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Virtuelle Unterrichtsbesuche mit Erkenntnisgewinn

Untertitel
Eine Leipziger Tagung zeigte „Schulstunden im Licht musikdidaktischer Theorien“ · Von Susanne Naacke und Verena Weidner
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Vom 30. Oktober bis 1. November 2008 fand an der Hochschule für Musik und Theater „Felix Mendelssohn Bartholdy“ in Leipzig die von Prof. Dr. Christopher Wallbaum ausgerichtete Tagung „Perspektiven der Musikdidaktik – Eine Schulstunde im Licht musikdidaktischer Theorien“ statt.

Sie zog neben den zwölf geladenen Referenten aus der Musik- und Deutschdidaktik zahlreiche Studenten, Referendare und Musiklehrer, aber auch Lehrende sowie Doktoranden der Leipziger Abteilung Schulmusik und andere Interessierte an. Ungefähr 60 Teilnehmer nahmen die Gelegenheit dieser etwas anderen, eng an der Schulpraxis orientierten musikdidaktischen Fachtagung zu Anregung und Diskussion wahr.

Perspektive I: Konzeption

Die Tagung hat mit ihrer Konzeption einen besonderen, neuen Weg eingeschlagen: So fand sie ihren organisatorischen und inhaltlichen Vorlauf in der Dokumentation dreier ausgewählter Musikstunden aus den Bundesländern Hamburg, Sachsen und Thüringen. Dabei bildeten jeweils mehrperspektivische Videodokumentationen, angereichert durch leitfadengestützte Interviews mit Lehrenden vor und nach dem Musikunterricht sowie durch Gruppeninterviews mit Schülern im Anschluss an die Stunden den Ausgangspunkt. Das gesamte Material ist im Vorfeld im Rahmen von Forschungsprojekten und Staatsexamensarbeiten Leipziger Schulmusikstudierender gründlich qualitativ aufbereitet worden und wurde den Referenten als Vortragsgrundlage zur Verfügung gestellt.
Den Teilnehmern der Veranstaltung wurde zur Tagungseröffnung mittels interaktiv bedienbarer Videoinstallationen und einem anschließenden Zusammenschnitt zentraler Szenen ein Einblick in diese Stunden gewährt. Im Zentrum der Tagung standen Vorträge von insgesamt elf Musikdidaktikern und einem Deutschdidaktiker aus Deutschland und Österreich sowie sogenannte Fishbowl-Diskussionen, die sich jeweils an einen Vortragsblock anschlossen. Zusätzliche Brisanz erhielt die Tagung aufgrund ihrer Anlage als Fortbildungsveranstaltung für Musiklehrer. Denn Lehrer, Referendare und Studenten forderten vehement die angekündigte Bezugnahme von Theorie und Praxis ein.

Perspektive II: Tagungsbeiträge

Der erste Vortragsblock wurde von den Referenten Prof. Dr. Ursula Brandstätter, PD Dr. Anne Niessen, Prof. Dr. Christine Stöger und Prof. Dr. Christopher Wallbaum gestaltet.

Während Ursula Brandstätter „einen Blick auf den Blick warf“, indem sie den Prozess der Genese „ihrer“ Theorie während der Beschäftigung mit den vorliegenden Schulstunden erläuterte, lenkte Anne Niessen die Aufmerksamkeit auf die Qualität von Musikunterricht. Sie verknüpfte ihre persönliche Erfahrung aus der allgemeinen Schul- und Unterrichtsforschung mit ihrer weiteren fachbezogenen Forschung in der Musikpädagogik. Christine Stöger stellte die Verbindung von Theorie und Praxis als Beziehungsarbeit zwischen beiden Polen dar. Ziel sei eine Verknüpfung der praktischen Handlungsebene mit theoretisch evaluierten Standards einerseits und den subjektiven Konzeptionen der Beteiligten andererseits. Christopher Wallbaum hingegen kombinierte das Ästhetik- mit dem Kulturparadigma und formulierte entsprechende Form- und Inhaltskriterien für eine ästhetisch-kulturell bildende Unterrichtspraxis. Ästhetische Praxis sei dann möglich, wenn Schüler gemeinsam an einem musikalischen Produkt arbeiteten und dabei erfüllte Wahrnehmungsvollzüge erlebten – Wallbaums Meinung nach ein besonderes Qualitätskriterium von gutem Musikunterricht. Diese Ästhetik und Kultur bezogenen Kriterien stellte er jeweils an einem Aspekt der drei Beispielstunden dar. In der anschließenden Fishbowl-Runde – einer Variante zur Podiumsdiskussion mit Publikumsbeteiligung – ist es dem Moderator Christian Rolle mit einer Zusammenschau der verschiedenen Perspektiven gelungen, eine Diskussionsgrundlage zu schaffen. Die Referenten waren aufgefordert, aus ihrer Sicht gemeinsame und divergierende Stränge ihrer jeweiligen musikdidaktischen und -theoretischen Positionen zu formulieren. Rolle sah sich zudem mit einer regen Publikumsbeteiligung konfrontiert, wobei die Teilnehmenden vor allem die Bedeutung von Theorie in Bezug auf konkreten Musikunterricht individuell verortet sehen wollten.

Der zweite Block setzte sich aus Vorträgen von Prof. Dr. Werner Jank, Prof. Dr. Hans-Ulrich Schäfer-Lembeck, Prof. Dr. Constanze Rora sowie von Dr. Dorothee Barth zusammen. Werner Jank eröffnete ihn mit einer Reflexion der Schulstunden aus Sicht der Handlungsorientierung. Er sah die Schüler als Subjekte ihres musikalischen Handelns und bettete diese Sicht des Lehrens und Lernens in das Konzept des Aufbauenden Musikunterrichts ein. Hans-Ulrich Schäfer-Lembeck orientierte seinen Blick auf die Musikstunden an einer theoretischen Darlegung des Lernbegriffs und betonte besonders die Unterschiede zwischen einem bloßen Einprägen und einem selbstbestimmten, semantisch tiefen Lernen. Das Referat von Constanze Rora war an die Bildungsgangdidaktik und ihre Entwicklungsaufgaben angelehnt. Wenn Unterrichtsthemen und Entwicklungsaufgaben in einen Zusammenhang gebracht würden, könnten Lerngegenstände subjektive Bedeutsamkeit erhalten. Diese These illustrierte und diskutierte sie anhand der Thüringer Stunde. Als vierte Referentin hat Dorothee Barth ihre musikdidaktische Perspektive in der interkulturellen Musikpädagogik verortet. Sie betrachtete die Schulstunden in Anlehnung an einen bedeutungszuweisungsorientierten Kulturbegriff, demnach kollektive Sinn- und Ordnungssysteme die Überzeugungen und Handlungen (schulischer) Akteure bestimmen. Des Weiteren stellte sie Fragen nach interkulturell relevanten Aspekten, bezogen auf die thematisierten Musiken sowie die beteiligten Schüler. Erneut suchten die Vortragenden im Rahmen der sich anschließenden von Ursula Brandstätter moderierten Fishbowl nach Punkten gegenseitiger Anknüpfung sowie nach Abgrenzungslinien.

Der letzte Vortragsblock wurde von den Referenten Prof. Dr. Christian Rolle, Prof. Dr. Wolfgang Martin Stroh und Prof. Dr. Thomas Ott gestaltet. Indem Christian Rolle betonte, dass musikalische Bildung dann stattfände, wenn Schüler musikalisch-ästhetische Erfahrungen machen könnten, wird die inhaltliche Nähe zu Wallbaums Position deutlich. Ohne diese besonderen Erfahrungen sei Musikunterricht sinnlos, formulierte Rolle und sah in der Inszenierung geeigneter „Erfahrungsräume“ eine bedeutsame Aufgabe des Musikunterrichts. Wolfgang Martin Stroh beleuchtete die Unterrichtsstunden aus einer tätigkeitstheoretischen Perspektive. Demnach befänden sich verschiedene Akteure in musikalischer Tätigkeit und würden so vor dem Hintergrund ihrer je eigenen Kompetenzen einerseits Musik als ein Produkt hervorbringen, könnten andererseits aber auch relevante Aspekte einer Musik jeweils für sich erschließen. In diesem Zusammenhang könne das szenische Spiel eine besondere Zugkraft entfalten, was Stroh an den gegebenen Musikstunden illustrierte. Die erfahrungsbezogenen Konzepte von Stroh und Rolle erwiesen sich ebenfalls als eng verwandt, sodass eine Diskussion schnell begriffliche Feinheiten betraf. Mit seiner an die Genderforschung angelehnten Perspektive beschritt Thomas Ott einen ganz anderen Weg: Er rückte die beteiligten Jungen der Schulklassen ins Zentrum seiner Überlegungen und fokussierte somit einzelne Unterrichtsszenen ganz neu. Die sich anschließende Diskussion, moderiert von Anne Niessen, eröffnete zudem eine tagungsübergreifende Diskussionsmöglichkeit. Im Zentrum standen neben Fragen zum Begriff der musikalisch-ästhetischen Erfahrung und seiner Relevanz für die Schulmusik auch die Gegenüberstellung und Zusammenführung der verschiedenen aufgeworfenen Perspektiven zu einem zum Tagungskonzept passenden mehrperspektivischen Bild.

Ihren Abschluss fand die Tagung mit zwei Besonderheiten. Zunächst versuchte PD Dr. Karl Holle den Spagat zwischen einer Reflexion der Schulstunden und einer Reflexion der Tagung mit Hilfe des Vergleichs von aufgeworfenen Problemstellungen mit verwandten Themenbereichen aus der Deutschdidaktik. Darauf folgte eine interaktive Phase zur Tagungsreflexion mit dem Ziel der Dokumentation des intensiven Austauschs der Teilnehmer und offen gebliebener Fragen. Dazu wurden alle Teilnehmer aufgefordert, ihre Gedanken, Pausengespräche und weiterführenden Ideen auf den bereit stehenden Flipcharts zu notieren.

Perspektive III: Rück- und Ausblick

Hervorzuheben ist der Mut, den die drei Musiklehrer bewiesen haben, indem sie ihren Unterricht dem „kritischen“, aber doch stets wohlwollenden Blick der Wissenschaftler ausgesetzt haben. Es erfordert ohne Frage ein hohes Maß an Risikobereitschaft, die eigene Unterrichtsgestaltung öffentlich zu machen.

Die Gedankensplitter an den Flipcharts richteten den Lichtkegel auf weitere Perspektiven: Unter anderem wurden Ideen zu einer gemeinsamen Didaktik von Musik, Kunst und Deutsch sowie bezüglich einer fortführenden Bestimmung des Begriffs der ästhetischen Erfahrung in Bezug auf Schule und Unterricht formuliert. Einige Gedanken ließen Wünsche für weitere Tagungen dieser Art erkennen, beispielsweise eine noch stärkere Bezugnahme auf die inhaltliche Gestaltung der Schulstunden. Damit stehen auch die angesprochenen Musikdidaktiker vor der Herausforderung, eine je eigene, persönlich relevante theoretische Position nebst Möglichkeiten der Umsetzung für schulischen Musikunterricht zu formulieren.

Für das Tagungskonzept und die Durchführung ernteten Christopher Wallbaum und sein Team insgesamt viel Lob und Anerkennung. Ein Verdienst dieser Veranstaltung ist, dass mit dem musikdidaktischen Blick auf die vorliegenden Schulstunden eine enge und fruchtbare Verzahnung von Wissenschaft und musikunterrichtlichem Alltag ermöglicht und auch eingefordert worden ist. Letztlich bleibt das eingangs vom Initiator Wallbaum formulierte Statement „man solle sich um die Musikdidaktik Gedanken machen!“ als (Auf-)Forderung für zukünftige Perspektiven im Raume stehen.

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