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Von Hexen, Feen und Funtastereien

Untertitel
Fünfmal aktuelle Literatur für die abwechslungsreiche Klavierstunde
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„Romantischer Liedschatz“ für Gesang und Klavier - Ulrike Wohlwender: Jetzt fängt das schöne Frühjahr an - Cristina de Simoni: Maulwurf & Co. - Monika Twelsiek: Hexen, Feen und Gespenster - Funtastereien

„Romantischer Liedschatz“ für Gesang und Klavier, Friedrich Hofmeister Musikverlag, FH 3858

Diese Sammlung von dreizehn heute eher wenig bekannten Kunstliedern aus dem 19. Jahrhundert stellte Ursula Nawroth zusammen. Die Musikpädagogin möchte diese Ausgabe als Anregung verstanden wissen, mit Kindern, Enkeln oder Schülern zu singen und zu musizieren. Oder man begleitet sich selbst und lernt Lieder kennen, deren Komponisten nicht vordergründig als Liedkomponisten im Bewusstsein verankert sind. Zu nennen wären da im Ganzen Friedrich Silcher, Carl Loewe, Carl Maria von Weber, Conradin Kreuzer, Heinrich August Matthäi, Max Bruch, Luis Spohr, Otto Nikolai, Hermann Mohr und Carl Reinecke. Die Ausgabe bezieht sich auf die Originalkompositionen und verzichtet ganz bewusst auf bearbeitete Varianten. Spieltechnisch stellt der Klavierpart ganz unterschiedliche Anforderungen; die Grundlagen des Klavierspiels sollte man schon beherrschen und mindestens eine Oktave greifen können. Die Singstimme bewegt sich im Umfang des Soprans und dürfte für Kinder teilweise zu hoch sein.

Die Inhalte entziehen sich jeglicher Tiefgründigkeit, sie versprühen eher Frohsinn, und kleine Kümmernisse werden mit Humor vertrieben. Drei Lieder zur Weihnacht kommentieren Befindlichkeiten der Kinder mit köstlichen Texten („ Der kleine Weihnachtsmann“ von Mohr, „Ein Räppchen zum Reiten“ und „Drei Wochen nach Weihnachten“ von Reinecke). Die Schönheit der Natur mit ihrem Werden und Wachsen steht jedoch im Mittelpunkt, und da gibt es viel zu entdecken. Beispielsweise ein „Maienblümlein“ (Weber), „Vöglein im hohen Baum“ (Silcher) oder eben auch ein „Erdbeerliedchen“ (Loewe) und ein „Herbstlied“ (Matthäi). Schließlich zu guter Letzt noch ein Schlaflied, „Gebet zur Nacht“ von Reinecke. Die Lieder sind zumeist kurz, schlicht und gehen sogleich ins Ohr. Etwas anpruchsvoller dürften die „Einkehr“ (Kreuzer) und „Carmosenella“ (Bruch) auch hinsichtlich des Tonumfangs sein. Auffallend schön sind die in zarten Farbtönen gehaltenen Illustrationen von Uta Bettzieche, meist ganzseitig, etwas abstrakt in den Proportionen, was die Fantasie anregt, sofern man genau hinschaut.

Ulrike Wohlwender: Jetzt fängt das schöne Frühjahr an, Breitkopf & Härtel, EB 8766

Nach zwei bereits erschienen Liedheften zur Weihnacht (EB 8747) und zur Guten Nacht (EB 8765) gibt es als Folgeband diese Sammlung mit Liedern für alle Jahreszeiten. Die Konzeption wurde in allen Bereichen beibehalten. Schon die Umschlaggestaltung weckt die Neugier, und die Illustrationen auf den einzelnen Seiten laden den Betrachter zum Verweilen ein. Mit besonderer Liebe zum Detail zeichnet Marlies Walkowiak die Bilder; auf einfühlsame Weise gelingt ihr hier die Verbindung von Bilderbuch und Notenheft. „Lieder immer wieder neu begleiten“ steht als Motto voran und orientiert sich methodisch an der Konzeption der Vorgängerhefte.

Zuerst erscheint die Melodiestimme mit vollständigem Text. Lobenswert sind die genauen Angaben zum Textdichter/Komponisten oder der Herkunft. Es folgen Begleitmuster in den Grundharmonien der Tonarten, die akkordisch dargestellt sind. Ergänzend werden Vorschläge für Begleitmöglichkeiten angeboten. Sie regen zum eigenen Probieren an, während ausgeschriebene Klaviersätze alternativ in verschiedenen Levels notiert sind. Die Auswahl richtet sich nach dem Können und dem Geschmack des Schülers. Die Begleitstimme wird figurativer, und das ruft dann schon den Ehrgeiz der Schüler hervor, sich nicht mit der leichtesten Variante zufrieden zu geben. Pfiffige können auch den Versuch wagen, ohne Noten zu spielen und die Lieder zu transponieren.

Welche Lieder erwarten uns nun konkret? Stellen wir uns der Tatsache, dass bei Kinder gravierende Lücken im Liedrepertoire bestehen, so bietet dieses Liederheft mit seinen 31 Titeln die einzigartige Möglichkeit, diese Lücke zu schließen. Lieder vom Frühjahr bis in den Winter hinein erzählen vom Erwachen und Vergehen in der Natur und zeugen von Befindlichkeiten, die der Lauf des Jahres hervorbringt. Den größten Raum nehmen die Frühlingslieder ein, und tatsächlich sind diese Lieder die mit dem höchsten Bekanntheitsgrad („Nun will der Lenz uns grüßen“, „Alle Vögel sind schon da“ oder „Jetzt fängt das schöne Frühjahr an“).

Aber es gibt auch Neues zu entdecken: „Sakura“, ein japanisches Kirschblütenlied, welches mittlerweile schon in einigen Klavierschulen zu finden ist, oder auch der Kanon „I Like the Flowers“ aus England. Der Frühling soll einmal stellvertretend für die Jahreszeiten stehen, da auf alle an dieser Stelle nicht eingegangen werden kann. Informationen zur allgemeinen Handhabung des Liedheftes und zu beiliegender CD erteilt Ulrike Wohlwender im Vorwort sowie in abschließenden Bemerkungen.

Cristina de Simoni: Maulwurf & Co., Hug & Co., Zürich, G.H. 11709

Der Untertitel „12 leichte Stücke zum Vorzeigen und Nachspielen“ konkretisiert das praktische Anliegen. Nicht das Spielen nach Noten steht im Vordergrund, sondern die Fähigkeit zum Nachspiel von Gehörtem oder auf der Tastatur Gezeigtem. Einerseits schult diese Methode das Gedächtnis, sensibilisiert das Gehör und soll schließlich die Motivation zu fehlerfreier Nachahmung fördern. Andererseits erweckt das Notenbild den Eindruck einer ausnotierten Improvisation oder Klangspielerei. Obwohl der Schüler eigentlich nicht nach Noten spielen soll, stehen sie doch vor ihm. Es gibt Schüler, die auf diese Art und Weise die Angst vor einem vermeintlich schwierigen Notentext (viele Vorzeichen, Spiel im anderen Schlüssel, synkopisierte Rhythmen und Doppelgriffe) verlieren. Visuell leicht einprägsame Motive, meist ablösend auf beide Hände verteilt, werden „gerückt“, oktaviert oder in Pa-rallelbewegung gespielt. Simple Begleitfiguren in Boogie-Manier überfordern den Schüler auch nicht. Mit relativ wenig Aufwand kommt das Instrument zum Klingen. Neben flotten, rockigen Stücken stehen stille und klangschöne. Die Titel heißen dann „Mit Karacho“, „Pfau in Blau“ oder „Weggezogen“. Wer ein zweites Instrument zur Verfügung hat, kann sich begleiten lassen und darf aus einem Begleitheft (nach Noten) spielen. Wer Ergänzungsliteratur für die praktische Anwendung im Unterricht sucht, kann auf diese Ausgabe zurückgreifen.

Monika Twelsiek: Hexen, Feen und Gespenster, Schott ED 20321

Es scheint in Mode gekommen zu sein, Klavierstücke, die sich einem speziellen Thema widmen, in einer Sammlung zu bündeln. Die Verlage sind da sehr erfinderisch und verfehlen tatsächlich nicht die Absicht. Da ist es fast schon schwer, eine Lücke zu finden. Monika Twelsiek dürfte es gelungen sein, diese zu füllen. Sie bedient sich eines faszinierenden Themas. Und jede Thematik bringt eine eigene Stilistik ins Spiel, so dass sich schnell die Frage nach deren praktischer Umsetzung stellt.
Die Palette ist weit gefächert. Es fällt auf, dass vorwiegend zeitgenössische Komponisten wegen der vermehrt benötigten Unterrichtsliteratur dieses kindbezogene Thema aufgegriffen haben.

Welche Stücke erwarten den Schüler? „Märchen“ der russischen Komponisten Gretchaninoff und Kabalewski stehen sicher in der Tradition Medtners. „Däumelinchen“ (Gubaidulina), „Die Prinzessin auf der Erbse“ (Bortkiewicz) und „Rumpelstilzchen“ des Leipziger Komponisten Pick beziehen sich auf die Märchenliteratur. Aus op. 38 („Von Elfen und Feen“) von Rowley stammen die Stücke „Die Hexe“, „Die Fee“ und „Der Menschenfresser“. Hier wäre eine Gegenüberstellung mit „Baba Jaga“ von Tschaikowsky interessant gewesen. Aber es gibt auch unheimlich anmutende Dinge: Die schon mehrfach veröffentlichte „Kriminalmusik“ von Schoenmehl, die „Nächtliche Reise“ von Gurlitt, „In der Höhle“ von Regner oder auch die „Ballade“ aus op. 100 von Burgmüller.

In die Rubrik Angst gehört wohl das „Fürchtenmachen“ von Schumann und der „Nächtliche Vorfall“ sowie „Eine schreckliche Begebenheit“ von Gretchaninoff. Aber es wird sich nicht nur gegruselt, auch Zauberer sind am Werk. Da erwacht ein verzauberter Zwerg (Mohrs), Gubaidulina bringt ein Zauberkarussell zum Klingen und Villa-Lobos führt uns auf ein Zauberschlösschen. Naturereignisse („Echo im Gebirge“ von Kasandjew) oder eine Jagd „Im Walde“ von Zilcher dienen etwas als Kontrast und die zahlreichen Bezüge zum Feenhaften („Feenreigen-Walzer“ von Oesten, „Feenkönigin“ von Humbert und „Sonnenaufgang im Feenland“ von Dushkin) dürften besonders die Mädchen unter den Klavierspielern ansprechen. Nachdem wir schließlich auch noch durchs „Land der Riesen“ (Szelenyi) geschritten sind, darf getanzt werden. Dazu laden uns Marsbewohner, Gespenster (Schoenmehl) und Elfen (Grieg) ein.

Wegen der besonderen Charakteristik der Stücke müssen ganz unterschiedliche Spieltechniken aktiviert werden. Ein weiterer Vorzug der Ausgabe ist die progressive Zusammenstellung.

Funtastereien, H.H.-Musikverlag, HHMV 111

Der Titel ist wohlüberlegt, verrät aber nicht primär, dass es sich bei diesen siebzehn leichteren Klavierstücken um ganz zeitnah entstandene Kompositionen handelt. Zur Gruppe der Komponisten gehören Stefan Lienenkämper, Udo Diegelmann, Xaver Paul Thoma, Willy Merz, Hubert Hoche, Thomas Böttger, Peter Hoch, Stephan Adam und Christian FP Kram.

Sie alle steuerten zumeist kurze, überschaubare Stücke bei. Ziel der Veröffentlichung, die sich der Unterstützung des Verbandes Deutscher Schulmusiker (VDS) erfreut, ist die Vermittlung zeitgenössischer Notations- und Spieltechniken und deren Aufführungspraxis.
Experimentelle Momente, wie zum Beispiel die Verwendung einer Triangel bei gleichzeitigem Spiel der linken Hand, setzen manuelles Geschick voraus. Wer sich auf eine „Geheimnisvolle Spur“ begeben will, muss sich sein Stück selbst zusammenbauen. Es stehen zahlreiche Motive zur Verfügung, und bei der Spurensuche dürfen Dinge getan werden, die sonst nicht alltäglich sind: auf das Klavier klopfen, schlagen, Saiten anzupfen, Obertöne klingen lassen und „hineinhören“. Wie klingt es, was kann ich noch probieren? Sehr häufig wird mit Clustern gearbeitet (die Hand braucht eine gewisse Größe!), auch in Verbindung mit stumm niedergedrückten Tasten („Impression II“).

Die Nachahmung des Ballwechsels bei „Ping Pong“ in Form von Taktwechseln, synkopisierten Rhythmen und ausnotierten Glissandi, wenn der Ball verfehlt wurde, ist besonders gut gelungen. Spieltechnische Akzente in Form von motorisch ausgeführten Akkord-Tremoli setzt der „Wirbelwind“, und in der „Traurigen Fughette“ kommen einfache kontrapunktische Techniken zum Tragen. Ganz leicht sind die Stücke nicht, können aber ab dem dritten Unterrichtsjahr gearbeitet werden. Auf alle Fälle sollten sie einen festen Platz in der Klavierausbildung einnehmen.

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