Erinnerungskulturen haben es nicht leicht in einer atemlosen Welt. Je schneller aber sich das Rad dreht, umso mehr braucht es festen Halt. Visionen der Zukunft liegen ohne Rückbindung an Traditionen im Bodenlosen. Alle Entwürfe von Kommendem sind auf Sand gebaut, wenn sie ihre Herkunft verleugnen. Ohne Gedächtnis keine Zukunft.
Aus dieser Einsicht erwächst ein Widerwille gegen falsche Alternativen und die Neigung zu Extremen. Die (politische) Mitte dagegen zu setzen und zu verteidigen, ist kein Ausweichen in Bequemlichkeit, sondern erfordert das harte Geschäft des Brückenbaus.
Dieses zweifache Credo eines konservativen Realismus der Mitte würde ich über das Leben Bernhard Binkowskis stellen. Er hat zeitlebens danach gelebt. Geboren noch in der Kaiserzeit 1912 – also vor 100 Jahren – im schlesischen Neiße, studierte er 1931 bis 1936 Schulmusik und Anglistik in Köln. Dort erlebte er die gewaltsame Okkupation der Nationalsozialisten an der acht Jahre zuvor (1925) von Leo Kestenberg und Konrad Adenauer gegründeten Musikhochschule. Die hautnah erlebte Vergewaltigung der Hochschule (Braunfels und Abendroth wurden zum Rücktritt gezwungen) verband sich bei Binkowski mit dem Blick von außen anlässlich eines Freisemesters 1932 in den USA. Beides stärkte seine Resistenz gegenüber dem braunen Unrechtsstaat. Er hat sie auch später im Schuldienst nach 1938 durchzuhalten vermocht.
Auch die einst zeitmodischen Frisch-auf-Parolen der musikalischen Jugendbewegung haben ihn nicht infiziert. Denn die Mitgliedschaft des Christen Binkowski im katholischen Seitenarm der Bewegung war gefeit gegenüber naiv-säkularen Manifestationen einer neuen Gesellschaft via Musik.
Nach dem Krieg wurde die damals etwas verschlafene Kleinstadt Schorndorf bei Stuttgart seine neue Heimat. Vom Gymnasium her gelang es ihm, eine städtische Musikkultur zu installieren, die bis heute lebendig ist. Es war bewegend, wie bei der Feier seines 90. Geburtstages die erste Chorgeneration von einst ihrem geschätzten Chorleiter ihren Dank darbrachte. Die großen Oratorien und Passionen, einschließlich der h-Moll-Messe von Johann Sebastian Bach, hat Binkows-
ki zu einer Zeit aufgeführt, als eine solche schulische Konzerttätigkeit in den eigenen Reihen noch als Flucht aus der pädagogischen Leitaufgabe der Schulmusik kritisiert und belächelt wurde.
1963 wurde Binkowski als Abteilungsleiter Schulmusik an die Musikhochschule Stuttgart berufen und später auch ihr Prorektor. In den Revoltejahren 1968 war er als Pädagoge – die Künstlerkollegen blieben wie andernorts naturgemäß verschont – der Lieblingsgegner diskussionstrunkener und arroganter Kulturstürmer von damals. Diese Erfahrung hat ihm zugesetzt, wie er später bekannte.
Seine Führungsaufgaben im Verband Deutscher Schulmusiker begannen bereits 1956 regional und ab 1972 als Bundesvorsitzender des VDS in der Nachfolge von Egon Kraus. Hochgeachtet – wie ich persönlich bestätigen kann – war Binkowski auch in Vorstand und Arbeitsgruppen der International Society for Music Education (ISME). Hier leitete er acht Jahre lang die Kommission „Musik in Schule und Lehrerbildung“. Mit seinen professionellen Sprachkenntnissen und der ihm so nahe liegenden unprätentiösen Sachlichkeit seiner anglo-amerikanischen Kollegen war er dort sehr geschätzt.
Das Schulbuch „Musik um uns“ in der für Binkowskis fachliche Grundeinstellung typischen Verbindung von Lied und Musikwerk, von Singen und Hören, bestätigte sein Plädoyer gegen Extreme. „Musik um uns“ ist bis heute ein Erfolg geblieben.
Die letzte große Initiative galt seinem Projekt „Schulen musizieren“, das er, zunächst gegen Widerstand, im VDS durchsetzte und das – von Hermann Josef Lenz und später von Georg Kindt verantwortet – neben den Bundeskongressen nach wie vor zu den zentralen öffentlichen Bekundungen des VDS gehört.
Binkowskis Ausstrahlung war weniger auswendig charismatisch denn in-wendig glaubhaft. Seine Offenheit, Integrität, Zuwendung und Vermittlungsgabe waren samt und sonders frei von Eitelkeit und Platzhirsch-Manieren. Demut war sein unausgesprochenes Leitmotiv. Er wurde nie laut oder gar wütend. Lange hörte man auf seinen Rat auch in den Gremien des VDS. Der geborene Vermittler lebte aus einer Mitte, deren zentrale Kraftquelle man deutlich spürte. Sie gab ihm eine spezifische Autorität, die sich nicht aus Quellen der Rhetorik, einer glamourösen Ausstrahlung oder auf gestisch erzeugte Faszination verlassen musste. Alles war hier gesammelt in einer Grundhaltung, die das fachliche Können und die menschlichen Qualitäten der Person überstrahlten und bestätigten.
Seit meiner ersten persönlichen Begegnung mit Binkowski – es war auf der Comburg bei Schwäbisch Hall im Herbst 1969 – wurde er für mich zum väterlichen Freund, Förderer und später auch Begleiter. Uns verband eine wachsende Zuneigung, die sich vertrauensvoll bewährte. Es war eine große Ehre für mich, sein Nachfolger im Bundesvorsitz des VDS sein zu dürfen.
Als wir uns am Abend seines 90. Geburtstages im Frühjahr 2002 in Schorndorf verabschiedeten, spürten wir beide im Händedruck, dass es für immer war. Am 14. Oktober des gleichen Jahres – zehn Jahre ist es her – starb Bernhard Binkowski. Eine große Schüler- und Freundesgemeinde begleitete ihn zu seiner letzten Ruhestätte auf dem Schorndorfer Friedhof.