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Neue Musik, Bewegungen, Film und Mickeymousing

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Beobachtungen, Anregungen, Experimente beim Europäischen Rhythmik-Kongress in Trossingen
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Der Startschuss wurde in Schweden gegeben: Begeistert vom internationalen Rhythmiksymposion in Stockholm erklärten sich die Lehrkräfte der Trossinger Rhythmikabteilung bereit, den nächsten Kongress an ihrer Hochschule auszurichten. Das Versprechen wurde gehalten und durch eine organisatorische Hochleistung von Prof. Elisabeth Gutjahr, Prof. Sabine Vliex und Dorothea Weise-Laurent wurde es möglich, 30 Hochschuldozent/-innen aus Belgien, Schweden, Polen, Österreich, Deutschland und der Schweiz in der Arbeit kennen zu lernen.

In vier Tagen konnten 270 Studierende, Externe und Tagesgäste zwischen 21 Workshops, 7 Vorträgen, sowie Filmen und Lehrprobenhospitationen wählen. Dazu kamen zwei prall gefüllte Vortragsabende und eine Podiumsdiskussion. Als „Klassiker“ der Rhythmik wurden Musik- und Bewegungsimprovisation, Solfège und rhythmisch-metrisches Arbeiten angeboten. Hinzu traten Beispiele aus der Vielfalt der Anwendungsbereiche: Rhythmik für Schulklassen als Basis einer Kinderoper in Verbindung mit Stimmbildung, Percussion, Videoclips, Stummfilm oder gumboot dancing; im Einsatz für soziale Arbeit und als Prävention psychosomatischer Erkrankungen.

Neben der hochkarätigen Arbeit in den Workshops gab es einen besonderen Clou: der Themenschwerpunkt „Rhythmik und Neue Musik“. Als Anstoß und Basis für die Diskussion hatte das Trossinger Team eine höchst spannende Vorlage ersonnen. Drei Dozenten wurden gebeten, unabhängig voneinander das gleiche Stück – „langsamer als ich dachte“ von Carola Bauckholt – mit Teilnehmern zu erarbeiten und zu präsentieren. Eine große Herausforderung für die knappe Zeit von 90 Minuten und eine unbekannte Zahl von Aktiven! Aber geradezu modellhaft entfalteten sich vier Arten, mit der Musik umzugehen.

Prof. Schwartz (Berlin) räumt den Beteiligten einen großen Anteil an der Gestaltungsentwicklung ein. Sie sensibilisiert zu Beginn für Bewegungsräume und fordert dann spontane verbale und motorische Reaktionen auf die Musik heraus. Wie sich zeigt, wählen die Teilnehmer fast immer die gleichen Elemente der Musik und auch die Reaktion selber ähnelt sich. Das Ergebnis dieser Arbeitsweise mit dem Fokus auf subjektivem Erleben wirft die Frage auf, ob Universalia in der Beziehung zwischen Musik und Bewegung existieren.

Dorothea Weise-Laurent (Trossingen) thematisiert anfangs Tempi und Gruppenbezüge und stellt die Musik vor. Anschließend vermittelt sie eine komplette Choreographie. Darin bezieht sie sich punktuell auf wechselnde musikalische Elemente – Klänge, Rhythmen, Dynamik – und regt die Ausführenden an, ihre Bewegungsqualität durch die Musik zu verfeinern. In diesen Abschnitten ergibt sich mehrfach eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Ergebnissen der vorher beschriebenen Erarbeitung. In anderen Abschnitten setzt die Choreographie Kontraste oder führt Impulse bewegungslogisch fort. Mit dieser Vorgehensweise verzichtet Weise-Laurent auf eine eigenständige und subjektiv bedeutsame Erschließung; andererseits verhilft die Choreo­graphie womöglich, tiefer in die Komplexität der Musik einzudringen als es über eine spontane Reaktion möglich wäre. Darüber hinaus wird eine Performance mit kalkulierter Bühnenwirkung erzielt.

Der Tanzpädagoge Kurt Dreyer (Biel) steuert zwei weitere Vorgehensweisen bei. Im ersten Ansatz verwendet er das von Cunningham und Cage gepflegte aleatorische Prinzip. Das bedeutet für die hiesigen Akteure: Sie erhalten eine Gestaltungsaufgabe, die sie ohne Kenntnis der Musik entwerfen, dann aber mit ihr zusammen aufführen. Bei der Performance bleibt es dem Zuschauer überlassen, Bezüge herzustellen.

Im letzten Ansatz bleibt der Zusammenhang von Musik und Bewegung ähnlich lose – Dreyer inszeniert einen Ablauf, der zeitlich ungefähr mit dem Stück verknüpft ist, aber inhaltlich als eine neue Schicht über die Musik gelegt wird.

Die in der Rhythmik häufig diskutierten Fragen zum „richtigen“ Verhältnis von Musik und Bewegung tauchen an Hand dieser Beispiele wieder auf und lassen sich geschärft formulieren: Ist „Mickeymousing“ (ein aus der Filmmusik stammendes Synonym für das Verdoppeln von Bewegung durch Musik) ein heute noch gültiges Vorgehen? Welche Nähe zur Musik ist geeignet für einen pädagogischen Prozess? Gibt es Universalia in der Wahrnehmung von Musik, beziehungsweise in der Bewegungsreaktion darauf? Wie wären sie im pädagogischen Prozess zu behandeln? Hilft die visuelle Ebene einem Publikum zur Annäherung oder lenkt sie von der Musik ab? Soll eine Bühnenpräsentation vorrangig pädagogisch oder ästhetisch wirken? Welche Bezugsdichte eignet sich für die Bühne? Welches Verhältnis besteht zum Klischee? Die zusammenfassende Frage lautet schließlich: Welche Rolle kann die Rhythmik in Bezug auf die Neue Musik einnehmen?

Zur Podiumsdiskussion waren neben der Komponistin Carola Bauckholt weitere Nicht-Rhythmiker eingeladen: Prof. Gerhard Müller-Hornbach, der Trossingen im Rahmenprogramm Donaueschingen-OFF schon im Oktober besucht hatte, und Andreas Kolb, Redakteur der nmz. Die Rhythmik vertraten Prof. Marianne Steffen-Wittek, May Früh und Monika Dietrich (Schulmusik).

Bauckholt gab zu erkennen, dass sie im Ergebnis der Bühnenpräsentation die darüber gelegte neue Schicht favorisierte. Steffen-Wittek positioniert sich mit ihrem Plädoyer, das Klischee im pädagogischen Prozess (hier auf Jugendliche bezogen) zu nutzen, um Musikanbindung zu fühlen und das Verständnis für „the making of“ zu wecken. Sie räumt ein, dass auf der Bühne damit auch Langeweile erzeugt werden kann.

Leider war aber eine intensive Diskussion durch ein typisch europäisches Sprachproblem behindert: Da das Publikum größtenteils des Deutschen nicht mächtig war, die Podiumsgäste aber eines Fachenglisch nicht kundig, blieben Wünsche bezüglich begrifflicher Präzision und allgemeiner Verständlichkeit offen.

Dennoch war hier ein Auftakt gegeben zu einer über das Fach hinaus führenden Zusammenarbeit zwischen Komponisten, Interpreten und Vermittlern Neuer Musik, denn die Externen waren sich einig: Die Rhythmik eröffne ungeahnte Möglichkeiten, Neue Musik wahrzunehmen, zu entdecken und in weiterführende synästhetische Prozesse einzubinden.

Die gestalterische Kraft der vorgestellten Choreografien zu „langsamer als ich dachte“ regte Gedanken an, ein Festival für ,Neue Musik und Rhythmik’ zu gründen oder in Kompositionen explizit Rhythmiker/-innen einzubeziehen. Rhythmikintern wurde die Thematik ebenso eifrig diskutiert, angefeuert zusätzlich von den Gestaltungen der Vortragsabende. Trossingen gestaltete einen Abend alleine und präsentierte die Rhythmik in all ihrer künstlerischen Vielseitigkeit: Improvisation und Komposition, Vergeistigung und Showelement, Bach und Webern – die Spanne war groß, aber alle Beiträge überzeugten mit Ideenreichtum und hohem Niveau in der Ausführung. Der zweite Abend wurde von den Rhythmikabteilungen der Gäste bestritten und unterstrich erneut die große Vielfalt – besonders stach das Genfer Stück „Bienvenue chez la famille Schkrozhk“ hervor, in dem mit den Mitteln von Film, Bewegung und Musik amüsant die Leiden eines zum Klavierspiel „verdonnerten“ Kindes nachgezeichnet wurden.

Die Fragen sind nicht gelöst, der Bedarf nach Austausch ist groß: Erfreulich, dass sich neben den Genfer Kongressen eine neue Tradition zu bilden scheint – das nächste Symposion richtet Wien 2009 zum 50jährigen Bestehen des Studiums Musik- und Bewegungspädagogik/Rhythmik aus.

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