Die 66. Frühjahrstagung des Instituts für Neue Musik und Musikerziehung nähert sich dieses Jahr dem Gegenstand ihrer Arbeit, der Gegenwartsmusik, über das facettenreiche Thema Interpretation. Zu den Diskussionen, Workshops und Konzerten sind Wissenschaftler und Pädagogen, aber auch Komponisten eingeladen worden, darunter Brian Ferneyhough, Rebecca Saunders, Johannes Schöllhorn und Hans Zender. Als Dirigent vieler Uraufführungen, darunter auch etlicher eigener Werke, ist Hans Zender prädestiniert, über Fragen der Interpretation nachzudenken. Darüber, wie sich diese zu den kompositorischen Absichten verhält und was der Dirigent tun kann, um Geburtshelfer bei seinen Kollegen zu sein, unterhielt sich Andreas Kolb mit Hans Zender.
neue musikzeitung: Herr Zender, was verstehen Sie unter Interpretation zeitgenössischer Musik?
Hans Zender: Ich frage mich, ob die Uraufführung überhaupt schon eine Interpretation sein kann!? Benutzt man das Wort Interpretation im Vollsinn, nämlich, dass man etwas, was vorhanden ist, neu sieht, und zwar durch die Persönlichkeit desjenigen, der sieht – dann ist der Interpret eine Art Kommentator des Stücks. Das kann er nicht sein, bevor das Stück wenigstens einmal gespielt ist. Eigentlich sollte die Uraufführung immer vom Komponisten gemacht werden. Ich habe es oft bei mir selbst, aber auch bei Kollegen erlebt, dass man während der Uraufführung noch manches ändert. Manches stellt sich plötzlich auf dem Podium ganz anders dar als am Schreibtisch. Schwer ist für den Dirigenten und auch für den Komponisten, bei einer Uraufführung herauszufinden, woran es eigentlich liegt, wenn man nicht zufrieden ist. Hat der Dirigent sich mit dem Tempo vergriffen, liegt es am einzelnen Spieler oder liegt es gar am Komponisten?
nmz: Um das herauszufinden, müsste der Dirigent ein Stück mehrfach dirigieren oder viele Proben machen?
Zender: Erst wenn man ein Stück vier oder fünf Mal gemacht hat – ich rede jetzt vor allem auch von der Klassik und den Repertoirestücken –, fängt man an, sich wirklich mit ihm zu identifizieren und mit ihm zu atmen. Dann wird ein unbewusster Prozess in Gang gekommen sein, bei dem die persönliche Physis und die persönliche Psyche damit etwas zu tun haben, wie man zum Beispiel einen Beethoven spielt. Der wird dann bei mir etwas anders klingen als bei anderen Menschen. Nicht, weil man das besonders will, das wäre vergebens. Dass man eine Lesart hat und ein großes Werk der Vergangenheit durch die eigene Individualität sieht, das würde ich unter Interpretation im tiefsten Sinne verstehen.
nmz: Ein Plädoyer für Subjektivität. Wo bleibt die Werktreue?
Zender: Werktreue kann erst dann funktionieren, wenn man schließlich seine eigene Persönlichkeit zur Verfügung stellt. Dann ist man nämlich in einem höheren Sinne dem Werk treu. In den 1950er/60er-Jahren redete man viel von Neuer Sachlichkeit und meinte damit eine möglichst entsubjektivierte Lesart der Partitur. Aber was das Sprechen der Musik angeht, die Berührung, die individuelle Kraft einer Musik, das kann man nicht notieren, das muss man aufgrund seiner eigenen Persönlichkeit erahnen.
nmz: Im „Zender-Jahr 2011“ – Sie konnten am 22. November Ihren 75. Geburtstag begehen – gab es einige Uraufführungen von Ihnen, darunter die der kurzen Fassung von „Issei no kyo“ bei den Wittener Tagen für neue Kammermusik und der neuen Partitur „Oh bosques – O Wälder“ für Sopran, Chor und Orchester bei den Münchner musica-viva-Konzerten unter der finnischen Dirigentin Susanna Mälkki. War es schwierig für Sie, ihre letzten Stücke aus der Hand zu geben?
Zender: Jetzt, wo ich durch meine schlechten Augen nicht mehr dirigieren kann, erlebe ich zum ersten Mal in meinem Leben, dass andere Dirigenten dies tun. Bei den vier Uraufführungen im vergangenen Jahr hatte ich Gott sei Dank sehr viel Glück mit den Dirigenten: Johannes Kallitzke, Susanna Mälkki, Peter Hirsch… und Emilio Pomarico hat so fantastisch die Logos-Fragmente gemacht: Das war mehr als eine Uraufführung, das war schon eine echte Auseinandersetzung von ihm mit dem Stück. Aber das erlebt man selten. Trotzdem ist es immer wichtig, dass der Komponist dabei ist und genau sagt, was er will. Schriftliche Notation hat doch ihre Grenzen: Wenn man Musik schreibt, muss man sich darüber klar sein, dass da Spielraum eröffnet wird für Interpretationen – ein ganzer Kontinent von Beeinflussung zwischen Komponist und Interpret wird plötzlich sichtbar.
nmz: Welche Auswirkungen hat die noch junge Ensemblekultur auf die Interpretation Neuer Musik?
Zender: Ensembles wie das Ensemble Modern, aber mindestens genau so viel das Klangforum Wien, die Musikfabrik und viele mehr widmen sich nun professionell ganz der Musik des 20. und 21. Jahrhunderts. Das ermöglicht eine schnelle und flüssige Arbeit für die Dirigenten und Komponisten, es gibt keine Hemmungen, Verweigerungshaltungen oder Reserven mehr, sondern im Gegenteil eine große Neugier, eine große Aufgeschlossenheit, immer wieder neue Partituren zu lernen. Es ist unglaublich, was diese Musiker im Jahresdurchschnitt arbeiten und Neues lernen müssen. Man könnte jetzt denken: Die müssen so viel lernen, die werden langsam müde davon. Das Gegenteil ist der Fall. Je mehr sie lernen, umso wacher und lebendiger werden sie. Immer vorausgesetzt, dass sie gesund und munter sind und dazwischen auch gut schlafen.
nmz: Die Musiker heute sind also spürbar anders als früher?
Zender: Das hat sich enorm entwickelt. Es ist ein technisch höherer Standard, es ist eine größere ästhetische Flexibilität, es ist eine größere Kenntnis der Musik der letzten 30, 40 Jahre. Das Problem beginnt jedoch bereits wieder bei der Kenntnis der jetzt 50 oder 60 Jahre zurückliegenden Musik. Der frühe Stockhausen, Nono, die sind schon nicht mehr selbstverständlich vorhanden. Geschweige denn, was davor liegt, Wiener Schule oder dann eben die Klassik und Romantik. Die liegt dann für Ensembles für Neue Musik schon ziemlich weit weg. Da muss man wieder klanglich arbeiten. Das war der Grund, dass ich seinerzeit für das Ensemble Modern die „Winterreise“ geschrieben habe. Die Musiker vermissten damals in ihrem Alltag eine gelegentliche Berührung mit älterer Musik.
Genau umgekehrt wie bei einem traditionellen Orchester, war das für die Ensembles ziemlich schwierig, sich mit älterer Musik wieder neu interpretatorisch vertraut zu machen; bei den traditionellen Orchestern ist es ja umgekehrt schwierig, eine wirklich gute Interpretation heutiger Musik zu erhalten, weil der Anteil Neuer Musik an seinem Repertoire meistens viel zu gering ist und zu wenig Probenzeit zur Verfügung steht. Eine Ausnahme bilden da die großen Rundfunkorchester, und vor allem das Orchester des SWR Baden-Baden, Freiburg, weil da wirklich alle Stile der Vergangenheit und der Neuen Musik gleichmäßig präsent sind.
nmz: Sie sprechen ein Orchester an, das gerade von Sparmaßnahmen in seiner Existenz bedroht ist.
Zender: Von Existenzbedrohung zu sprechen, scheint mir etwas verfrüht. Aber wir müssen furchtbar aufpassen. Was man sagen muss und kann, ist, dass das SWR-Orchester Baden-Baden und Freiburg im Augenblick das Orchester ist, das die Neue Musik mit höchster Professionalität spielt und vollkommen ins klassische Repertoire integriert hat. Dieses Orchester aufzulösen wäre eine solche Wahnsinnstat, dass ich sie im Moment niemandem zutrauen möchte. Aber man kann allgemein sagen, dass die Widerstände in der Neuen Musik bei den großen Sinfonie-Orchestern verschwunden sind, durch eine inzwischen jüngere Generation von Spielern. Wenn ich denke, was ich für Schlachten geschlagen habe, in den 80er-Jahren noch, etwa mit Musik von Lachenmann oder Feldman. Davon ist heute nicht mehr die Rede.
nmz: Was machen Sie in der Darmstädter Frühjahrstagung im Einzelnen?
Zender: Ich verzichte diesmal darauf einen längeren Vortrag zu halten und nehme nur an einem Round Table Gespräch teil. Die Tagung beschäftigt sich ja traditionsgemäß auch mit Musikpädagogik. Ich habe 50 Jahre dirigiert, das ist ja, wenn man so will, auch eine pädagogische Arbeit, da man sich dauernd überlegt, wie man dem Publikum Brücken zur Neuen Musik bauen kann. Man kann es mit Einführungen machen, ich habe das immer wieder gemacht – auch öffentliche Proben, von denen ich sehr viel halte. Selbst in Hamburg haben wir für die Uraufführungen – ich habe dort etwa 16 Uraufführungen in Auftrag gegeben, als ich GMD war – das jeweilige Stück in einer öffentlichen Probe vor der Generalprobe dem Publikum angeboten und es ein bisschen erklärt. Das war dann ganz nützlich. Aber man darf sich nicht einbilden, dass man nur durch Worte oder analytische Hinweise ein Stück verständlich macht. Was letzten Endes den Funken vom Podium ins Publikum zum Zünden bringt, ist dann doch das Engagement, das man spürt, spüren sollte bei den Musikern und spüren muss beim Dirigenten.
nmz: Neben dem Komponisten Enno Poppe erhielt der Publizist Philippe Albèra jetzt den mit 10.000 Euro dotierten Happy-New-Ears-Preis der Hans und Gertrud Zender-Stiftung. Sie scheinen also doch Wert auf verbale Vermittlung zu legen?
Zender: Wenn sie nicht abstrakt und formalistisch vorgeht, kann verbale Vermittlung natürlich für viele Menschen die Türen zu Neuer Musik öffnen. Musikkritik im klassischen Sinne, also dass uns die Kritiker sagen, was gut und böse ist oder richtig und falsch, darauf können wir angesichts des heutigen Stilpluralismus eigentlich verzichten. Umso stärker muss man aber um die klare verbale Darstellung stilistischer Positionen sich mühen – da ist eine ganz neue Aufgabe für die Musikologie entstanden. Sie wird im gewissen Sinn zu einem Teil der Interpretation, und das wollte ich mit dem Preis zum Ausdruck bringen. Manchen Musikologen ist gar nicht so klar, wie sehr wir sie brauchen.
„Ans Licht gebracht. Zur Interpretation von Musik heute.“
Mittwoch, 11. April, bis Samstag, 14. April 2012, INMM in Darmstadt
http://www.neue-musik.org/