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Plakatwerbung für Musik in Berlin. Foto: Hufner
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Auf Überwältigung angelegte Showroutine

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Was in der Saison 2013/14 philharmonisch serviert wird – eine Bestandsaufnahme
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Auch in früheren deutschen Bildungsdebatten focht man in Musikdingen an vorderster Front. So etwa 1872 nach dem Gewinn von Krieg und Reich der Religions- und Bildungsschriftsteller David Friedrich Strauß, dem mit seinem pompösen Werk „Der alte und der neue Glaube“ nichts weniger vorschwebte als eine parallele bildungsbürgerliche Reichsgründung:

Musik, zwar eine „Weltsprache, […] aber ein nationales Product ist sie doch!“, ist für den Volkserzieher vor allem Gegenstand des Wissenserwerbs und der Erbauung, dient also nach heutigem Sprachgebrauch vorzüglich zur Vermittlung von Kompetenzen und Stärkung von Transferleistungen. Genau diese Aufgabe aber hintertreibt ein Musikgenuss, sofern er sich nicht an die organische Folge von „Knospe, Blüthe und Frucht“ und also von Haydn, Mozart und Beethoven hält. Seine Ablehnung von solcherlei ungesunden Programmen transferiert Strauß seinerseits in ein weiteres Bild: „Man fängt dann mit Mozart oder gar gleich mit Beethoven an, als wolle man eine Mahlzeit mit Champagner und Confect, statt mit einer ordentlichen Suppe anfangen.“ Nietzsche, der frisch aus Bayreuth zurückgekehrte Veteran des deutsch-französischen Krieges und auch deswegen für allerlei „welschen Tand“ nicht unempfänglich, konterte darauf in der ersten seiner „Unzeitgemässen Betrachtungen“: Strauß’ „Confect-Beethoven ist nicht unser Beethoven, und sein Suppen-Haydn ist nicht unser Haydn“. Allem Produkt-, Erwerbs- und Einverleibungsstreben abhold, legte und legt er für die Kunst heftigst Einspruch ein gegenüber „dieser Art von ‚Kultur‘, die doch nur eine phlegmatische Gefühllosigkeit für die Kultur ist“. Nietzsche besteht darauf, dass Musik, die Komponisten und all das keine „Mittel der Kultur“ seien, sondern das Leben selber. Jedenfalls eine Art davon. Kunst eben.

Die W-Fragen der E-Musik

Nun, ob Musik egal welcher Epochen als Vor- oder Nachspeise aufgetischt wird, ist zunächst weniger interessant, als die Tatsache, dass die bildungspolitischen Frontverläufe sich in über 140 Jahren nicht wesentlich verändert haben. Sind Kultur und also mitunter auch Kunst und Musik elementare Lebensäußerungen oder haben sie umwegrationalen Kalkülen von Zwecken und Anwendungen zu folgen? Lautstark, gedanken- und zahlreich sind in der so genannten E-Musik heutzutage vor allem die nachfrageorientierten Debatten in Musikvermittlung, Kulturmanagement und Marketing um Fragen wie: Wer will/soll das hören? Und wozu? Und auch um das wie wird sich von der Programmdramaturgie bis zur Eventkultur intensiv gekümmert. Was kommt dabei aber beim „was“ davon an, bei dem, was tatsächlich gespielt wird von deutschen Kulturorchestern etwa in der gegenwärtig laufenden Saison bei den eigenen Konzerten? Spiegelt sich etwas von den Debatten und Diskussionen im Angebot wider? Da es dazu und im Gegensatz zu den Opernhäusern keine einheitliche Statistik gibt, muss man selber Hand anlegen: Jahreszeitlich angemessen begann das christliche Abendland ja einst auch mit dem Zählen. Hier zwar nur bei nur zirka der Hälfte der Kulturorchester, jedoch in einer konzertspezifischeren Mischung aus 11 Rundfunk-, 14 Konzert- und 37 Opernorchestern beziehungsweise 2.580 gespielten und nur nach Epochen zugeordneten Werken.

Um es vorweg zu schicken: Zahlenmäßig hat sich in der Angebotskultur wenig verändert, wenn man die Ergebnisse von heute mit denen vergleicht, welche die „Bestandsaufnahme Zeitgenössische Musik im bundesdeutschen Sinfoniekonzert der achtziger Jahre“ von Frauke Heß 1994 quasi nebenher auch über Musik anderer Epochen geliefert hat – allerdings anhand von 56 Orchestern über ein ganzes Dezennium und fast genau an einer zehnfachen Anzahl von Werken. Das liest sich dann wie folgt in der Gegenüberstellung von 1980–89 zu 2012/13: Musik nach 1945 12,3 zu 13,5 Prozent; Klassische Moderne 18,3 zu 18,6 Prozent; Romantik und Spätromantik 44,5 zu 48,2 Prozent; Klassik 21,2 zu 14,2 Prozent; Barock und Frühklassik 3,7 zu 4,6 Prozent (die 2012/13 verbleibenden 0,9 Prozent entfallen auf Filmmusikprojekte).

Nun, das ist, abgesehen von den Veränderungen bei der Klassik und Spätromantik, wirklich bemerkenswert wenig. Auch angesichts von eventuell leicht unterschiedlichen Kategorien, Zuordnungen (historisch oder stilistisch? etwa) und notwendiger, auch qualitativer Binnendifferenzierung, verschleifen sich Einzelfälle, auch die einzelner Orchesterprogramme in der Gesamttendenz. Und die heißt, dass an dem, was im gesamtdeutschen Sinfoniekonzert als die Ernste Musik präsentiert wird, dreißig Jahre nahezu spurlos vorübergegangen sind mitsamt den Vermittlungs- und Bildungsoffensiven. Weil philharmonische Dauerbeschäftigung Pflicht und Programmatik nur Kür ist, wurden und werden die Konzertprogramme beinahe hälftig von der Romantik bestimmt, vor allem und mit steigender Tendenz zu 25 Prozent von der Spätromantik, als sich die Besetzung institutionalisierte; mussten ja Berlioz und Wagner noch auf die Bläser der örtlichen Militärkapellen hoffen, konnten Bruckner, Mahler und Strauss schon aus dem Vollen schöpfen. Die spielt jedes Orchester, Haydn, Mozart und Beethoven aber längst nicht mehr. Musik nach 1945, um die grandiose Fülle der letzten 60 Jahre einzudampfen, schneidet dagegen wie ehedem gleich gut oder schlecht ab. Immerhin präsentieren nur acht der 62 Orches-ter 2012/13 kein Werk eines lebenden Komponisten, sie alle jedoch im Schnitt drei, und wenn man die elf Rundfunkorchester abzieht nur noch zwei. Gegessen wird, was auf den Tisch kommt, mag man in Anlehnung an den eingangs zitierten Strauß denken, erst mal was Ordentliches und was der routinierte Koch am liebsten kochen mag. Nur, dass das nicht mehr die Haydnsche Suppe ist, sondern der fette Sonntagsbraten. Alles andere ist Amuse-Gueule, reinigendes Digestif und dergleichen mehr.

Schicksal Randständigkeit

Aber, Nietzsche hatte recht, um Nahrungsaufnahme geht es nicht, und in der Musik schon gar nicht. Nicht um Nähr-, oder Brennwerte. Es geht um den Genuss und das sich darin manifestierende Empfinden und Erkennen, um die hörende Erfahrung von Welt und Leben vermittels Artefakten, also eine Einstellung gegenüber den Dingen, nicht um ihre Einvernahme. Es kommt auf den Einzelfall an, den Augenblick, das einzelne Konzert. Da verblassen ohnehin alle Zahlenspiele und Absichten, Epochen und Klassifizierungen. Nur, und insofern sollte man dann doch das Ganze hin und wieder in den Blick nehmen, – auch hier kann die Gesamttendenz die Einzelfälle verschleifen und schließlich aussondern. Datenmenge schluckt Individualität, und so wird à la longue die Spätromantik die Klassik wie die Neue Musik gleichermaßen schlucken. Denn unübersehbar bleibt, dass diejenige Kunstmusik, die maßgeschneidert und normbildend für den etablierten Orchesterbetrieb entstand, weiterhin und vermehrt die Musik jener Epochen an den Rand drängt, die historisch davor und dahinter liegen und die beide für ihre Zeit ganz konkret den Menschen adressierten: als Klassik die bürgerliche Öffentlichkeit, als Neue Musik das auf sich gestellte Individuum. Und erstaunt nimmt man den Befund zur Kenntnis, dass die Qualität von Strategien zwecks Zugänglichkeit und Teilhabe sich umgekehrt proportional verhält zu Vielfalt und Qualität philharmonischer Programmatik und Inhalte. Bei genauem Hinsehen, was hier nur am Rande erfolgen konnte, würde man dann feststellen, in welchem Maße genau Haydn, Mozart und Beethoven ebenso wie Ligeti, Xenakis und Neuere tendenziell immer mehr verschwinden in Klang- und Nebelschwaden einer zumeist auf Überwältigung angelegten Showroutine.

Dass und wie das Repertoire diesseits wie jenseits des spätromantischen Stils der Musik und ihrer Wahrnehmung „neue Bahnen“ bereitet hat, das kann man hören, vorausgesetzt man bringt es zu Gehör. Und vielleicht wäre gerade dieses Repertoire eher in der Lage, denjenigen zu erreichen, der als Publikum dringend zu gewinnen ist: der Nicht-Hörer – eher jedenfalls, als die philharmonischen pièces de résistance aus gerade mal 40 Jahren Musikgeschichte. Daher kommt es jetzt vielleicht auch mehr auf das „was“ an als auf das „wie“ – bei aller Notwendigkeit von Vermittlung und audience development. Bei aller Wertschätzung und Liebe für Bruckner, Mahler, Strauss, Sibelius et cetera: mehr Musik täte Not, welche die Voraussetzungen ihres Erklingens und Hörens bewusst mit erschafft, als solche, die – Jubiläen hin oder her – der Apparat live oder im Stream schier voraussetzungslos verströmt. Mehr Inhalt also von den (W-)Enden her, was in heutigen Um- und Abbruchszeiten für Orchester wichtiger sein könnte als manch strategischer Masterplan, spannender oder auch herausfordernder und weniger phlegmatisch als eine immer buntere User-Ansprache mit immer weniger vom immergleichen Content.

Hier sind natürlich der Verkürzung wegen einzigartige Konzerte und Programme von vielerlei Orchestern vernachlässigt, allein, weil der Autor sich dem Sog der Gesamttendenz leider auch nicht zu entziehen vermochte.

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