Das Strukturpapier zur Theater- und Orchesterlandschaft „Perspektive 2025“, das Thüringens Staatsminister Benjamin-Immanuel Hoff im November vorgelegt hat, wird seitdem intensiv diskutiert (siehe nmz 2/16, Seite 9). In die Debatte hatten sich auch die Studierenden der Weimarer Hochschule für Musik Franz Liszt eingemischt. Sie gründeten eine Arbeitsgruppe Kulturpolitik, schickten rote Karten mit der Frage „sind wir kunst oder können wir weg?“ an den Minister und formulierten einen offenen Brief.
Dort heißt es unter anderem: „Als Studierende an Thüringens einziger Musikhochschule können wir diese Entwicklung nicht akzeptieren. Unser Engagement und unsere Aktivitäten […] finden immer wieder große Beachtung und Wertschätzung auch von Seiten der Landesregierung. Wir werden bestärkt, erzogen und ermutigt, mit unserer Arbeit die zukünftige Gesellschaft zum Besseren zu gestalten. Hier werden Ideale hoch gehalten, Prestige ist gerne gesehen, doch das hierfür unentbehrliche, breite Fundament scheint für Sie nicht ausreichend förderungswürdig. Sie berauben uns durch Ihre Pläne unserer Zukunft in diesem Land!“ Anfang Februar folgte der Minister einer Einladung der Studierenden an die Hochschule und diskutierte mit ihnen über seine Pläne für die kulturelle Zukunft des Bundeslandes. Zu ihren Aktivitäten und zum Verlauf dieses Gesprächs hat Juan Martin Koch zwei Vetreter der Studierenden-AG befragt: Nastasia Tietze und Julian Pontus Schirmer.
neue musikzeitung: Wie kam es zur Gründung der AG Kulturpolitik an der Hochschule?
Julian Pontus Schirmer: Im August waren ja die Fusionspläne bekannt geworden. Daraufhin wurde zunächst eine Facebook-Seite eröffnet, die nicht nur unter Kommilitonen, sondern deutschlandweit Beachtung gefunden hat. Zu Beginn des Wintersemesters hat sich daraus die AG Kulturpolitik entwickelt. Der harte Kern sind zehn Mitglieder.
Nastasia Tietze: Als AG sind wir an den Studierendenrat (StuRa) angeschlossen, können also im Namen der Studierenden sprechen. Der Großteil der AG-Mitglieder ist aber nicht im StuRa.
Schirmer: Im November wurde das Strukturpapier offiziell veröffentlicht, daraufhin wollten wir so schnell wie möglich reagieren und haben dann Anfang Dezember unseren offenen Brief an den Minister geschrieben. Parallel haben wir unsere Aktion mit den roten Karten gestartet, die wir mit der Aufschrift „sind wir kunst oder können wir weg?“ an die Staatskanzlei geschickt haben.
nmz: Welche Auswirkungen befürchten Sie durch die im Strukturpapier „Perspektive 2025“ angedachten Veränderungen?
Tietze: Wenn man das Papier ernst nimmt, hat es weitreichende Folgen für die Theater- und Orchesterlandschaft in Thüringen. Im Kern stehen drei Fusionen im Raum. Erstens: Philharmonisches Orchester Altenburg-Gera und Jenaer Philharmonie, zweitens: Staatskapelle Weimar und Philharmonisches Orchester Erfurt und drittens: das Thüringer Kooperationsdreieck, das sich zu einer Fusion zwischen Gotha und Eisenach entwickelt hat. Dem Papier zufolge beläuft sich das stellenwirtschaftliche Potenzial auf 145 Stellen. Es würden also in den nächsten zehn Jahren viele Stellen verloren gehen, die nicht wieder besetzt werden. Auch in anderen Bereichen würden sich Fusionen negativ auf die Berufsaussichten von Absolventen auswirken. Da fragt man sich natürlich, wozu man dann noch ausgebildet wird … Durch die Proteste und Diskussionen hat sich die Debatte allerdings auch weiterentwickelt und Herr Hoff hat uns gegenüber gesagt, dass nur noch eine Fusion diskutiert wird, die zwischen Eisenach und Gotha.
Schirmer: Neben unserer beruflichen Zukunft geht es aber auch darum, dass der Schatz der reichhaltigen und vor allem der regionalisierten Theater- und Orchesterlandschaft in Deutschland ausverkauft wird. Wir brauchen diese Vielfalt, auch wenn die Orte nicht weit voneinander entfernt sind. Da haben sich regionale Netzwerke ausgebildet, die Institutionen machen die Identität einer Stadt aus. Mit kulturellen Einschnitten lässt sich der demografische Wandel sicher nicht aufhalten. Es gibt auch genügend Studien, die den Zusammenhang zwischen dem wirtschaftlichen Erfolg von Städten und dem Kulturangebot nachweisen.
nmz: Herr Hoff argumentiert ja, dass die Regionen und Städte, die von den Kultureinrichtungen in der Nachbarschaft profitieren, sich stärker finanziell beteiligen müssten.
Schirmer: Das ist begrüßenswert, aber es sind ja Städte betroffen, die in einer großen finanziellen Notlage stecken, und das hat auch mit den steigenden Pflichtaufgaben zu tun – Handlungsspielräume schrumpfen. Der Minister hat da schon das Heft in der Hand, weil er die Landeszuschüsse verteilt.
nmz: Wie sind bisher die Kontakte zu den möglicherweise von Fusionen und Einschnitten betroffenen Institutionen?
Schirmer: Was die künstlerischen Studiengänge betrifft, so gibt es viele Kooperationen, vor allem mit dem DNT und Jena (Orchesterakademie, Substitutenstellen), auch in Gotha und Eisenach spielen oft Studierende mit. Unsere Dirigierausbildung ist unter anderem deshalb so erfolgreich, weil wir die Möglichkeit haben, regelmäßig mit diesen verschiedenen Klangkörpern mit ihren jeweiligen Arbeitsweisen und Spielkulturen zusammenzuarbeiten.
Tietze: Für die wissenschaftlichen Studiengänge und den Bereich Kulturmanagement ist es so, dass immer wieder Praktika und Kooperationen in Seminaren möglich sind. Viele Absolventen haben Stellen in den Theatern: Dirigenten, Musiker in Spitzenpositionen, der Intendant in Jena … Das macht natürlich Mut und gibt Anreiz im Studium.
nmz: Kam das Gesprächsangebot vom Minister auf Ihren offenen Brief oder erst auf Ihre Einladung hin?
Tietze: Hoff hat relativ schnell, Mitte Dezember, auf unseren Brief reagiert und ein Gespräch vorgeschlagen, der nächste mögliche Termin war dann aber erst der 8. Februar.
Schirmer: Wir haben das Gespräch bewusst hochschulintern organisiert, ohne Presse und allgemeines Publikum, um eine möglichst konstruktive Gesprächsatmosphäre zu haben. Bei den anderen Diskussionen mit dem Minister wurde es ja sehr polemisch.
nmz: Wie verlief das Gespräch, wie hat der Minister argumentiert?
Tietze: Zunächst haben wir einige Begriffe geklärt: Was versteht der Minister unter Kooperation, Zusammenführung oder Fusion? Es wurde schnell klar, dass da Euphemismen dabei sind.
Schirmer: Dann haben wir ihn nach seiner Vision gefragt, woraufhin er geschickt ausgewichen ist: Seine Aufgabe seien die Rahmenbedingungen. Dennoch wurde klar, dass er alle produzierenden Standorte beibehalten will, was positiv zu bewerten ist. Desweiteren hat er sich dafür eingesetzt, dass alle Mitarbeiter nach Tarif bezahlt werden, was in Thüringen nicht überall gewährleistet ist. Ein dritter Aspekt war die überregionale und internationale Wahrnehmung der Kulturlandschaft. Er will hier Exzellenz fördern und einfordern …
Tietze: … auch im Sinne einer Kulturtourismusstrategie.
nmz: Wie ist Hoff auf die Bedenken der Studierenden eingegangen?
Tietze: Er hat vor allem darauf verwiesen, dass nur noch über eine Fusion diskutiert wird, was bedeutet, dass das angesprochene stellenwirtschaftliche Potenzial nur noch bei 20 bis 25 liegt. Auf die Frage nach unserer Perspektive in Thüringen hatte er keine klare Antwort, hat aber davon gesprochen, dass er sich darüber Gedanken macht und mit Wolfgang Tiefensee im Dialog ist. Geplant sei eine Umfrage, wie man junge Menschen in Thüringen halten kann. Ziel ist eine fruchtbare Landschaft für die Kreativwirtschaft.
Schirmer: Der Minister hat auch betont, dass er mehr Geld in die Hand nimmt, um die Tarifaufwüchse zu finanzieren. Er werde sich aber nicht hinstellen und bei der Finanzministerin 30 Prozent mehr einfordern. Als Chef der Staatskanzlei habe er das große Ganze im Blick, nicht nur sein Ressort.
nmz: Kamen weitere Perspektiven hinzu, als die Diskussion für das Publikum geöffnet wurde?
Schirmer: Da wurde es teilweise sehr persönlich; Studierende äußerten sich zu ihren beruflichen Aussichten. Dann wurde noch intensiv über die Fusion von Gotha und Eisenach debattiert, die ja mittlerweile beschlossene Sache ist. Der Minister sieht darin einen Gewinn, weil er die Landeskapelle Eisenach für ein handlungsunfähiges Orchester hält und eine Erhöhung der Planstellen aus finanziellen Gründen nicht in Betracht zieht.
nmz: Wie fällt Ihr Gesprächsfazit aus?
Tietze: Ich denke, wir konnten den Minister für unsere Position sensibilisieren, gleichzeitig hat er für seine Sichtweise geworben. Uns wiederum ist klar geworden, dass es nicht einfach ist, gegenüber wenig kulturaffinen Politikern für eine auskömmliche Kulturfinanzierung einzutreten. Schockierend bleibt die Tatsache, dass eine tarifgerechte Entlohnung von Musikern in Thüringen keine Selbstverständlichkeit ist.
Schirmer: Wichtig ist, dass wir auf Augenhöhe diskutiert haben und dass er sich grundsätzlich für einen Erhalt der Standorte ausgesprochen hat. Wenn die Verhandlungen mit hoffentlich nicht zu schlimmen Konsequenzen abgeschlossen sein werden, gibt es immerhin bis 2025 Planungssicherheit, das ist positiv.
nmz: Wie geht es nun weiter mit Ihrer AG?
Tietze: Das hängt davon ab, wie die Debatte sich weiterentwickelt und wie viele Studierende im kommenden Semester noch aktiv sein werden. Wir planen aber, die AG fest zu etablieren und unter anderem eine Gesprächsreihe mit Akteuren der Kulturpolitik und aus den Theatern und Orchestern zu initiieren.
Schirmer: Wir werden die Situation weiter beobachten und sollte sich die Diskussion wieder in eine negative Richtung bewegen, werden wir natürlich noch die eine oder andere Aktion starten. Der Minister hat gesagt, er kommt gerne wieder … ¢