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Wittener Tage für neue Kammermusik
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Vom 9. bis 11. Mai 2003 veranstalteten der Westdeutsche Rundfunk und die Stadt Witten die 35. Wittener Tage für neue Kammermusik. Sechs Konzerte, mehr als zwanzig Ur- und deutsche Erstaufführungen, vier Performances sowie drei Bild- und Klanginstallationen vermittelten wieder einen spannenden Einblick in aktuelles Komponieren. Im Programm bildeten Werke zweier Komponisten Schwerpunkte: der Portugiese Emmanuel Nunes und der Österreicher Bernhard Lang. Verdienstvoll auch, dass im Zusammenhang mit dem Thema der Kammermusiktage auch Werke von Roman Haubenstock-Ramati aufgeführt wurden. Auch Rückblicke können gelegentlich Zeichen in die Zukunft setzen.

Augen und Ohr, Ohr und Auge: lauter geheimnisvolle Koinzidenzen. Im Vorwort zu den diesjährigen Wittener Tagen für neue Kammermusik verweist Harry Vogt auf Jean Paul: Dieser bezeichnete das Auge als Hörrohr der akustischen Phantasie. Rede, damit ich dich sehe, sagte (angeblich) Sokrates: Im Klang des gesprochenen Wortes visualisiert sich das Gegenüber. Wenn der Maler Paul Klee formuliert, dass Kunst nicht das Sichtbare wiedergibt, es vielmehr erst sichtbar macht, so verweist er damit auf das Prozesshafte des künstlerischen Schöpfungsaktes. Kunst erforscht sozusagen die verborgenen Grundstrukturen des Sichtbaren: warum etwas sichtbar wird. Kunst ist in diesen Augenblicken der Chemie und der Physik näher als der vage als Imagination bezeichneten Vorstellung von künstlerischer Tätigkeit. Qualifizierte Imagination entsteht erst, wenn sie sich mit „Forschung” im weitesten Sinn verbindet. Wenn der späte Richard Wagner, nach dem „unsichtbaren Orchester”, sogar von einem „unhörbaren Orchester” träumt, dann darf man das nicht wörtlich verstehen: Es drückt die Sehnsucht aus zu erfahren, wie es der Musik möglich ist, ihre Wirkung zu entfalten. Wo liegt das Geheimnis verborgen? Verschlossen im einzelnen Ton? Und wie lässt sich dieses „unhörbare” Geheimnis enthüllen? Im schweigenden Lauschen? Im forschenden Hineinhören in das verkapselte Klangmaterial?

In Donaueschingen entstanden im letzten Herbst lebhafte Diskussionen über Sinn und Inhalte eines Festivals mit moderner Musik. Das Wort vom „großen Werk” geisterte durch die Gespräche – als ob man dieses Werk einfach so bestellen könnte. Die Musiktage neuer Musik, sei es in Donaueschingen oder jetzt wieder in Witten, zeichnet weder der übliche Festivalcharakter aus noch präsentieren sie sich primär als Messe, auf der man neue Stücke ordern kann. Beide Veranstaltungen darf man vor allem als Laboratorien bezeichnen, Stätten, wo Musikforscher – sprich: Komponisten – ihre Forschungsergebnisse vorstellen. Alles andere wäre als sekundär anzusehen, einschließlich des „großen Werkes”. Erklingt dieses dennoch, zumindest als Vorahnung, umso besser.

Die Wittener Tage für neue Kammermusik 2003 erhoben den Forschungsaspekt konsequent zum thematischen Schwerpunkt. Stichwort: Auf der Suche nach den verborgenen Strukturen. Die Titel der einzelnen Konzerte signalisierten die Tendenz: Spiegel, Labyrinth, Geräusch-Arien, Innere Stimmen, Metamorphosen, Erinnerung – alles Versuche, Musik, ihre Klänge und Töne, auf dem Weg ins Innere bis in den rätselhaften Ursprung zu erkunden und von dort in neuer Gestalt im Werk gleichsam zu materialisieren. Etliche neue Namen in Witten widersprachen dabei dem Vorwurf, die Neue Musik-Festivals setzten zu sehr auf bereits etablierte Komponierprominenz. Der Berliner Arnulf Herrmann (Jahrgang 1968) verformt in seinem Ensemblestück „direkt entrückt” unablässig einige wenige musikalische „Ereignisse“, um im ständigen Wechseln und Einkreisen die Materialvorlage erschöpfend auszukundschaften. Die Spanierin Elena Mendoza-López (1973) erfindet eine Raummusik (Titel: „Dort, doch, auch, nicht, vielleicht“) für fünf Instrumentalgruppen, in die als Klangelement auch Sprache eingebunden ist: fragmentarische Partikel aus einem Enzensberger-Gedicht („Windgriff“). Ein Stück, das seine strukturellen Bestandteile im Offenlegen zugleich wieder verrätselt. Der Italiener Aureliano Cattaneo (1974) beschwört in „Minotaurus, dreaming“ für Sopran, Countertenor und zwei Instrumentalgruppen den bekannten Mythos, gespiegelt in Texten von Edoardo Sanguineti und Friedrich Dürrenmatt: Im verspiegelten Labyrinth ist nicht nur der Stiermensch eingeschlossen, auch Cattaneos Stück „spiegelt“ mit den Mitteln von Reduktion, Verzerrung, Parodie dem Zuhörer eine italienische „Oper“ vor: Hörend „sieht“ man die kombinierten Versatzstücke einer Oper, ihrer Form und Struktur: Intelligent komponiert.

Zwei „Arrivierte“ rückten sozusagen zwangsläufig in den Mittelpunkt des Wittener Programms: der portugiesische Komponist Emmanuel Nunes (Jahrgang 1941) und der Österreicher Bernhard Lang (1957). Nunes könnte sicher das simple Verlangen nach dem „großen Werk“ befriedigen, wenn sein Komponieren nicht so komplex und hochreflektiv angelegt wäre. Existentielle Lese-Erfahrungen bei Dostojew-skis Erzählung „Die Sanfte“ flossen in das Ensemblestück „Improvisation I – für ein Monodram“ sowie in das Bratschensolo „Improvisation II – Portrait“ ein. Das Ensemblestück gewinnt in der dichten Strukturierung eine fast körperlich spürbare plastische Beredtheit, das Bratschensolo (wieder grandios gespielt von Christophe Desjardins) öffnet ebenso beredt ein wahrhaft unerhörtes Klangspektrum, in dem Vielschichtigkeit und Expression eine faszinierende Verbindung gewinnen. Auf der Suche nach dem verborgenen „Geheimnis“ versichert sich Nunes in seinem Trio „Rubato, Registres et Résonances“ (für Violine, Flöte/Oktobassflöte und Klarinette/Bassklarinette) der Kollegenschaft Johann Sebastian Bachs: dessen dreistimmige Invention f-Moll BWV 780 wird mit den im Titel bezeichneten Mitteln „bearbeitet“ – was zu oberflächlich gesagt ist. Es handelt sich um eine komponierte Interpretation von höchster Eindringlichkeit. Eine subjektive Vergegenwärtigung, die im Werk Bachs das Eigene entdeckt und „übersetzt“. Dem Trio des ensemble recherche mit Melise Mellinger (Violine), Shzuyo Oka (Klarinetten) und Martin Fahlenbock (Flöten) ist eine großartige Interpretation zu danken.

Bernhard Lang steuerte mit „DW 6a“ (für E-Viola/E-Violine und Loop-Generator – überlegen exekutiert von Dimitrios Polisoides und Lang selbst am Generator) und „DW 9 – Tulpe/Puppe“ zwei Arbeiten seiner Differenz-Wiederholungs-Stücke bei. Lang überträgt Begriffe aus der DJ-Kultur wie Remix, Reset und vor allem Loop-Schleifen (das Hüpfen der Nadel des Plattenspielers um ein oder zwei Rillen zurück) äußerst präzis in seine Musikästhetik. In „DW 9“ werden Texte von Christian Loidl in das Differenz-Wiederholungsverfahren einbezogen, das heißt, sie werden gleichsam nach Innen erforscht, neu beleuchtet, fragmentiert. Eine Sängerin (brillant Salome Kammer) strukturiert die Texte zwischen verschleifendem Stammeln, hochgespanntem Ton, Abbrüchen und stotternden Repetitionen: eine mustergültige Interpretation durch das Klangforum Wien unter Emilio Pomàrico und ein komponierter Laborversuch zum Thema Kommunikation. Lang betätigte sich auch als Entdecker: In Roman Haubenstock-Ramatis ,,morendo“ spürte er durch wiederholtes Hineinhören in das elektronische Band die vom 1994 gestorbenen Komponisten geplante Flötenstimme auf. Die im Material enthaltene Stimme musste nur noch mit entsprechender Technik herausgefiltert und für E-Bassflöte eingerichtet werden. Die Flötistin des Klangforum Wien, Eva Furrer, die von Haubenstock-Ramatis Absichten noch persönlich im Gespräch etwas erfahren hatte und die Bernhard Lang zur Komplettierung anregte, war die technisch souveräne wie überlegen gestaltende Interpretin der Wittener Aufführung, die einen nachhaltigen Eindruck hinterließ.

Das weitgespannte Thema der Wittener Kammermusiktage, die Recherche nach den verborgenen Strukturen in der Musik, in Klängen und Texten, kreisten auf vielfältigste Weise auch die anderen Komponisten mit ihren neuen Werken ein. Johannes Maria Staud schrieb mit „Berenice. Lied vom Verschwinden“ eine sensible Klangstudie auf einen Text von Durs Grünbein, die in einer neuen Oper für die Münchner Biennale 2004 Verwendung fin-
den wird. Carola Bauckholt überträgt in „Kugel“ Klänge von rollenden Ku- geln auf drei Celli, was eine plastische Raum-Klang-Spannung ergibt, in der Bewegungen immer wieder angestoßen werden. Jürg Widmann stellte seine inzwischen auf drei Stücke angewachsene Serie von Violin-Etüden vor, kontrastreich, lebhaft strukturiert, im Tempo-Rausch die neueste dritte Etüde. Carolin Widmann war die perfekte Interpretin hinter einem riesigen Halbkreis von Notenständern. Widmanns Vokalstück „Signale“ gewinnt im Aufheulen der Sirenen und Schreie einen geradezu existentiellen Schreckensgestus. Die Neuen Vocalsolisten Stuttgart exekutierten das brillant, ebenso wie Michael Jarrrells „...car le pensé et l’être sont une mème chose...“ auf Fragmente eines Lehrgedichts von Parmenides und die amüsant-geistvolle „Still“-Komposition von Markus Hechtle, mit Sprecher, vier Männerstimmen und einem Text von Giacomo Leopardi an einem „klingenden Tisch“: auch dies eine Variation zum Thema Kommunikation.

Erwähnt seien auch Enno Poppes Ensemblewerk „Wand“, in dem der Komponist zum eigenen Erstaunen durch Verlangsamung des Tempos einen gehobenen Tonfall zurückgewinnt: auf der Suche nach neuer-alter Form? Gustav Friedrichssohn schrieb mit dem Viola-solo-Stück „bis an das Ende“ eine, wie er sagt, „gelebte“ Musik, die in der Darstellung durch den phänomenalen Christophe Desjardins eine enorme Dichte und Präsenz erreichte. In seinem „zweiten Versuch über Rimbaud“ für sechs Vokalisten, Posaune und Schlagzeug mit dem Titel „Départ“ entwickelt Jörg Birkenkötter eine ebenso komplexe wie sensible Korrespondenz zwischen Rimbauds Texten und komponierter Übersetzung bis hin zur Auflösung im subtil durchgehörten Klang. Dass auch Gérard Grisey mit seinem „Solo pour deux“ (1981) für Klarinette und Posaune im Programm Eingang fand, war nicht nur eine Reverenz, sondern auch Hinweis auf die Aktualität seines Schaffens – Ernesto Molinari (Klarinette) und Uwe Dierksen (Posaune) waren die kompetenten Interpreten.

Es gab auch wieder mehrere Performances (einige eher etüdenhaft-tastend) und drei Klang-Installationen, unter denen Nikolaus Heyducks „Tape Noise Tubes” aus hängenden Pappröhren mit Resonanz-Lautsprechern am überzeugendsten geriet: suggestive Klang-Grabungen im Gewölbekeller des Hauses Witten. In einem anderen Raum des Hauses Witten zeigte der Amerikaner Dan Senn seine Klanginstallation „Waves of Grain“, ein „automatisiertes“ Kammerstück für Video, Schlagzeug und Stimme: eine ästhetisch aparte Erinnerung an Landschaft und Menschen der eigenen Heimat, sehr persönlich zu begreifen. Walter Fähndrich und Claudio Moser schließ-lich schauten in ihrer Musik-und Bildinstallation „Am Fenster“ sozusagen „aus dem Fenster, was zu beobachtender Meditation animierte. Nach den Heyduck-Grabungen im Gewölbekeller erwiesen sich auch die Grabungen im Tagebau in diesem Witten-Jahr als durchaus ergiebig. Dass man neben der Lang-Adaption ein weiteres Werk Roman Haubenstock-Ramatis ins Programm genommen hatte („Alone II”) war mehr als nur eine Reverenz: Der Komponist befand sich schon zu Lebzeiten mit diesem 1969 geschriebenen Stück auf der Höhe der Gegenwart. Ein notwendiges Nachwort: Als Ensemble-Interpreten wirkten diesmal das Klangforum Wien, das ensemble recherche und die Neuen Vocalsolisten Stuttgart mit. Alle leisteten ein unglaubliches Arbeitspensum, perfekt, auf höchstem Niveau. Ideale Partner der Komponisten, weil sie nicht nur meisterhaft spielen, sondern auch konstruktiv mitdenken und mitkomponieren. Neue Musik braucht dieses adäquate Engagement des Interpreten.

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