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Von der positiven Brisanz des Fehlers

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Kreative Potenziale beim Musizieren und Unterrichten entdecken – ein Symposion in Graz
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Musikerinnen und Musiker wollen exzellente Leistungen zeigen, und auch das Publikum geht von der Perfektion einer musikalischen Aufführung aus. Der Umgang mit Fehlern nimmt jedoch nicht nur beim Auftritt eine zentrale Stellung ein, sondern bestimmt darüber hinaus die Qualität des Unterrichts und des Übens. Die gesamte musikalische Entwicklung wird vom Umgang mit Fehlern stark beeinflusst. Die brisante Fehlerthematik war Gegenstand des Symposions „Exzellenz durch Umgang mit Fehlern“, das am 11. und 12. November 2011 in Graz (Steiermark, Österreich) stattfand. Die inhaltliche Konzeption und organisatorische Leitung hatte Prof. Dr. Silke Kruse-Weber inne, die seit dem Wintersemester 2010/11 den Fachbereich für Instrumental- und Gesangspädagogik an der Kunstuniversität Graz übernommen hat.

Während des gesamten Symposions herrschte bei allen Beteiligten eine offene und vielfältige Kommunikation, der Erfahrungsaustausch bildete einen zentralen Aspekt. Vorträge, Roundtables und Workshops endeten gezielt mit Diskussionen, in denen die Teilnehmenden Fragen stellten und sich so aktiv am Symposion beteiligten. Außerdem wurde die Chance genutzt, auch einzelne Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Symposions hinsichtlich ihrer Erfahrungen sprechen zu lassen: In den Pausen wurden sie von einer Journalistin zu ihrem persönlichen Umgang mit Fehlern befragt. „Nur durch gemeinsame Bewegtheit und Reflexion können wir die Professionalisierungsbestrebungen der Instrumental- und Gesangspädagogik, hier vor allem im Umgang mit Fehlern, weiter vorantreiben“, zeigte Kruse-Weber in ihrer Eröffnungsrede auf.

Grundlage bei der Planung des Symposions bildete das „Strukturmodell der Musikpädagogik“ von Stefan Hörmann (2007) mit der Differenzierung des Faches in die miteinander vernetzten Bereiche einer vielfältigen Musizier- und Unterrichtspraxis, einer auf Unterrichtsplanung ausgerichteten Musikdidaktik und schließlich einer forschungsgeleiteten wissenschaftlichen Musikpädagogik. Entsprechend rekrutierten sich die Expertinnen und Experten sowie die Teilnehmenden des Symposions: erstens Musikerinnen und Musiker, die Fehler machen, zweitens Musikpädagoginnen und Musikpädagogen, die Entscheidungen für Handlungskonzepte zur Fehlerkorrektur treffen und drittens Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die über Fehler forschen.

Eine weitere strukturelle Besonderheit des Symposions bestand in der interdisziplinären Vernetzung musikpädagogischer Bereiche. So führte dieses Symposion Vertreterinnen und Vertreter verschiedener Bereiche (Lernpsychologie, Erziehungswissenschaften, Organisations- und Umweltpsychologie, Neurowissenschaften, Medizin, Management) zusammen, um mögliche Synergien eines interdisziplinären Austausches zu nutzen.

Zudem: Was wäre ein Symposion über das Musizieren ohne Musik? Johann Sebastian Bachs „Kunst der Fuge“ wurde nicht nur immer wieder durch herausragende Studierende der Kunstuniversität Graz zum Klingen gebracht: Im Einführungsvortrag zeigte Prof. Dr. Silke Kruse-Weber gemeinsam mit Prof. Dr. Stefan Hörmann (Otto-Friedrich-Universität Bamberg) die komplexe Struktur dieses Zyklus auf. Ausgewählte Kontrapunkte wurden so zur „musikalischen Klammer“ des Symposions. Denn: Wie in der Kunst der Fuge geht es auch im Hinblick auf die Symposionthematik um ein fruchtbares Zusammenwirken verschiedener, sich gegenseitig beleuchtender Stimmen – hierbei speziell zur Optimierung des Umgangs mit Fehlern in musikalischen Lehr- und Lernprozessen.

Reflexionsebenen des Fehlers in der Musikpädagogik

Dass das Potenzial von Fehlern nicht ausgeschöpft wird, erkennt man unter anderem daran, dass zum Umgang mit Fehlern ein Defizit an umfassenden musikdidaktischen Schriften mit Handlungsansätzen existiert. Über Ansatzpunkte für wünschenswerte zukünftige didaktische Entwicklungen gab Prof. Dr. Kruse-Weber Auskunft, ebenso erhielt man Einblicke in den Musikeralltag und die Praxis und Didaktik der Musikpädagogik: Manuel von der Nahmer, Cellist der Münchner Philharmoniker, gab Einsichten in den Orchesteralltag. Er berichtete vom für viele Musiker lang ersehnten Ziel „Profiorchester“, vom großen Erwartungsdruck, dem jene ausgesetzt sind, von Fehlern, die selbstverständlich weiterhin passieren – sowohl im musikalischen als auch im zwischenmenschlichen Bereich – und dem „Makel“, diese Fehler vor den Dirigentinnen und Dirigenten beziehungsweise den Kolleginnen und Kollegen zu zeigen. Prof. Antonius Sol, Sänger und Professor für Gesang an der Kunstuniversität Graz, beschrieb seine Erfahrungen auf dem Gebiet der musikalischen Aufführungspraxis im Bereich des klassischen Gesanges. Laut Sol haben sowohl das Publikum als auch die Kritiker immer etwas an Sängerinnen und Sängern „zu nörgeln – und wenn es just die Perfektion ist“. 

Die Suzuki-Geigenlehrerin Catherine von der Nahmer (Suzuki String School München) zeigte in ihrem Vortrag anhand verschiedener Beispiele, wie Kinder „mit Fehlern spielen“ und so zum Ziel beziehungsweise auf einen guten Weg zu einer differenzierten Selbstwahrnehmung kommen können. Bei der praktischen Arbeit mit drei Schüler/-innen verschiedener Alters- und Leistungsstufen am Klavier wurde das Phänomen Fehler von Prof. Sibylle Cada (Klavierdidaktik/-methodik, Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a.M.) inhaltlich wie kommunikativ fokussiert. Ihr Kollege Prof. Gerhard Mantel (Cello) veranschaulichte in seinem Vortrag anhand vieler praktischer Beispiele, wie wichtig Fehler als Informationsquellen und Improvisationsmöglichkeiten sind und dass die Akzeptanz von Fehlern ihre Gefahr verringert. Prof. Dr. Peter Röbke (Instrumental- und Gesangspädagogik, Universität für Musik und darstellende Kunst Wien) sprach von einer „Ästhetik des Unvollkommenen“ und dem Ende eines lebendigen, berührenden Musizierens, wenn „es uns gelänge, Spielfehler letztendlich auszumerzen, technische Perfektion zu erlangen und die totale Kontrolle über den Bewegungsapparat auszuüben“. Der Bewegungsapparat war es auch, der im zweiten praktischen Workshop des Symposions im Vordergrund stand: Elke Dommisch (Hochschule für Musik und Tanz Köln) versetzte mittels Bewegungsübungen zur psychophysischen Disposition den Körper und Geist der Teilnehmenden in einen „wohltemperierten“ Zustand, um langfristig ein schmerzfreies, sicheres und freudvolles Musizieren zu gewährleisten.

Insgesamt wurde konstatiert, dass noch ein großer Mangel an umfa-ssenden Forschungsergebnissen existiert. Untersuchenswert wären beispielsweise Bedingungsfaktoren für das Lernen aus Fehlern, der Umgang mit Fehlern bei Musikschullehrkräften, die Fehlerkultur an den Musikhochschulen, Leistungen durch eine positive Fehlerkultur oder hilfreiche Strategien beim Auftreten. Als Inhaberin der Professur für „Empirische Musikpädagogik“ an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst Frankfurt a.M. stellte Prof. Dr. Maria Spychiger Grundlagen der Fehlerkultur, des Lernens aus Fehlern und der Fehlerpsychologie vor, die in den Erziehungswissenschaften und der Lernpsychologie entwickelt worden sind. In der Folge wurden Spezifika der Instrumentalpädagogik dazu in Bezug gesetzt. Spychiger berichtete auch über erste Erfahrungen von interdisziplinären Fehlerkultur-Seminaren, die mit Musikstudierenden (Berufsklassen und Lehrämter) an der Hochschule Frankfurt a.M. durchgeführt worden sind.

Neue Perspektiven – interdisziplinäre Vernetzung

Welche Disziplinen können es sein, die dem Fachgebiet der Instrumental- und Gesangspädagogik für die Fehlerforschung neue Perspektiven geben? Und welche musikdidaktischen Anregungen ergeben sich dadurch? Im Einführungsvortrag wurden zunächst beispielhaft Anregungen für die Musikdidaktik aus Konstruktivismus, Lernpsychologie und Expertiseforschung aufgezeigt. Eine Weiterführung des interdisziplinären Kontextes fand in nachstehenden Vorträgen statt: Prof. Dr. Peter Revers (Musikgeschichte, Kunstuniversität Graz) führte das Publikum mit einigen Musik- und Notenbeispielen in die Vergangenheit, in der beispielsweise Beethovens Musik als „unverständlich, wie Chinesisch“ kritisiert wurde, weil er „keine Vorstellungen über Harmonik“ habe. Revers’ Vortrag spürte in enthusiastischer Weise einem subtilen Spannungsfeld von (möglicherweise) falschen Noten und „falschem“ Hören nach. Dr. Richard Parncutt (Zentrum für Systematische Musikwissenschaft Graz) sprach über Musikkognition beim Fehlermachen während des Klavierspiels. In einigen Beispielstudien erörterte er Erkenntnisse zu Themen wie „Hand-Augen-Spanne beim Seitenumblättern“, „Vom-Blatt-Spiel“ oder dem Erkennen von Fehlern in einem Notentext während des Musizierens. Anthony Mahers Beitrag löste die wohl heftigsten Diskussionen aus. Er beleuchtete das Thema „Fehler führen zum Erfolg“ aus dem Blickwinkel eines venture capitalist. Der Physiker, der bei der Firma Siemens in der Vorstandsposition die moderne Telekommunikationssparte aufbaute und heute in Aufsichtsräten großer High-Tech-Unternehmen auf drei Kontinenten tätig ist, hielt fest, dass man mit dem Scheitern rechnen muss, wenn man Innovationen entwickeln möchte. Ferner gab er (teilweise Empörung hervorrufende) Einblicke in das Wagniskapitalgeschäft. Als Vorbilder nannte er Bill Gates oder Steve Jobs, dessen Motto interdisziplinär genützt werden könnte: „Stay hungry, stay foolish.“

PD Dr. Ilona Maria Funke, Geschäftsführerin des Biotechnologieunternehmens SpheroTec GmbH, Chefärztin an der Chirurgischen Klinik Dr. Rinecker in München und Qualitätsmanagement-Auditorin der Klinik), gab Einblick in das Feld der Medizin, wo Fehler weitaus tragischere Konsequenzen haben können als in der Musikpädagogik. Sie berichtete, dass sich in der Medizin zunehmend die Einsicht durchsetzt, dass man Fehler verstehen muss, um sie zu vermeiden. Anhand von Studien aus dem Sport, der Flugsimulation und des Erlernens einer Melodie am Keyboard erörterte Prof. Dr. Wolfgang Kallus (Arbeits-, Organisations- und Umweltpsychologie, Karl-Franzens-Universität Graz) die Beziehung zwischen antizipativer Verhaltenssteuerung, Aufmerksamkeit und Leistung bei der Vermeidung von Fehlern.

Im Vortrag von Prof. Martin Widmaier (Klavier und Klavierdidaktik, Robert-Schumann-Hochschule Düsseldorf) wurde die Interdisziplinarität des Symposions erneut deutlich: Basis seiner Inhalte war das systemdynamische Lernmodell des „Differenziellen Lernens“, welches der Trainings- und Bewegungswissenschaftler Wolfgang Schöllhorn entwickelt hat: Kritisiert wurden etablierte zielgerichtete Lernmodelle aufgrund der Tatsache, dass Bewegungen grundsätzlich individuell geprägt sind und keine Bewegung wiederholbar ist. Das Konzept geht davon aus, dass ein Verstärken der Fluktuationen leistungssteigernde Wirkung besitzt. Diese Annahme hat sich mittlerweile empirisch bestätigt. Widmaier adaptierte das differenzielle Lernmodell auf das instrumentale Üben. Prof. Dr. Hans Christian Jabusch (Musikermedizin, Hochschule für Musik Carl Maria von Weber Dresden) skizzierte einige für das Musizieren relevante neurobiologische Vorgänge und psychologische Befunde und stellte sie in den Zusammenhang mit der Praxis des täglichen Übens. Fragen, mit denen sich jede/-r Musikschüler/-in und jede/-r Berufsmusiker/-in täglich konfrontiert sieht, wurden vor dem Hintergrund der Neurobiologie, der Bewegungssteuerung und des musikalischen Lernens diskutiert.

Das interdisziplinäre Symposion zum Umgang mit Fehlern im Bereich des Musizierens und Musiklehrens ist das erste dieser Art in Graz. Die hohe Besucherzahl aus ganz Europa und die zahlreichen positiven Rückmeldungen zu inhaltlicher Vielfalt, Interdisziplinarität, anregenden und strukturierten Vermittlungsformen sowie die Impulse, den eigenen Umgang mit Fehlern neu und differenziert zu reflektieren und weitere Forschungen in diesem Feld zu generieren, lassen zu dem Schluss kommen, dass diese Veranstaltung auf dem Wege zu einer Professionalisierung der Instrumental- und Gesangspädagogik einen wichtigen Meilenstein bildet.

Im April 2012 wird in der Reihe „Üben und Musizieren. Texte zur Instrumentalpädagogik“ (Schott) die Dokumentation des Symposions erscheinen.

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