Angesichts von G8, JeKi, Zentralabitur und Ganztagsschule, der Einrichtung von Fächerverbünden und Kontingentstundentafeln, der bisher wenig fruchtbar geführten Debatte zur Interkulturalität sowie der teilweise bereits erfolgten Kürzung der Referendariatszeit, gepaart mit der Erhöhung der selbstständigen Unterrichtszeit der Referendare, kann die Situation der Schulmusik als Fach und Ausbildungsinhalt derzeit kaum schwieriger und komplexer erscheinen. So zumindest Hans Bäßler beim Auftakt des Symposion der Bundesfachgruppe Musikpädagogik am 15. Januar 2010 in Würzburg.
Die Tagung, zu der sich neben der Bundesfachgruppe auch die AG Schulmusik und die Konferenz Musikpädagogik an Wissenschaftlichen Hochschulen (KMPWH) sowie Vertreter weiterer musikpädagogischer Verbände zusammenfanden, widmete sich neben den oben angedeuteten bildungspolitischen Schauplätzen der Diskussion um die Ausrichtung des Schulmusikstudiums und der Frage der Bündelung musikpädagogischer Interessenvertretungen mit dem Ziel, deren Wahrnehmung und Schlagkraft zu erhöhen. So betonte Bernd Clausen, der die Tagung an der Würzburger Hochschule ausrichtete, in seiner Begrüßungsansprache die Notwendigkeit, die Expertise der verschiedenen Fachverbände zu bündeln. Er ließ in zungenbrecherischem Tempo einige der im Bereich der Musiklehrerausbildung agierenden Verbände Revue passieren – AfS, VDS, GMP, AMPF, BFG, AG Schulmusik, KMPWH, VdM, ALMS, DMR und so weiter –, so dass schnell klar wurde, dass an vielen verschiedenen Stellen zwar intensiv diskutiert und gearbeitet wird, gleichzeitig aber auch die Gefahr einer Zersplitterung der musikpädagogischen Kräfte besteht.
Im weiteren Verlauf der Tagung schien dann auch Konsens über eine notwendige Neusortierung der musikpädagogischen Fachlandschaft zu bestehen. Anne Niessen argumentierte hier aus Sicht der Hochschullehrer, die ja neben Lehre, Forschung und administrativen Aufgaben an ihren jeweiligen Instituten größtenteils in mehreren Berufsverbänden engagiert sind, so dass durch eine mögliche Zusammenlegung auch die Mitgliederressourcen besser genutzt werden könnten. Christian Rolle betonte die Notwendigkeit, hierbei nicht nur die Schulmusik zu berücksichtigen, sondern verstärkt auch Verbände, die Fächer wie Elementare Musikpädagogik, Instrumentaldidaktik und weitere Praxisfelder vertreten, einzubeziehen sowie sich auch international zu orientieren, etwa über die Europäische Arbeitsgemeinschaft für Musik in der Schule (EAS). Auch von einer intensiven Kontaktpflege mit den Didaktik-Verbänden anderer Schulfächer, zum Beispiel über die Gesellschaft für Fachdidaktik, könnte man seiner Ansicht nach weiter profitieren. Auf diese Weise könnten beispielsweise auch gegenüber dem Ministerium und der Kultusministerkonferenz gemeinsame und fachspezifische Anliegen auf einer breiteren Basis kommuniziert werden.
Als Beispiele nannte er die Einrichtung beziehungsweise den Erhalt von Fachdidaktik-Professuren sowie die stärkere Berücksichtigung fachdidaktischer Forschungsvorhaben und -leistungen. Das abschließend von Niels Knolle, Hermann-Josef Kaiser und Hans Bäßler vorgestellte Konzept für einen neuen Dachverband bedarf jedoch noch weiterer Diskussion und Konkretisierung. Eine der Aufgaben für den neu gewählten Vorstand der Bundesfachgruppe mit Stefan Orgass von der Folkwang-Universität als Vorsitzendem.
In der Diskussion über die Ausrichtung der Ausbildung von künftigen Musiklehrerinnen und -lehrern wurde zunächst beklagt, dass die Hochschulausbildung vielerorts immer noch zu wenig unterrichtsnah sei. Die Hochschullehrer müssten selbst viel mehr mit ihren Studierenden in die Schule gehen, um den Praxisbezug zu sichern. Die Verbindung zwischen wissenschaftlichem Diskurs und Praxis in der Schule sowie bildungspolitischen Vorgaben sei noch zu schwach ausgeprägt. Vor diesem Hintergrund ist es um so fataler, dass sich die Bildungspolitik derzeit tendenziell stärker an objektivierbaren und kontrollierbaren Inhalten orientiert, anstatt Qualität daran zu messen, inwiefern echte Bildungsprozesse initiiert werden können. Anne Niessen plädierte daher für eine Stärkung und Bewahrung des forschenden Lernens im Musikpädagogikstudium. Auch und gerade angesichts der Bologna-Reform müsse es möglich sein, Freiräume im Studium zu schaffen, innerhalb derer die angehenden Lehrerinnen und Lehrer selbstständig Probleme erkennen, Entscheidungen treffen, Methoden kennenlernen und im Team Lösungen entwickeln können. Das Entwickeln von Fragen und Lösungsansätzen sei unabdingbarer Bestandteil der Professionalisierung, gerade dann, wenn die Zeit im Studium knapp bemessen ist.
In der bildungspolitischen Diskussion wird die Musikpädagogik immer noch als „luxurierendes Element“ betrachtet, so Niels Knolle. Dies hat unter anderem dazu geführt, dass die Inhalte des Musikunterrichts in übergreifende Fächerverbünde integriert wurden und die bildungspolitische Wirksamkeit im Vergleich zu den anderen Fächern eher randständig ist. Und dies, obwohl die Musikpädagogik sich in zentralen Fragen, beispielsweise bei Themen wie Interkulturalität, Projektarbeit, Medienpraxis und Ganztagsschule, frühzeitig mittels konzeptioneller Theorieansätze und unterrichtspraktischer Beispiele positioniert hat. Ihre Besonderheiten (Spiel- und Übepraxis, Fragen der Leistungsbewertung etc.) im Vergleich zu anderen Schulfächern bleiben jedoch weitgehend unberücksichtigt. Dies zeigt sich auch bei den Schwierigkeiten, die die Referendare und Berufsanfänger formulieren. Klaus Riedel bestätigt, dass bei vielen Absolventen musikpädagogischer Studiengänge zunächst eine inhaltliche Orientierungslosigkeit vorhanden ist, da keine verbindlichen oder schulinternen Lehrpläne vorhanden seien. Aus den persönlichen Erfahrungen der Studienabgänger und ihren subjektiven Theorien entstünden dann irgendwann persönliche Curricula, die eine Qualitätssicherung schwierig machen. Ob die mancherorts praktizierte Orientierung an einem Werkkanon diese gewährleisten kann, bleibt in vielfacher Hinsicht mehr als fraglich.