Der „Saarbrücker Gesprächskreis“ aus Lehrenden der deutschsprachigen Ausbildungsinstitute (Musikhochschulen, Konservatorien, Akademien etc.) traf sich Ende April zu seiner 60. Arbeitsphase und Jubiläumstagung ausnahmsweise in Saarburg. In den ersten Jahren seit der Gründung 1986 durch Prof. Dr. Werner Müller-Bech (Saarbrücken) standen grundsätzliche Themen wie der Stellenwert des Fachs, der Abgleich von Ausbildungszielen, Lehrinhalten, und Durchführung der Unterrichts-praktika an den einzelnen Instituten im Vordergrund. Inzwischen sind Qualitätssicherung, das Reagieren auf gesellschaftliche Veränderungen und die Entwicklung richtungsweisender Ideen für die Zukunft auf dem Boden neuester Fragestellungen und Ergebnisse aus Forschung und Wissenschaft Hauptanliegen der Gesprächsrunde.
Prof. Ulrike Wohlwender (Stuttgart) gab einen Überblick über den derzeitigen Stand der Performanceforschung im Hinblick auf pianistische Fragestellungen. Im Kontext eines vierstufigen Forschungsmodells veranschaulichte sie am Beispiel Klangbalance die Chancen von Computerflügel-gestütztem Feedback.
Einige Mitglieder des Arbeitskreises widmen sich derzeit intensiv der Aufgabe, über Kriterien einer „idealen“ Klavierschule nachzudenken und das vorhandene überbordende Angebot am Markt zu sichten: Sigrid Naumann (Fulda) mit dem Thema „Klavierschulen im Vergleich: Anregungen zur eigenen musikalischen Erfindung“ untersuchte das Lernfeld Improvisieren/Elementares Komponieren in Lehrwerken. Sie zeigte anhand von Beispielen aus zehn Klavierschulen essentielle Unterschiede zwischen mechanischen Anweisungen kontra zielführenden Aufgabenstellungen. Letztere sollten in Balance zwischen Vorgaben und Freiraum den Schülerinnen und Schülern ermöglichen, eigene Ideen ihrem Entwicklungsstand entsprechend zu kreieren. Neben dem Konsens, im freien Spiel den gesamten Tonraum nutzen zu können oder Aspekte der Musiklehre einzubeziehen, ist es ebenso wichtig, Emotionen bei den Spielenden freizusetzen, aus denen sie erst schöpferisch tätig werden können.
Prof. Sibylle Cada (Frankfurt/Main) referierte zu „Sprechweisen in Klavierschulen“. Sie stellte den Grundsatz voran: „Miteinander sprechen bildet die Grundlage des Lernens und Lehrens.“ Wie kann die Sprechweise in den Klavierschulen die Unterrichtskommunikation fördern? An wen richtet sich das Wort? Drückt die Sprache der Autorinnen und Autoren Respekt vor den Lehrenden und Lernenden aus? Gibt es Freiräume zu eigenen Entscheidungen? Gibt es im Hinblick auf die Zielgruppe sinnvolle und sprachlich angemessene Hilfestellungen? Einige Beispiele von einerseits dirigistischen Formulierungen und andererseits kreativen, offenen Aufgaben wurden gegeben.
Zum Thema „Elementare Klaviertechnik“ stellten Jutta Schwarting und Irene Vogt-Kluge (Freiburg) Beispiele zur Sensibilisierung der Körperwahrnehmung und Entwicklung von Spielbewegungen aus ihrer Schule „Klaviergarten“ vor. „Vom Spiel zum Klavierspiel“ ist der grundsätzliche Weg für die Vorschulkinder; sie werden vorrangig durch Bilder und Geschichten angesprochen. Alltagsbeispiele zu Bewegungsempfindungen (z.B. Finger drücken ein Loch in Knete und Finger fühlen Oberflächen von Gegenständen) bereiten auf ein elementares Repertoire pianistischer Bewegungsmöglichkeiten vor. Das Ansinnen ist die „gleichmäßige Förderung von Geschicklichkeit des Armes, der Hand und der Finger, um so einen ausreichenden Vorrat an spieltechnischen Ausdrucksmitteln zu gewinnen“ (Zitat der Autorinnen, frei nach Varró).
Unter hochschuldidaktischen Aspekten fand ein offener Gedankenaustausch statt, zum Beispiel zu folgenden Fragestellungen: Wie thematisieren wir das Thema Klavierschulen in den Methodik-Seminaren? Welche Erwartungen haben wir selbst an zeitgemäße Schulen? Welche Lernfelder berücksichtigt die „ideale“ Schule? Diese und weitere Aspekte wie das Erstellen von Beurteilungskriterien oder die Diskussion von Klavierschulen zwischen Tradition und „Neuer Welt“ werden den Arbeitskreis noch längerfristig beschäftigen.
Elena Gaponenko (Frankfurt/M.) stellte in ihrem Kurzreferat zum Thema „Humor in der Musik“ drei Interpretationen des „Ballett der noch nicht ausgeschlüpften Küchlein“ aus Mussorgskis Bilder einer Ausstellung, jeweils gespielt von Richter, Horowitz und Prokofieff, vergleichend gegenüber. Bestechend waren die Interpretationen in ihrer unterschiedlichen Sprache zwischen Klarheit und Durchsichtigkeit, über Freiheiten im Notentext bis hin zu eigenwilliger Ausgestaltung unter anderem des tempo rubato.
Dr. Felizitas Noll (Essen) berichtete vom „forum intern“ mit der Konzeption eines fächerübergreifenden Wettbewerbs an der Musik- und Kunstschule Duisburg. Anliegen war unter anderem, eine Einheit herzustellen zwischen Auftritt, Ausstrahlung und gelungener Darbietung der Kandidatinnen und Kandidaten und einer Präsentation in Kontakt mit dem Publikum.
Ein großes Lob galt den Organisatoren der Tagung, die ein Tagungshaus mit einem wunderschönen Ambiente als besonderen Ort für diese Jubiläums-Sitzung auswählten.