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Entwicklung der Einzigartigkeit

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Vier Fragen an Sebastian Hamann, Professor für Violine
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Sebastian Hamann wurde im Herbst 2014 als Nachfolger von Rainer Kussmaul an die Hochschule für Musik Freiburg berufen. Damit hatte sich die Freiburger Musikhochschule für einen Geiger entschieden, der wie kaum ein anderer künstlerische Exzellenz mit pädagogischem Ethos vereinbart. Seit dem Beginn seiner Lehrtätigkeit setzte er mit Hinterfragungen aber vor allem mit neuer Unterrichtspraxis neue Impulse für jene Reform im künstlerischen Hauptfachstudium, die seit einigen Semestern in Freiburg mit Nachdruck verfolgt wird.

Zwei Traditionen künstlerischer Ausbildung: solis­tische Brillanz und ein exklusives Lehrer/Schüler-Verhältnis. Gehört das zusammen?

In Zeiten signifikant gefährdeter Individualität sind exklusive – um es mit eigenen Worten zu sagen –, warmmenschliche und zuhörende Verhältnisse des Lehrenden seinem Studierenden gegenüber von existenzieller Wichtigkeit bezüglich der menschlich sozialen Ausbildung und der damit verbundenen Entwicklung der Einzigartigkeit, der für die Kunst so bedeutenden individuellen Neugierde und persönlichen Sicherheit des Lernenden. Rein fachlich – instrumental – sieht das ganz anders aus. Hier bevorzuge ich persönlich das sogenannte Team Coaching – Flexibilität fordert die Handfertigkeiten.

Wie steht es mit dem deutschen Nachwuchs?

Der deutsche Nachwuchs ist nach wie vor sehr begabt und zahlreich. Seine Grundausbildung jedoch ist – bezüglich Repertoire, Haltungstechnik und Klangformung - geprägt von reduziert spezialisierter Eintönigkeit.

Drei Stichworte: neue Musik, Jazz/Rock/Pop, Improvisation … vereinbar mit Klassik?

Absolut. Der Kontakt einer jeden Musikerin und eines jeden Musikers aus dem Bereich der sogenannten Klassik – diese reduzierte Begrifflichkeit meide ich persönlich – mit allem musikalisch Unterhaltenden sollte eine tägliche Selbstverständlichkeit bedeuten.

Ohne Hochleistung ist Musikkultur nach wie vor nicht möglich?

Hochleistung ist schon da gegeben, wo es einem Menschen gelingt, sich mit purer Freude und hingebungsvollem Interesse an einer Sache zu begeistern. Die ersten Schritte eines – von reinem Glück bewegten – Kleinkindes sind hochleistende Wunder. Daher – wenn Sie so wollen – ja. Hochleistung im Sinne der Reduktion jedoch bedeutet der Kultur Schaden. Hochleistung im Sinne von künstlerisch undefinierbarer persönlicher Präsenz ebenso. Unsere Zeit ist geprägt von flacher Gleichheit mit dem Wunsch nach fehlerfreier Makellosigkeit – das bindet für die Kultur Leeres.

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