Der Weg ist schmal durch das Gebäude der Musikhochschule Lübeck (MHL) in der Altstadt. Rechts und links mit rot-weißem Absperrband markiert, nur nach vorne offen. Diese MHL-Einbahnstraße darf ausschließlich gehen, wer einen Termin gebucht und sich am Eingang legitimiert hat. Am provisorischen Ausgang, auf der anderen Seite des Gebäudekomplexes, wo in normalen Zeiten das Publikum einströmt, wird man wiederum fürs Anwesenheitsprotokoll registriert. Solche Kontrollen sind ein Tribut an das Corona-Krisenmanagement.
Eingeschränkte Arbeitsfähigkeit
An der MHL wird wie an allen Ausbildungsstätten der Aufenthalt zurzeit restriktiv geregelt, nur für eine bestimmte Anzahl Menschen in zugeteilten Zeitkontingenten erlaubt. Und zwar aus der Distanz zu Personen und mittels hygienischer Standards wie unter anderem Maskenpflicht. Dennoch bleibt ein gesetzlicher Auftrag für Lehre, Forschung und Praxis zu erfüllen. Um diese Prinzipien einhalten zu können, hat die MHL gleich zu Beginn des Sommersemesters 2020 ein Konzept für ein virtuelles Studium verwirklicht. „Aktuell konzentrieren wir uns stark auf den Kernbereich der Lehre, um diese in allen Formen zu ermöglichen und zu stützen“, beschreibt MHL-Präsident Prof. Rico Gubler die Situation. Während sprachbasierte Prüfungen problemlos online durchführbar sind, gibt es Einschränkungen der Arbeitsfähigkeit bei den künstlerischen Prüfungen. Sie finden einzeln mit Sicherheitsabstand, aber ohne ein Publikum statt – ein Rückschritt von 30 Jahren, wie Rico Gubler anmerkt. Ein massives Defizit ist der Ausfall sämtlicher, für die Außenwirkung der MHL wichtigen Konzerte vor Publikum, die auch von Livestreams wie zur Semester-Eröffnung, mit mehreren tausend Zuhörenden zu Hause, nicht ersetzt werden können.
Aufwändige Online-Formate
Körperliche Präsenz ist bei der Wissensvermittlung nicht unbedingt notwendig. Mit dem professionellen Studio der Vorwerker Diakonie in Lübeck strebt die MHL eine langfristige Zusammenarbeit bei der Produktion von Videos und Podcasts an. Erste Erfahrungen dort hat Prof. Dr. Wolfgang Sandberger, Leiter des Brahms-Instituts, gemacht. Er sieht Vorteile darin, dass seine digitale Händel-Vorlesung orts- und zeitunabhängig verfolgt werden kann. Zwar sei der inhaltliche und technische Aufwand bei der Video-Produktion groß, aber die Tonqualität der Musik und die der gezeigten Quellen seien in der Studioproduktion präziser als bei einer Powerpoint-Präsentation im Hörsaal. „Das Echo ist sehr positiv, vielfach sogar begeistert. Die Rückmeldungen auf meine Fragen kommen aus aller Welt, wo die Studierenden ja zum Teil noch festsitzen“, erzählt Wolfgang Sandberger. Dennoch: Ihm fehlt der spontane Diskurs und die Atmosphäre anwesender Menschen. Ähnliches können die Erziehungswissenschaftlerin Prof. Dr. phil. habil. Gaja von Sychowski und die Musikpädagogin Sabine Hoene berichten. Sie verwenden fürs Selbststudium präparierte Medien wie PDF-Dateien, Links zu Texten und Dokumentarfilmen. „Es werden Aufgaben gestellt, die Lösungen per E-Mail zu mir geschickt, und wir diskutieren sie in Webinaren. Dabei gibt es ein Whiteboard, das wie eine Tafel genutzt werden kann“, erläutert Gaja von Sychowski. Um Studierende etwa beim virtuellen Unterricht einer gymnasialen Klasse zu unterstützen, werden Podcasts selbst hergestellt und ein Programm für Online-Konferenzschaltungen der Schule genutzt. „Viele Details machen die Vorbereitungen auf Online-Formate aufwändiger“, resümiert Sabine Hoene. „Die einzelnen Phasen müssen klarer und kleinschrittiger geplant sein, denn durch die technisch bedingten Einschränkungen, etwa durch An- und Ausschalten des Mikros, Störgeräusche und die begrenzten visuellen Kontakte geraten gemeinsame Diskussionen schwerfälliger. Das ist manchmal anstrengend.“
Instrumentalunterricht per Monitor
Im Unterschied zu Lehrenden empfinden manche Studierende die Corona-Sperren als willkommene Alternative zum gewohnten Lernalltag. Cellostudent Benjamin Tesch (6. Semester) meint sogar, dass er von den Online-Lehrangeboten ungefähr so sehr profitiere wie vom Unterricht vor der Corona-Zeit: „Im Hauptfachunterricht Cello sind wir dazu angehalten, regelmäßig Aufnahmen unserer Stücke anzufertigen. Ich hatte schon die Möglichkeit, das Dvorak Cellokonzert, das ich im Moment erarbeite, im Rahmen von „recording@mhl“ im Kammermusiksaal mit professionellem Ton und Video aufzunehmen. Das zwingt mich, jede Woche quasi eine Konzertfassung meiner Stücke zu spielen. Das ist äußerst positiv, da ich meinen Fortschritt gut selbst von außen beurteilen kann.“
In Videokonferenzen mit seiner Lehrerin Prof. Imke Frank spricht er im Anschluss über die Aufnahmen. Imke Frank erläutert dazu: „Es ist eine tolle Möglichkeit, um über Musik im Raum und Wirkung auf einer Bühne zu sprechen, die zu einer neuen Kultur des verbalen Austausches über Musik führt und den Diskurs über musikalische und technische Fragestellungen schärft. Mir scheint die Zeit im asynchronen Unterricht sehr effizient nutzbar, zudem fördert und fordert sie Reflexion und Selbstständigkeit, sodass ich darüber nachdenke, digitale Formate wie meine digitalen Lectures auch in Zukunft beizubehalten.“ In kürzester Zeit konzipierte und etablierte digitale Formate sind nun „teach@home“, „train@home“, „work@home“, „MHL-Webinar“ und „MHL-Podcast“, letztgenanntes zum Thema „Musikbusiness“ wurde professionell eigens für die MHL von einer Hörfunkjournalistin produziert.
Neben diesem asynchronen Lernen ist auch digitaler Unterricht in Echtzeit auf der Agenda, mit dem auch Studentin Olga Mikhaylova (6. Semester) ganz zufrieden ist. Sie und ihr Lehrer Prof. Laurens Patzlaff sitzen zu Hause jeweils an ihren Klavieren mit eingeschalteten Laptops und Kameras, und sie üben dialogisch die Harmonisierung eines Liedes und Techniken der Improvisation. „Jeder von uns kann über die Webcam auf Hände und Tastatur schauen: So kann das Spiel genau beobachtet und gegebenenfalls korrigiert werden“, sagt die Studentin. „Diese Konstellation ist aber nur dann effektiv, wenn man sie vor- und nachbereitet, etwa Fragen zu Tempo, Dynamik und Artikulation an ausgewählten Stellen bespricht“, merkt Laurens Patzlaff kritisch an. „Auch ist die Klangqualität der meisten Konferenz-Software-Programme für Klavier nicht optimal. Es kommt zu Übersteuerungen und Verzerrungen des Tonsignals. Den Einsatz von Medien wie YouTube und die Verwendung von Apps werde ich in Zukunft allerdings häufiger auch in meinem Präsenz-Unterricht berücksichtigen.“
Von Bedeutung bei dieser extensiven digitalen Kommunikation ist der Datenschutz, der von der MHL etwa bei Online-Prüfungsberatungen über Plattformen erfolgt, die von der Staatskanzlei freigegeben sind. Zur Datensicherheit sind zahlreiche Informationen und Hilfen für alle Hochschulmitglieder im internen Lernportal „Moodle“ verfügbar. Hier wurde ein Austauschforum etabliert: „Anpassungen der Anbieter sind in ebenso schneller Frequenz notwendig, wie sich neu aufgedeckte Sicherheitslücken zeigen“, kommentiert Rico Gubler.
Etwas fehlt !
Obwohl Dozierende und Studierende überrascht darüber sind, was in Form von Podcasts, Webinaren, Video-Vorlesungen und Online-Unterricht alles möglich ist und zusätzlich im MHL-Veranstaltungsprofil bleiben könnte, entstehen im Corona-Modus kaum auszugleichende elementare Defizite. Denn ohne die reale Präsenz der Lehrperson fehlt ein wesentlicher Aspekt der künstlerischen Ausbildung, etwa über die Rolle von Emotionen zu reflektieren, wenn man gemeinsam Musik macht. Nicht zu vergessen die Resonanz beim Publikum, die dem Leben eines Musikers erst vollständigen Sinn gibt, wie der Pianist Viktor Soos (8. Semester) meint: „Jeder Künstler möchte mit seiner Musik ein Publikum berühren und die Bestätigung für seine intensive Arbeit an der Kunst bekommen.“ – „Zurzeit spüren wir vor allem eine bedeutende Schärfung in Bezug auf die Qualität des Fehlens. Deshalb regt sich innerhalb der MHL die Lust, das Interesse und das Bedürfnis, sich mit Elan wieder an ein Publikum zu adressieren“, kommentiert Prof. Gubler den momentanen Mangel. Aus der Distanz heraus zu kommen, ist deshalb existenziell notwendig, denn „Musik ist und bleibt“, so Laurens Patzlaff, „einfach ein Live-Erlebnis!“