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Vassos Nicolaou unterrichtet Johanna Müller (7 Jahre) in Komposition. Foto: Ursula Kaufmann
Vassos Nicolaou unterrichtet Johanna Müller (7 Jahre) in Komposition. Foto: Ursula Kaufmann
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Und dabei dachten wir immer, es ginge um Erziehung

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Beim Klavier-Festival Ruhr spielt der Bereich „Education“ eine bedeutende Rolle
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Wo anfangen? Und mit wem? Mit Murat oder Cynthia, Rita oder Vassos, mit Valerie oder Pierre-Laurent? Egal, wie man die Education-Geschichte des „weltweit bedeu­tendsten Klavierfestivals“ (Fono Forum) aufzäunt – unterm Strich erzählt sie sich als Erfolgsstory, – was an abgeräumten Preisen einerseits („Ausge­wählter Ort 2010“ für Little Piano School, „Kinder zum Olymp!“ fürs interkulturelle Folk-Songs-Projekt), an Anmeldezahlen und einer anhaltenden Aufbruchsstimmung andererseits bemerkbar ist.

Dabei ist zunächst einmal gar nichts Überirdisches an den „Initiativen“, die unter der Festival-Intendanz von Franz Xaver Ohnesorg zwischen Essen, Duisburg und Dorsten seit Jahren „breit gefächert“ aufgelegt werden. Bliebe nur das Wie und die Frage, ob es so etwas wie ein „Geheimnis“ zu lüften gilt? Eines zum Weitererzählen zumindest.

Anfangen könnte man bei Johanna, dem kleinen Blondschopf auf dem Klavierhocker. Mit den Füßen erreicht sie kaum die Pedale, mit ihrem Spiel die Herzen. Fest heftet sich der Blick der kleinen Klavierspielerin auf ein paar aufgeschriebene Noten vor ihr. Eine Komposition ist entstanden. Gleichmäßig schlägt sie Quinten, streut mit der Linken angespitzte Arpeggien ein. Ein Vortrag mit aller Intensität und Ernsthaftigkeit, wozu ein Kind fähig ist, das (soviel muss man wissen) soeben ein Discovery-Projekt namens „Játékok“ beim Klavier-Festival Ruhr durchlaufen hat. So kurz Johannas „Turmuhr“ schlägt, es reicht, damit der Kunsternst, mit dem hier musiziert wird, ins Publikum überspringt.

Wenn es eine Gemeinsamkeit gibt im großen Education-Verzweigungsbaum des Klavier-Festivals Ruhr – dann ist es die „Seriosität“, die auch Tamara Stefanovich registriert, wenn sie an die Haltung denkt, mit der die kleinen und großen Pianokids zu Werke gehen. „Fasziniert bin ich angesichts des Mangels an Angst und Schubladendenken, die Kinder und Jugendliche gegenüber neuer Musik haben.“ Solches motiviere sie wiederum, sich „wenig am Mainstream zu orientieren und mich an Zukunft zu freuen“. Die Festival-Pianistin, die Ohnesorg ebenso wie Pierre-Laurent Aimard erfolgreich vom Konzertbetrieb in die Education-Abteilung herübergelotst hat, sieht den Kunsternst überall und durchaus gleichmäßig ausgeprägt – ob es nun um die eigenen Fantasieprodukte geht, um Stücke, die der junge Komponist Vassos Nicolaou extra für die Education-Initiativen geschrieben hat oder um einen im Druck vorliegenden Klavier-Zyklus von György Kurtag.

Künstlerische Grundhaltung

Daran gefällt Stefanovich vor allem das Fassliche, womit jedes einzelne Stückchen dieses „Spiele“-Kosmos’ schon im Notenbild Gestalt angenommen habe. Denn immerhin: Wer wie Johanna Müller im Grundschulalter ist, bedarf der Konkretion der Vorstellung mehr als ein Oberstufenschüler wie Felix, der die spektralanalysierte Melodielinie eines jüdischen Volksliedes für ein kleines Ensemble ausinstrumentieren möchte. Aber auch er ist auf ein aufmerksam-zugewandtes, vor allem auf ein kritisches Gegen- über wie Vassos Nicolaou angewiesen. Die ruhige Art des Zyprioten kommt gut an. Auch, dass er am skizzierten Notenbild überdeckende Obertöne heraushört, weswegen er denn auch den anspruchsvollen Anfänger kompetent beraten, besser: sich mit ihm beraten kann. Keine Frage: Education-Projekte wie „Folk-Songs“ und „Játékok“ entwickeln Charme, weil sie Pädagogik enthalten, sich aber nicht danach anfühlen. Was man fühlt, ist eine künstlerische Haltung, vor allem im Team, Rekrutierten von Ohnesorg aus Wissenschaft und Pädagogik, Konzert und Konzertvermittlung.

Einen internationalen Star der Musikvermittlung wie Richard McNicol hat der Festival-Intendant 2006 ins Boot geholt. Dieser wiederum hat seitdem vor allem die Discovery-Programme des Klavierfestes aufgemöbelt, wie er dies schon beim London Symphony Orchestra und bei den Berliner Philharmonikern getan hatte.

Kleingruppen-Konzepte

Dabei ist es auch ein Glück, dass das Megamäßige, das McNicol umweht, bei seinem jüngsten Wirkungsfeld noch kaum dominant geworden ist. Vielmehr haben es seine Kleingruppen-Konzepte auf Sensibilisierung, auf Weckung von Kreativitäts­potentialen abgesehen, auch wenn er dabei, ganz angelsächsischer Empiriker, die lustigsten Widersprüche hervorbringt. Während nämlich seine „kreativen Musikprojekte“ die Kinder „dazu befähigen, ihre eigenen musikalischen Ideen zu verwirklichen“, bestünde „letzten Endes ja das Ziel des klassischen Instrumental­unterrichts“ darin, „die Ideen anderer auszudrücken“. Abgesehen davon, dass im gleichen Atemzug heftig gegen die Vermittlung von „technischem Know-how“ polemisiert wird, was zum eigenen Ideenausdrücken bekanntlich nicht ganz unnötig ist, mutet das vorgetragene Verständnis von „Eigenem“ und „Fremdem“ doch etwas undialektisch an. Und obendrein besteht der Witz der McNicol’schen Discovery-Projekte eingestanden­er­maßen gerade darin, sich an „spezifische musikalische Werke als Ausgangs­punkt“ anzulehnen, an Strawinskys Petruschka, Kurtágs Játékok. – Wie vergleichsweise jung der so sehr zu begrüßende Kreativitäts­schub in der Musikvermittlung ist, merkt man spätestens daran, dass man auf künstliche Frontlinien (noch) angewiesen ist: Dreh dich nicht um – der klassische Instrumentallehrer geht um …

Dabei ist man in der Praxis der Education schon weiter. Egal wie die „Module“ auch heißen mögen – Discovery, Encounters, Little Piano School oder, ganz traditionell, Familienkonzert, Meisterkurs, und so weiter – wichtig bleibt Franz Xaver Ohnesorg, was ihm während seiner glücklichen Zeit an der New Yorker Carnegie Hall begegnet ist: die Erfahrung Isaac Stern. Es ist die Aura, die immer und überall spürbar werden müsse – und sei es in Dorsten-Hervest.

Little Piano School ganz groß

Dort nämlich steht am Rand von Maisfeldern, vis-à-vis einer außer Dienst gestellten Getreidemühle eine Evangelische Kindertagesstätte, die mit weiteren 39 anderen im Kirchenkreis Gladbeck-Bottrop-Dorsten mittlerweile ebenfalls zum Education-System des Klavierfestes dazugehört. Dort treffen wir Margarita Lebedkina, die hier alle nur Rita rufen. Zwei Mal die Woche unterrichtet sie eine Fünfer-Gruppe von Winzlingen zwischen zwei und vier Lenzen. Man singt, klatscht, wirft den bunten Noten-Würfel, begegnet elementaren Zeitdauern wie Halbe und Schritt, probiert sie einzeln am Klavier und wechselt, sobald Rita ein Signal ertönen lässt, zum nächsten Spiel. Margarita ist zufrieden. Problemlos hätten ihre Schützlinge beim Hüpfen um den Stühlchen-Zug den Sechsachtel hingelegt. Da hätten ältere Kinder, die sie aus Unterrrichtsstunden an der Essener Folkwang-Musikschule kennt, durchaus ihre Schwierigkeiten, womit umgekehrt klar wird, wozu eine solche Arbeit gut ist. Das sieht auch Elke Ricke, die Leiterin der Einrichtung. Seit dem Frühjahr 2009 profitiert ihr Kindergarten von einem mutigen Schritt des Kirchenkreises und seines Superintendenten, als dieser nämlich beschied (Frucht eines Ohnesorg-Vortrags), sich der Education-Arbeit des Klavierfestes Ruhr anzuschließen. Mittlerweile sind rund 30 Gruppen mit 150 Vorschulkindern involviert. Für Elke Ricke ist wichtig, dass alle mitmachen können, auch die Kinder aus „nicht-betuchten“ Elternhäusern. Ein Stichwort, bei dem Tobias Bleek vom Festival-Leitungsteam auf einen Sozialfonds verweist, der im Bedarfsfall die Teilnahme ermöglicht. 35 Euro monatlich. Dafür gibt es zwei Mal die Woche je dreißig Minuten Grundmusikalisierung am Klavier, unter anderem mit Rita. Und zum Schluss noch eine Überraschung, als sich die gebürtige Petersburgerin als ausgebildete Konzertpianistin outet. Überqualifiziert? Die Insider winken ab. Geht gar nicht!

„Think big“, heißt es hier vielmehr. Nicht nur, was die Nachwuchsförderung angeht, die man von einem Festival der Spitzenklasse, das die Klavier-Koryphäen dutzendweise einbestellt, ja noch erwarten kann: Jung-Pianisten-Programme, Meisterkurse, Debütkonzerte. Doch – so argwöhnte man vor Jahren – was wird das werden, wenn die Education nun auch in die Breite zielt? Will sich Ohnesorg die Pierre-Laurents, die Lang-Langs, Marthas und Tamaras jetzt ranzüchten? Die Skepsis galt einem 2006 an den Start gegangenen Projekt, das mit dem Instrumentarium einer italienischen Elementarpädagogin die Welt unterhalb der Grundschulschwelle entdeckte. Wo Musikschulen, Instrumentallehrer nicht rangehen wollen oder können – Ohnesorg, fasziniert von dem, was Kim Monika Wright in Udine aufgezogen hat, adaptierte den „Spielplatz Klavier“ kurzerhand als „Little Piano School“ für die Bedürfnisse des Ruhrgebiets. Die Lehrkräfte dafür fand und findet er unter den Studenten und Dozenten der Folkwang Musikschule und der Folkwang Universität.

Sogar die Wissenschaft hat mittlerweile angedockt. Werner Rizzi, Ordinarius für Allgemeine Musikerziehung, findet für die Arbeit von Kim Monika Wright lobende Worte, insbesondere was deren Händchen für die Minis angeht. Ausbaufähig seien Ansprache und Schulung der Mitarbeiter sowie der ganze Bereich der Methoden-Adaption auf eine von Migration geprägte Metropole Ruhr. Immerhin aber spricht der Hochschullehrer anerkennend davon, dass die Wright-Methode nun „mit unseren Zielen“ „weiterentwickelt“ worden sei. Mit Improvisationsspielen, Musik zur Bewegung, Supervision, Lehrerworkshops, solchen Sachen. Und siehe da: Mittlerweile ist man bei einer zweiten Kindergarten-Generation angelangt.

Die Nachhaltigkeits-Monstranz

Keine Frage: Die gern und vielerorts umhergetragene Nachhaltigkeits-Monstranz – hier ist sie ebenso mit Händen greifbar wie das Sich-Vernetzen in die Region, wie das austarierte Fördern in die Spitze und in die Breite. Ende offen. Und dabei wirkt das Ganze schlank und rank. Dank eines „Initiativkreises Ruhr“, dank vieler Freunde und Förderer funktioniert Education an der Ruhr ohne einen Cent Steuergeld. Kein Wasserkopf lähmt den Schritt. Kein Gremium wackelt mit demselben, wenn Ohnesorg wieder eine Idee hat oder wenn die Pianokids Zugabe fordern. Gemeint ist dann nämlich nicht „nächstes Jahr“, sondern nächste Woche. Versprochen! 

Siehe auch Georg Becks nmz-Online-Artikel zur Uraufführung des „Piano Book“ (www.nmz.de)

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