit dem Schwerpunkt „praxisorientierte Forschung“ wird es erstmals eine gemeinsame Berufungskommission geben. Und dann gibt es natürlich noch die Sehnsucht, das FZM auch räumlich unter ein Dach zu bringen …