Es ist der Abend des 15. Juni 2000. In der Aula des städtischen Gymnasiums Alleestraße Siegburg schließt sich der Vorhang. Auf der Bühne nehmen 60 Schülerinnen und Schüler den wohlverdienten Schlussapplaus des Publikums entgegen. Seit mehr als zwei Stunden sind sie voll konzentriert bei der Sache, der Aufführung ihres eigenen Musicals „Streetkids“. Ein ganzes Schuljahr hindurch wurde gesammelt, gesichtet, getextet, komponiert und geübt, um die heutige Premiere zu bestehen. Es hat sich gelohnt!
Es ist der Abend des 15. Juni 2000. In der Aula des städtischen Gymnasiums Alleestraße Siegburg schließt sich der Vorhang. Auf der Bühne nehmen 60 Schülerinnen und Schüler den wohlverdienten Schlussapplaus des Publikums entgegen. Seit mehr als zwei Stunden sind sie voll konzentriert bei der Sache, der Aufführung ihres eigenen Musicals „Streetkids“. Ein ganzes Schuljahr hindurch wurde gesammelt, gesichtet, getextet, komponiert und geübt, um die heutige Premiere zu bestehen. Es hat sich gelohnt! Nun, bis hierhin zeigt sich eientlich nichts Neues. Projektorientiertes Arbeiten ist seit langem als eine Form des Unterrichts bekannt und selbstkomponierte Musicals haben Lehrer/-innen schon oft genug gestalten und aufführen lassen. Die Besonderheiten sind vor allem in den Strukturen des Projektes zu suchen und natürlich in dem Versuch, den immer lauter werdenden Forderungen nach einer neuen und zeitgemäßen Form von Unterricht nachzukommen.Grundbedingungen für dieses Projekt sind die Initiative „InfoSCHUL“, die neuen Richtlinien des Landes NRW für die Sekundarstufe II, die geänderte Ausbildungsordnung (OVP) für Studienreferendarinnen und -referendare und – eine gehörige Portion Mut. Wer wäre also besser dazu geeignet als Referendarinnen und Referendare? So, oder ähnlich dachten Anfang des letzten Jahres Teresa Becker, Anne Meyer und ich (allesamt am Studienseminar Siegburg), als uns die Idee zu „Streetkids“ kam. Es galt, ein Projekt zu gestalten, das, konform mit den neuen Richtlinien und fächerübergreifend ausgerichtet, Schülerinnen und Schülern an zwei oder mehr Schulen erlaubte, einen gemeinsamen thematischen Rahmen zu bearbeiten, dabei neue Medien und Informationsquellen im normalen Schulalltag zu nutzen, die Ergebnisse via Internet zu koordinieren und weiter zu bearbeiten und schließlich ein gemeinsames Produkt zu gestalten. Diese ehrgeizigen Vorgaben waren die Grundbedingung für die Teilnahme an InfoSCHUL. InfoSCHUL ist eine Initiative innerhalb von „Schulen ans Netz“ (einer Fördermaßnahme des BMBF in Zusammenarbeit mit der Deutschen Telekom) und beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit der Nutzung digitaler Datenquellen im Unterricht der Sekundarstufe II (siehe auch den Artikel in der nmz 5/00, S. 28). Hierfür gilt es Konzepte zu entwickeln, auszuprobieren und so aufzubereiten, dass sie für andere nutzbar gemacht werden können. InfoSCHUL ist primär auf die Gewinnung und Weitergabe von Sachkompetenzen ausgerichtet, und die Ausschreibung sah vor, dass ein erfahrener InfoSCHUL-Teilnehmer einen neuen Teilnehmer betreut und seine Erfahrung im Bereich Informations- und Netzwerktechnologie an diesen weitergibt. So fanden das Gymnasium Alleestraße Siegburg als Patenschule (seit 1997/98 bei InfoSCHUL dabei) und das Maximilian-Kolbe-Gymnasium in Köln-Wahn als neuer Mitstreiter zusammen. Insgesamt waren sechs Kurse und mehr als 150 Schülerinnen und Schüler in das Projekt integriert, wobei schwerpunktmäßig die Fächer Englisch, Musik und Sport beteiligt waren.
Die Idee war die Erstellung und Aufführung eines Musicals, das in Musik und Bewegung die Lebenswelt und die Möglichkeiten der Schülerinnen und Schüler präsentiert. Gleichzeitig sollte eine Beschäftigung mit den kulturellen und sozio-ökonomischen Gegebenheiten auf den Philippinen stattfinden, die in der Adaption eines klassischen Tragödienstoffes verarbeitet werden.
Am Maximilian-Kolbe-Gymnasium recherchierten die Fächer Erdkunde und Sozialwissenschaft zu den Lebensverhältnissen der Straßenkinder in Manila in Internet und Datenbanken und gaben diese Informationen an den Englisch GK 11 von Frau Becker weiter. Dieser hatte inzwischen Shakespeares „Romeo and Juliet“ gelesen, zu Shakespeare recherchiert und begann nun in enger Zusammenarbeit mit dem Gymnasium Alleestraße das Drehbuch für „Streetkids“ (auf Englisch) zu schreiben. Die Handlung wurde in wesentlichen Zügen beibehalten, allerdings sollten sich die sozialen Verhältnisse des heutigen Manila (vor allem die Problematik der Straßenkinder) im Drehbuch wiederfinden.
Anregungen ergaben sich durch Forderungen und Vorschläge, die der Musik- und Sportkurs des Gymnasiums Alleestraße beisteuerte, wenn zum Beispiel ein bestimmter Tanz in die Handlung eingeflochten werden musste, oder wenn es galt, bestimmte Kompositionen mit Text zu versehen. Ein Deutschkurs des Maximilian-Kolbe-Gymnasiums brachte die Ergebnisse schließlich auf die dortige Web-Site (http://www.mkg-koeln.de
Ausgehend von dem so entstandenen Drehbuch wurden die Szenen im Musik GK 11 des Gymnasiums Alleestraße musikalisch mit Liedern oder Hintergrundmusik gestaltet. Ergebnisse wurden im Sportkurs (ebenfalls GK 11) in Tanz, Pantomime oder choreografierte Bewegung umgesetzt. Endpunkt war die Streetkids-AG, die aus Schülerinnen und Schülern des Gymnasiums Alleestraße bestand und die das ganze schließlich zur Aufführung bringen sollte. Teile der Arbeit wurden auf der dortigen Web-Site (http://home.t-online.de/home/700800001245-0001) dokumentiert.
Gemeinsamer Sammelort für die jeweils aktuellen Unterrichtsergebnisse war ein BSCW-Forum, auf das die Schülerinnen und Schüler innerhalb und auch außerhalb der Unterrichtszeit über das Internet zugreifen konnten um sich die neuesten Drehbuchentwürfe anzusehen, die neuesten Kompositionen als MP3-Files anzuhören oder um sich über Handlungsverläufe (Chat- bzw. Diskussionsforum) zu unterhalten. So war es möglich, sich zu jeder Zeit auf dem aktuellen Projektstand zu befinden, gemeinsame Treffen oder Schulungen abzusprechen oder einfach nur miteinander zu kommunizieren.
Der Unterricht wurde so gestaltet, dass die Schülerinnen und Schüler der Lerngruppe gemäß ihrem Leistungsstand arbeiten konnten. Jeder sollte, entsprechend seiner Vorlieben und Möglichkeiten, Musik mit dem Computer gestalten und zum Projekt beisteuern können. Vorwiegend wurde in arbeitsteiliger Gruppenarbeit mit selbst gewählten Schwerpunkten gearbeitet. Informationen wurden durch Recherchen in diversen Musik-CD-ROMs, Datenbanken und Internet eingeholt, um sich mit der Musik- und Tanzkultur der Philippinen, vorherigen Vertonungen von Romeo und Julia, sowie mit musikalischen Fachbegriffen und Produktionstechniken vertraut zu machen. Hierbei ging es natürlich auch darum, wie man sich MIDI- oder Audiodateien auf den Rechner lädt, konvertiert oder weiter bearbeitet und welche Punkte dabei zu beachten sind (etwa das Urheberrecht).
Bei der Bearbeitung kamen zum Einsatz: Eine Light-Version von Cubase, mit der Fortgeschrittene im Bereich MIDI- und Sequencertechnik arbeiteten (Remix, Komposition eigener Lieder), einige Klangbaustein-Programme (HipHop-eJay, Musik-Maker, New Beat Transmission), mit denen HipHop- und Technonummern produziert wurden, sowie TripleDat und Pulsar zur Erstellung von Klangkollagen, der Aufnahme der Songs und dem gesamten Mastering einschließlich dem Brennen des fertigen Soundtracks.
Drei Beispiele
An drei Beispielen soll im Folgenden unsere Arbeit skizziert werden.
1. Im Drehbuch ist eine Kampfszene zwischen rivalisierenden Familien angelegt. Das Thema „Kampf“ bietet sehr viele Möglichkeiten in der unterrichtlichen Behandlung (Nachahmung – Klangfarbenkonnotation). Der Kurs beschäftigte sich mit Prokofieff´s Ballett und der „Rumble-Szene“ aus Bernsteins West-Side-Story, um zu sehen, wie die Thematik dort umgesetzt wurde. Dann wurde eine Kompositionsskizze gemäß dem szenischen Ablauf im Drehbuch entworfen, die entsprechende charakterisierende Musik sowie einige Effekte und Geräusche enthielt. Hier hatte der Kurs auch schon Ideen zur bühnentechnischen Umsetzung. Anschließend wurde die Kompositionsskizze mit dem PC realisiert, als Klangkollage fertiggestellt und auf CD gebrannt.
Währenddessen wurde im Sportunterricht die körperliche Darstellung von Gewalt thematisiert und erste Vorschläge zur Umsetzung der Kompositionsskizze erarbeitet. Sobald die Musik fertig war, wurden die Teilnehmerinnen des Kurses hiermit konfrontiert und in zwei Team-Teaching-Stunden eine Choreografie erarbeitet, die die Schülerinnen in der AG weitergaben.
2. Bei der Beschäftigung mit philippinischer Musik stießen wir auf den philippinischer Nationaltanz „Tinikling“. Dieser wurde in Form eines MIDI-Files aus dem Netz geladen, analysiert und neu gestaltet (als Musik eines Straßenfestes). Im Internet fanden wir über das Philippinische Zentrum in Köln auch einen Tanzlehrer, der mit einigen Teilnehmerinnen des Sportkurses diesen Tanz erarbeitete. Schließlich sollte der „Tinikling“ zentraler Bestandteil einer Szene werden. Dazu musste das Zusammentreffen des Liebespaares in eine andere Umgebung gesetzt werden, in der „Tinikling“ getanzt werden konnte. Das wiederum war Aufgabe des Drehbuchs und somit vom Englischkurs zu leisten.
3. In einer Unterrichtsreihe über Bach (Bearbeitungsgrundsätze) komponierte der Kurs (nach der Beschäftigung mit Gounod und Last) eigene Melodien zum Präludium Nr. 1, die mit Hilfeder Notationseingabe des Sequencers zum Klingen gebracht wurden. Die besten Kompositionen wurden ausgewählt und zur Diskussion gestellt. Eine konnte schließlich Eingang in die „Hochzeitsszene“ finden, in der sie leitmotivisch für das Auftreten des Priesters eingesetzt wurde.
Natürlich erforderte das Projekt von allen Beteiligten eine gewisse Mehrarbeit und zusätzliche Zeit. Die Betroffenen waren bereit, mehrmals intensive Probenarbeit auf sich zu nehmen; auch in den Ferien oder am Wochenende.
Oftmals wurde auch ohne Anwesenheit von Lehrpersonen in Pausen oder Freistunden geübt, geschrieben oder gesungen. Insbesondere die sozialen und technischen Kompetenzen der Schüler/-innen konnten gefördert werden, wobei ganz nebenbei ein stattlicher Betrag (Einnahmen der Aufführung) auf das Spendenkonto von MISSIO floss. Eine abschließende Evaluation bestätigte das Projekt, dessen Verfahrenstechniken nun in InfoSCHUL II an neue Teilnehmer weitergegeben werden.
Infoschul II im Netz: http://www.infoschul-II.de