Am Puls der Zeit und zeitgemäß zu bleiben, ist für die Glaubwürdigkeit der christlichen Kirche eine notwendige Voraussetzung, dass Menschen religiöse Gegenwart erleben können. Damit solche Erlebnisse möglich werden und nachhaltige Wirkungen haben, kann Kirchenmusik unterstützende Impulse geben. Dazu müssen Kirchenmusiker aus der Geschichte lernen, sich für aktuelle Sujets und eine moderne Klangrede öffnen sowie sich um soziale Begegnung durch Musik kümmern. Bisher einzigartig in Deutschland, soll seit dem Sommersemester 2014 der Schwerpunkt „Improvisation, Komposition und Neue Medien“ im Studiengang Kirchenmusik an der Musikhochschule Lübeck (MHL) dieser Idee eine deutliche Kontur geben.
Herausforderungen der Kirchenmusik
„Kirchenmusik wird für und mit Menschen der Gemeinde gemacht“, ist die Maxime von Franz Danksagmüller, Professor für Orgel und Improvisation an der MHL, auf dessen Initiative das Modul >Improvisation, Komposition und Neue Medien< implementiert wurde. „Und zwar nicht nur in Kirchengebäuden, sondern auch außerhalb, denn Kirchenmusik soll bewegen, zum Nachdenken anregen, anecken, unbequem sein, aber auch höchste Gefühle auslösen, über bekannte Rituale hinausgehen.“ Mit Blick auf das große historische Vorbild Johann Sebastian Bach, dessen Musik bei Zeitgenossen nicht immer Zustimmung fand, meint Franz Danksagmüller: „Das bedeutet nicht, klassische Musik auszuschließen, aber es müssen neue Aspekte präsent sein.“
Erst indem Kirchenmusik auf die Gegenwart reagiert und etwas zu sagen hat, sei sie aktuell, den Menschen nahe. Er ist überzeugt, dass diese Wirkung nur erreicht wird, wenn sich sowohl die Kompositionen als auch die Aufführungen auf hohem Niveau bewegen. Außerdem müsse Kirchenmusik nicht immer sakral sein, könne auch in anderen Räumen eine religiöse Sphäre erreichen, wenn sie eine tiefe Wahrheit berührt. Er sieht die Zusammenarbeit mit Kantoren und Geistlichen als Voraussetzung an, ein Konzept zu etablieren, das auch Musik- und Kunstformate einbezieht, die im klassischen Repertoire nicht vorkommen.
„Denn neue oder aktuelle Musik regt zu Diskussionen an und kann deshalb für Menschen interessanter sein, als nur Bewährtes zu hören. Indem wir bisher zu wenig beachtete Wege einschlagen, ist unsere Kreativität, als Komponisten etwas Substanzielles zu sagen und als Interpreten ein qualitativ hohes Niveau anzustreben, eine seriöse Option, die Kirchenmusik aus einer Krise des Stillstands herauszuführen.“ Auf Grundlage dieser Überlegungen fanden an der MHL in den letzten Jahren immer wieder Projekte statt, bei denen auch akustische und elektronische Instrumente kombiniert und zu denen Musiker anderer Studiengänge eingeladen wurden. Sie stießen auf reges Interesse der Studierenden und führten zu Kooperationen mit anderen Institutionen, wie dem Festival Nordische Filmtage in Lübeck.
„Der rege Zuspruch des Publikums und das breite Medienecho waren für uns eine großartige Bestätigung“, resümiert Franz Danksagmüller. Aus diesen positiven Erfahrungen entstand der Plan, das Engagement der Studierenden durch ein spezielles Curriculum in die Ausbildung einzubinden. Die Kollegen Dieter Mack (Komposition), Bernd Ruf (Popularmusik), Johannes Fischer (Schlagzeug) und Oliver Korte (Musiktheorie) ließen sich schnell begeistern, sich mit eigenem Unterrichtsdeputat einzubringen, sodass der Schwerpunkt >Improvisation, Komposition und Neue Medien< ermöglicht, sich in den genannten Bereichen besonders zu qualifizieren.
Das Modulprofil
Das Modul >Improvisation, Komposition und Neue Medien< erstreckt sich über das gesamte Studium der Kirchenmusik, wobei die einzelnen Komponenten keine Reihenfolge vorgeben. Die Studierenden setzen pro Semester ein Projekt um, wobei sie Art, Thema und Besetzung frei wählen können. Die Priorität ist, Einblicke in aktuelle Musik zu bekommen und selber kreativ zu werden. Natalia Uzhvi, Studentin im sechsten Semester, meint dazu: „Das Modul ist sehr interessant für Studierende. Man lernt, seine Grenzen über die konventionelle Kirchenmusikausbildung hinaus zu erweitern. Ich habe mich im Rahmen des neuen Moduls bereits mit der Instrumentation von Reger-Liedern beschäftigt, durfte beim KISS-Symposion mit internationalen Künstlern arbeiten und eine Stummfilmimprovisation konzipieren. Bei allen diesen Projekten stand die Kommunikation im Mittelpunkt.“
Der KISS-Schub
Vom 25. bis 29. September 2014 fand an der MHL das international besetzte KISS-Symposion (s.u.) mit 100 Sounddesignern, Komponisten und Klangkünstlern statt, an dem auch viele Studierende teilnahmen. Mit Bezug auf das gerade etablierte Modul >Improvisation, Komposition und Neue Medien< gab es da „enorme Anregungen und Horizonterweiterungen für die Studierenden, die ganz fasziniert von der fächerübergreifenden, internationalen Zusammenarbeit waren“, berichtet Franz Danksagmüller.
Kirchenmusikstudentin Marion Krall, die das KISS-Symposion im Rahmen ihres Studiums koordiniert hat, schwärmt: „Da waren keine Berührungsängste mit welcher Musik auch immer. Alle hatten neue Ideen und waren ganz offen für sehr verschiedene Vorschläge. Und wir waren neugierig und haben viel Neues ausprobiert.“ Von dieser Einstellung der Kunst gegenüber ist ein Funke übergesprungen. „Einige Studierende wurden bereits von teilnehmenden Dozenten und anderen Musikern eingeladen. Es werden also Netzwerke gepflegt und neue entstehen“, berichtet Franz Danksagmüller. Wie die Atmosphäre während des KISS-Symposions für professionelle Komponisten war, erzählt Bruno Liberda exemplarisch über die Aufführung seines Werks „Gestus. Geheimnis. Weg“, ein Raumklang für Aerophone in alter und neuer Stimmung plus Live-Elektronik: „KISS 2014 in Lübeck war die wohl einmalige Chance, für drei Orgeln und sechs Organisten plus Live-Elektronik zu komponieren und dies auch zu hören und dabei einen dreidimensionalen Raumklang an einem besonderen Ort, der St. Jakobi Kirche zu realisieren.
Inspiriert von der seltenen Gemengelage auf tiefer Tradition (Orgelmusik in Kirchen) und neuester Technologie (Kyma) entstand mit Hilfe der MHL-Studierenden und dem Leiter der Orgelklasse Franz Danksagmüller ein wunderbarer Zusammenklang im wahrsten Sinne des Wortes. Eine spannende Arbeit für die Studierenden, die sich zuerst mit den mechanischen Instrumenten (den drei Orgeln in verschiedenen Stimmungen) und ihren sechs Spielern auseinandersetzen mussten, um dann im Finale auch noch die Verschmelzung mit den live computerbearbeiteten Pfeifentönen richtig im Raum zu balancieren. Dank an die Studierenden, die durch das Engagement und die Bereitschaft, Neues zu lernen, dies möglich machten und Dank an die Professoren, die solche ziemlich einmalig in der Hochschullandschaft gesetzten Schwerpunkte zur Disposition stellen und auf diese Art und Weise ein sehr innovatives Curriculum des Studierens kreieren.“
Die hochschulpolitische Relevanz
Die Orgel ist in gewisser Hinsicht ein multimediales Instrument, aber stationär und als alleiniges Identifikationssymbol für Kirchenmusik anachronistisch. Klangvariablen in Besetzungen und Formaten haben durchaus Tradition in der Kirchenmusik, an die man sich jetzt wieder erinnern muss. Deshalb erschließt der Studienschwerpunkt >Improvisation, Komposition und Neue Medien< hochschulpolitisch neue Perspektiven, wie Rico Gubler, Präsident der MHL, erläutert: „Wenn man die Kantoratsaufgaben im 17./18. Jahrhundert anschaut, dann haben wir genau solche Projekte wie in unserem Modul, nur mit den damaligen Mitteln. Im Wesentlichen geht es darum, soziale und architektonische Räume zu füllen, die zur Kirchenmusik und zum Kantorat gehören. Projekte, die die Gemeinde integrieren, werden wieder in einen anderen Fokus gerückt.
Unser neues Modul bereichert die Arbeit eines Kantors auf eine Weise, die eine herkömmliche Ausbildung nicht bietet. Es belebt auch den Begriff Improvisation im kirchenmusikalischen Bereich neu. Mit gezielten Unterrichtsangeboten geben wir den Studierenden Werkzeuge in die Hand, die es ihnen ermöglichen, diesen Beruf sehr interessant zu gestalten. Die Integration von Elektronik und Neuen Medien in Verbindung mit der Kirchenmusik, wie sie in Lübeck umgesetzt wird, ist einzigartig. Wir haben durch die Kooperation mit den Kirchen mit ihren vielen historischen Orgeln sehr gute Voraussetzungen dafür, dass dieser Schwerpunkt ein Modell zur Öffnung der konventionellen Kirchenmusik für andere Genres und Konzepte wird. Wir hoffen, dass wir Studierende anziehen und ausbilden, die offen für Neues sind.“ Und Franz Danksagmüller fügt hinzu: „Ich kenne kein anderes Projekt, das in diese Richtung geht. Ich finde wichtig, dass man nicht Altbekanntes nachmacht und wiederholt, sondern Dinge tut, für die es noch keine Vorbilder gibt, die aber von eigener Überzeugung geleitet sind.“