In der Musikpädagogik gibt es Themen, denen man wegen ihrer Aktualität überall begegnet. Ganz anders stellte sich die Themenwahl des diesjährigen Musikpädagogischen Forums in Detmold mit Prof. Dr. Peter Röbke (Wien) dar: „Das Musizieren und die Gefühle als Thema der Instrumental- und Gesangspädagogik.“ Auf den ersten Blick wirkt dies gar nicht aktuell, und doch ist es ein Thema, das Musiker/-innen und Musikpädagogen/-innen schon immer beschäftigt hat, immer beschäftigen wird und somit einen ganz eigenen Anspruch an Aktualität besitzt.
Vor dem Hintergrund der so genannten Berliner Didaktik erörterte Röbke zunächst ein auf die Musikpädagogik übertragenes Modell, kam zu der Schlussfolgerung, dass das Verständnis des Schülerbegriffs die Basis des Didaktikbegriffs sei und plädierte für eine „Didaktik des Einzelfalls“. Anschaulich machte Röbke die große (psychologische) Bedeutung, die Musik für Menschen haben kann, auch durch den Verweis auf Filme wie „Wie im Himmel“, „Die Kinder des Monsieur Mathieu“, „Young at Heart“ oder „8 Mile“. Wie entscheidend die Phase der Pubertät beim Erlernen eines Instruments beziehungsweise der Stimme ist, äußert sich an vielen Musikschulen leider vor allem im Einbruch der Schülerzahlen. Mit der Frage „Warum bist du bei der Musik geblieben in der Pubertät?“, gab der Referent den Teilnehmerinnen und Teilnehmern eine Diskussionsfrage vor, auf die verschiedene Antworten möglich sind. Ein Geheimnis sei laut Röbke die Auswahl spannender Literatur. Allerdings wirft das „Phänomen Lieblingsstücke“ auch viele Fragen auf: Wie muss ein Stück beschaffen sein, um zu einem Lieblingsstück zu werden? Was haben Musikstücke an sich, die zu Lieblingsstücken werden? Wieso schaffen es Schülerinnen und Schüler, anhand eines solchen Stückes über ihren eigenen Schatten zu springen? Warum sind die meisten Lieblingsstücke in Moll? Diese und weitere Fragen beantwortete Röbke exemplarisch anhand des ersten Satzes aus dem Konzert für Violine in h-Moll von Oskar Rieding. Als entscheidende Faktoren stellte er beispielsweise den Wechsel zwischen Spannung und Entspannung, Zwischenraum und Intervall, Gefühl und Affekt sowie Gegensätzlichkeiten im Klanggestus oder Bewegung und Richtung der Motive heraus.
Den Weg vom Gefühl oder Affekt über Bewegung bis hin zum Klang machte Röbke mittels Relativer Solmisation deutlich, die für ihn eine „Choreographie der Hände“ darstellt, die sich durch Klanggesten äußert. Hierbei spiele der Weg von einem Ton zum anderen, also der gefühlte Zwischenraum, eine wichtigere Rolle als beide Töne an sich: „Entscheidend ist das, was man nicht hört.“ Wie musikalischer Ausdruck in einem Stück mit programmatischer Handlung geübt werden kann, zeigte Röbke an dem Stück „Das klinget so herrlich“ aus Mozarts Zauberflöte. Bei allen Ausführungen konnten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer durch praxisnahe Übungen einen konkreten Eindruck gewinnen.
Ein weiter Horizont angrenzender Themen eröffnete sich in der Abschlussdiskussion, in der sowohl die Problematik von Leistungsorientierung contra Breitenförderung aufgeworfen wurde als auch die Frage nach Motiven für das Musizieren und nach Bedürfnissen, die von der Musik erfüllt werden, wie eben das Ausdrücken von Gefühlen. Kritisch diskutiert wurden in puncto Lieblingsstücke auch deren vereinfachte und reduzierte Arrangements. Denn wenn etwas zu einem Lieblingsstück geworden ist, dann will ein Mensch sich auch anstrengen.
Welche Wirkung besitzt Musik denn nun eigentlich? Musikpsychologische Forschungen und empirische Herangehensweisen an diese Thematik mögen ihre Berechtigung haben, doch Röbke beantwortete dies mit einem eindrucksvollen Ausschnitt aus dem Film „Der Garten des Sergiu Celibidache“, in dem Celibidache selbst auf diese Frage antwortet: „Musik hat keine Wirkung. Musik, das bist du.“
Literatur
Figdor, Helmuth/Röbke, Peter: Das Musizieren und die Gefühle. Instrumentalpädagogik und Psychoanalyse im Dialog. Mainz 2008