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Dramaturgische Kreativität sichert Qualität

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Konzerte für Kinder entwickeln, gestalten, erleben – neu bei ConBrio
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Spielräume Musikvermittlung. Konzerte für Kinder entwickeln, gestalten, erleben. Für die Jeunesses Musicales Deutschland hrsg. von B. Stiller, C. Wimmer und E. K. Schneider, ConBrio Verlagsgesellschaft, Regensburg 2002, 344 S., € 29,00, ISBN 3-932581-53-9

Zu Recht forderte Monika Griefahn auf der Frankfurter Musikmesse 2003 die Qualitätssicherung von Konzerten für Kinder ein. Die bestehenden Strukturen der Vermittlung von Musikkultur an kommende Generationen reichen nicht mehr aus: ein wunder Punkt. Hilfe tut Not, denn solche Konzerte sind gegenwärtig eine Mode. Das allzu verkürzte Resümee von Bastians Berlin-Studie „Musik macht intelligent“ hat diesen Boom noch verstärkt. Die Konzerte sind gut besucht – doch für wie lange? Neben allerlei zum Kinderkonzert deklariertem Getue droht die Musik zuweilen zum Beiwerk einer Show zu werden. Es ist also Vorsicht angebracht, denn wenn es positive musikalische Schlüsselerlebnisse gibt, dann auch negative. Ein Qualitätsbewusstsein aber hat sich bislang weder beim Publikum noch bei den Veranstaltern allgemein etabliert.

 

 

Doch langsam wird deutlich, dass Konzerte für Kinder nicht allein durch bunte Kostüme oder deutlich gesenkte Eintrittspreise eine nachhaltige Wirkung erzielen. Nicht nur Management und inhaltliche Füllung müssen stimmen, sondern auch der Ton, und zwar in Musik und Moderation. Wer heute mit erhobenem schulmeisterlichem Zeigefinger Kultur vermitteln will, wird kaum mehr ernst genommen. Nicht belehren, aber doch etwas mitteilen, so lautet der „kulturelle Auftrag zwischen Event und Lehrstunde“ (Große-Jäger). Mit einem Konzertprogramm Begeisterung zu ernten, die ein ganzes Leben prägen kann, das wünscht man sich allerorten.

 

 

 

Nicht als Allheilmittel, aber als informatives Kompendium zur Musikvermittlung mit Konzerten für Kinder wollen die Herausgeber das vorliegende Buch verstanden wissen. Als „Praxishandbuch“ bietet es auch die Essenz der gut zweijährigen „Initiative Konzerte für Kinder“ der Jeunesses Musicales.

 

 

 

Autoren aus unterschiedlichen musikalischen Sparten berichten beispielhaft von gelungenen Veranstaltungen und funktionierenden Vermarktungsstrategien für gute Musik, die es flächendeckend, insbesondere für den Bereich der Klassik, allerdings noch zu entwickeln gilt. Einer kulturpolitischen oder wirtschaftlichen „Vernutzung“ von Kinderkonzerten tritt das Buch entgegen. Kinder werden als Publikum ernst genommen, sie sind zuerst Publikum von heute und nicht von morgen (Anke Eberwein, S. 263). Zielgruppe des Buches sind in erster Linie Musiker, Musikpädagogen, Veranstalter, Kulturmanager und -funktionäre, denen Orientierungshilfen auf der Suche nach einem eigenen „sinn- und lustvoll“-seriösen Konzertangebot (Constanze Wimmer, S. 226) gegeben werden – Publikum der Zukunft dann inklusive. Besonders nützlich sind zahlreiche Tipps von Praktikern wie Christian Schruff, Markus Lüdke oder Richard McNicol und das Abc für ein gelungenes Kinderkonzert im Anhang.

 

 

 

Unter die Stichworte „Entwickeln – Gestalten – Erleben“ werden rund 30 durchweg lesenswerte Beiträge gefasst, die hier nur beispielhaft angesprochen werden können. Im ersten Teil werden grundlegende Fragen zu Dimensionen des Inhaltes, der Dramaturgie, der Vermittlung und Präsentation behandelt. So beleuchtet etwa Barbara Stiller prinzipielle Gedanken zur Werkauswahl und behandelt den Schlüsselbegriff Dramaturgie im Hinblick auf sinnfällige Bezüge von Inhalt und Methode. Ernst Klaus Schneider unterrichtet über unterschiedliche Abhängigkeiten der Vermittlungswege, insbesondere von der aktuellen Auffassung des Kindgemäßen. Er begründet, warum Vermittlungsmethoden heute vielfältig sein müssen und warum der Bezug zur (medialen) Lebenswelt eine bedeutende Rolle spielt. Im zweiten Teil werden Kinderkonzerte aus den unterschiedlichen Perspektiven von Veranstaltern (Musikhochschulen, Konzerthäuser und Festivals, Musiker/Ensembles und Kirchenmusiker, Komponisten und Musikpädagogen) beschrieben. Im dritten Teil liegt der Focus auf einzelnen Konzertveranstaltungen. Besonders lohnend ist dies, wenn die Fallbeispiele auf eine Begründungs- und Reflexionsebene gehoben werden, von der aus eigene Veranstaltungen erdacht werden können (zum Beispiel zum Thema „Impressionismus“ bei Michael Dartsch, S. 236). Es wird klar, dass es um das lustvolle Aufnehmen von Wesentlichem und Charakteristischem einzelner Kunstaspekte geht und dass Konzertdramaturgie sich nicht als Rezept beschreiben lässt, sondern als kreative methodische Anwendung von Prinzipien (etwa der Verbindung unterschiedlicher Ausdrucksmedien, die einander ergänzen und intensivieren) auf einen konkreten Fall von Kunstvermittlung, der über den Begriffsrahmen „Konzert“ hinaus geht. Das Buch bietet eine reiche exemplarische Übersicht vom Schüler- und Familienkonzert hin zu neuen, interaktiven Veranstaltungen – ohne Einseitigkeit im Musikgenre. Wertvolle Musik zu erkennen – sei es Pop oder Klassik –, erfordert musikalisches Urteilsvermögen und genau hier liegt die Chance eines Konzertangebotes für Kinder: das Hineinwachsen in eine „Kultur guter Musik“, ein „Denken in Musik“ (Wilfried Gruhn, S. 88) zu ermöglichen oder, mit den Worten der Herausgeber, das Hören von Musik als bedeutsamen Lebensinhalt erfahrbar zu machen. Kulturelle Relevanz erhalten Konzerte für Kinder nur durch Kontinuität und – die Autoren geben Griefahn Recht – durch Qualität.

 



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