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Laienmusikvermittlung auf neuen Wegen

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Podiumsdiskussion mit Ulrike Liedtke und Stefan Liebing auf der Musikmesse Frankfurt
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Die Verbände und Vereine im musisch-kulturellen Bereich stehen vor neuen Aufgaben: neue Organisationsmodelle, neue Ideen der Mitgliedergewinnung, eine intensive Jugendbetreuung und vor allem die Vermittlung der Laienmusik und der musikalischen Erziehung. Ein Panel auf der Musikmesse in Frankfurt bot Gelegenheit zur Aussprache.

Andreas Kolb: Frau Liedtke, Herr Liebing, schildern Sie kurz, was Ihre Institution, Ihr Verband jeweils macht?

Ulrike Liedtke: Die Musikakademie in Rheinsberg arbeitet seit 1991 mit dem Konzept, Kurse und Veranstaltungstätigkeit miteinander zu verbinden. Wir haben im Jahr 140–160 Kurse und betrachten uns als ein Weiterbildungs- und Begegnungshaus. Seit 2000 steht uns ein Schlosstheater zur Verfügung, und hier kann das, was in unserem Kursplan aufführenswert ist, zur Aufführung kommen.

Stefan Liebing: In unserem Verband sind ungefähr 18.000 Orchester in Deutschland organisiert. Doch die Ansprüche von jungen Menschen ans Musizieren haben sich verändert. Unser Eindruck ist, dass wir eine deutlich schwächere Bindung haben und junge Menschen schnell aus dem Bereich des Musizierens rausgehen.
Den Ergebnissen einer Studie zufolge steht bei der liebsten Freizeitbeschäftigung von Jugendlichen an Stelle eins Musik, an der letzten Stelle das Musizieren. Wir haben eine große Aufgeschlossenheit dem Thema Musik gegenüber, müssen aber eine große Hemmschwelle überwinden, bevor junge Menschen beginnen selbst zu musizieren.

: Hat die Laienmusik ein Imageproblem? : Genau da ist der Knackpunkt. Laienmusik befindet sich in den letzten 50 Jahren in einem enormen Wandel. Was ist Laienmusik heute? Es ist nicht das, was wir aus der Tradition kennen: der Chor, der in der Hinterstube einer Gaststätte singt. Dieser Bereich hat eher eine Zukunft, wenn er alle anderen Formen des Musizierens mit einfließen lässt, wenn er genreübergreifend wird. Wir denken inzwischen stärker visuell und akustisch und das gehört in den Bereich Laienmusik mit hinein. : Wie vermitteln Sie das der Öffentlichkeit? : Wir suchen in unseren Projekten ganz bewusst nach genreübergreifenden Momenten, die junge Leute wieder ins Theater ziehen. Die neue Musik muss sich zum Publikum hin öffnen, wir haben etwa Konzerte in Einkaufszentren gemacht. : Die Ausgangsfrage war die, ob der Bereich der Laienmusik ein Imageproblem hat. Ich glaube ja. Wenn ich also ein Image verändern möchte, muss ich zuerst einmal schauen, was die Substanz ist, ob wir ein gesundes Produkt haben. In Deutschland haben wir eine unglaubliche Veränderung der Qualität. Studierte Musiker leiten heute Laien-Ensembles. Wie können wir nun dieses gesunde Produkt in die öffentliche Wahrnehmung transferieren? : Aus der Laienmusik heraus entwickeln sich immer Musiker zu Profis. Was passiert, wenn die mediale Beeinflussung die aktive Beschäftigung mit der Musik immer mehr verhindert? : Auf der einen Seite sind da die Profis, die nur dann leben können, wenn eine breite Bewegung ihnen Potential gibt für die Auswahl von guten Künstlern. Auf der anderen Seite die Wirtschaft, die auf Dauer auch nur Absatzmärkte hat, wenn die Nachfrage groß genug ist. Deshalb ist das Nadelöhr die Laienbewegung, die über zwei Schienen Zugang für Jugendliche zu Musik eröffnet. Über Vereine, Chöre, Orchester und über Musikschulen. All diese müssen stärker vernetzt werden. Wenn wir das heute nicht in den Griff bekommen, haben wir in fünf Jahren ein Problem bei der Auswahl von Profis und in zehn Jahren eines in der Musikbranche in Deutschland. : Gibt es in der Musikakademie Rheinsberg auch spezielle Projekte für Kinder? : Wir haben da die unterschiedlichsten Projekte: Sei es das Musical zu Weihnachten, sei es der Versuch, miteinander nach vorgegebenen Mustern zu improvisieren. Die Kinder unserer Region sind da eindeutig bevorteilt. Hier müsste stärker an überregionalen Netzen gearbeitet werden. : Mit welchen Kinderkomponisten arbeiten Sie gerne zusammen? : Es gibt sehr schöne Stücke von Georg Katzer, auch Hörstücke und Kinderopern. Wir kommen aber auch wieder ein Stück weiter, wenn die Chorleiter für ihre eigenen Schützlinge komponieren, wie früher zum Beispiel Kurt Schwaen oder heute Hans Förster aus Görden-Brandenburg. : Herr Liebing, Ihr Verband BDMV hat auf der Musikmesse einen Ehrenamtspreis verliehen. Welche Idee steckt dahinter? : Wir müssen nicht nur nach außen das Image verändern, sondern auch nach innen Strukturen schaffen in diesen Orchestern und Chören, die dafür sorgen, dass junge Menschen auf Dauer bereit sind, sich mit Spaß zu organisieren. Da haben sich Ansprüche von Ehrenamtlichen verändert in den letzten Jahren. Wir haben den Ehrenamtspreis zum zweiten Mal hier auf der Messe unter 150 Bewerbern aus Deutschland verliehen.
Das Ganze ist in einer Broschüre „hundert gute Ideen für die Arbeit im Orchester vor Ort” zusammengestellt, so dass unsere Verbandsmitglieder sich konkret anschauen können, was zu ihrer Situation passt, und wo sie vielleicht etwas dafür tun können, dass junge Menschen auch in Zukunft Spaß am Musizieren haben.

Info: BDMV, König-Karl-Str. 13, 70372 Stuttgart, Tel. 0711/52 08 92 32, Fax 0711/52 08 92 57.

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