Ein alter Showbiz-Spruch aus einem Judy-Garland-Musical verleiht diesem Biopic seinen Drive: „Where there’s music, there’s love.“ Anders gesagt: Als June Carter im Frühling 2003 starb, blieben auch Johnny Cash nur noch vier Monate auf Erden. Eine „wahre Geschichte“ erzählt also „Walk The Line“: Die Ballade von John & June. Schon als Little John hatte er sich in Junes Stimme verliebt, die aus dem Radio erklang. Als Mitglied der legendären Carter-Family war das Country-Girl seit ihrer Kindheit auf den Bühnenbrettern gestanden. „Hillbilly Music“ nannte man damals noch das Gebräu aus Folk, Country & Gospel, das kurz nach der Jahrtausendwende ein unglaubliches Revival in den USA erlebte.
Durch und durch biblisch grundiert ist dieses famose Biopic, das auf den beiden Autobiografien von Cash basiert. Wie schon Taylor Hackfords grandioser Film über Ray Charles erzählt James Mangolds „Walk The Line“ die uralte Geschichte von Kain & Abel. Während sich sein Bruder Jack bei der Sägearbeit tödlich verletzte, war John beim Fischen gewesen, unten am Fluss. Ein Leben lang wird ihn die Frage des kalten Vaters verfolgen: „Wo bist du gewesen, mein Sohn?“ Ein Bruder im Geiste wird sie später sogar zum Hit machen, der spätere „Columbia Records“-Genosse Bob Dylan: „Where have you been my blue-eyed son?“
Wie Bob Dylan, Frank Sinatra oder Elvis Presley war Johnny Cash eine der Stimmen Amerikas. Und so ist „Walk The Line“ natürlich auch ein großer Film über „God’s own country“ geworden. Alles dreht sich in diesem Gemisch aus Facts & Fiction um „Love, God & Murder“, wie ein Boxset mit Songs des „Man in Black“ hieß. Das berühmte „I shot a man in Reno ...“ trug perfekt zur Legendenbildung bei. Die Knastbrüder im Folsom State Prison nahmen ihm jedenfalls dieses Geständnis ab und feierten ihn 1968 – auch wegen der vielen Drogengeschichten – als einen der ihren, wie der Film zeigt, der mit diesem magischen Moment beginnt und endet. Bevor irgendein Cash-Song erklingt, gibt eine Stampede aus trampelnden Stiefeln jener dunklen „Brüder“ den Takt vor für diese Showbiz-Story, die auch „Get Rhythm“ hätte heißen können.
Angeblich schrieb Johnny Cash „Get Rhythm“ 1956 für einen damaligen Kollegen bei „Sun Records“, Elvis Presley. „Get Rhythm“ war die großartige Rückseite der Single, die diesem Film den Namen gab: „I Walk The Line“. Während dieses Mantra aber von der dünnen Linie zwischen Liebe und Hass kündete, ging es in dem swingenderen Titel um die „Erlösung durch Rhythmus“, wie der Musikkritiker John Fricke befand: „Der Held des Songs ist ein Schuhputzjunge. Die schiere Lebensfreude des Jungen, der sich weder durch sein elendes Dasein noch durch das Wetter unterkriegen lässt, verleiht dem Song Tempo, während Carl Perkins’ Riffs und der schnurrende Wachspapiersound von Cashs Rhythmusgitarre das Scheuern von Bürste und Putzlappen wiedergeben.“ „Get rhythm when you get the blues ...“ Im Film singt Joaquin Phoenix diesen Song so inbrünstig wie Reese Witherspoon ihre alten June-Carter-Lieder „Wildwood Flower“ und „Jukebox Blues“.
Das musikalische Mastermind hinter „Walk The Line“ ist ein alter Bekannter: T Bone Burnett. Seit seinem Erfolgsalbum „O Brother, Where Art Thou?“ veredelte er in den letzten Jahren zahlreiche Soundtracks. Immer wenn es in Hollywood um „Old Time Music“ ging, war er zur Stelle. „Walk The Line“ (bei Sony BMG) ist nach dem „O Brother“-Soundtrack sein zweites Meisterstück geworden. Eine vorzügliche Songauswahl („Home Of The Blues“, „It Ain’t Me Babe“, „Cocaine Blues“) wurde von T Bone Burnett perfekt im alten Stil arrangiert und produziert. Joaquin Phoenix und Reese Witherspoon könnten durch „Walk The Line“ zum Traumpaar der Country-Szene werden, wie einst Johnny Cash und June Carter. Für den Oscar nominiert sind die beiden jedenfalls schon.