Montag, 8. November 1999, 8.40 Uhr, Flughafen Berlin-Tegel. Wir stehen nervös in der Schlange am Check-in-Schalter. Plötzlich das Klingeln von Matthias’ Handy: Michael steht im Stau. Mit einem Fagottquartett, das aus nur drei Personen besteht, würde sich wohl keiner in Griechenland zufrieden geben, selbst wenn einige Leute noch nie ein Fagott gesehen haben.
Im Rahmen der Anschlussförderung für Bundespreisträger des Wettbewerbes “Jugend musiziert“ kooperiert die Bundesgeschäftsstelle seit vielen Jahren mit den Deutschen Schulen im Ausland. Diese veranstalten mit den jungen Musikern aus Deutschland kleine Konzertreisen in ihrem jeweiligen Einzugsgebiet und bieten so neben dem Aspekt des gegenseitigen Kennen- und Verstehenlernens auch zusätzliche Auftrittsmöglichkeiten an. Im November 1999 konnte das Berliner Fagott-Quartett mit Elisabeth Göring, Matthias Mudra, Michael von Schönermark und Matthias Rácz nach Griechenland reisen. Die Tournee wurde vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend – Internationale Jugendarbeit – gefördert. Hier ein Auszug aus Matthias Mudras Reisebericht. Montag, 8. November 1999, 8.40 Uhr, Flughafen Berlin-Tegel. Wir stehen nervös in der Schlange am Check-in-Schalter. Plötzlich das Klingeln von Matthias’ Handy: Michael steht im Stau. Mit einem Fagottquartett, das aus nur drei Personen besteht, würde sich wohl keiner in Griechenland zufrieden geben, selbst wenn einige Leute noch nie ein Fagott gesehen haben. „Wenn‘a nich‘ zu spät kommt, könn‘ wa wahtn,“ beruhigt uns eine Dame am Flugschalter. Wir geben die Hoffnung nicht auf, zu viert fliegen zu können.Doch unser „Trio“ wird aufgefordert in das Flugzeug zu steigen. Die Türen werden geschlossen und eine adrette Flugbegleiterin erklärt durch akrobatische Bewegungen, wie man sich in einem eventuellen Notfall zu verhalten habe. Wir jedoch befinden uns schon in einer vergleichbaren Situation, bloß dass Schwimmweste und Atemschutz in diesem Moment nicht helfen. Die Tür ist zu, wir fliegen los. Zu dritt.
In München angekommen ist es Gewissheit: Michael hat den Flieger verpasst. Da haben zwei Stunden für 10 Kilometer im morgendlichen Berliner Berufsverkehr wohl doch nicht gereicht. Das fängt ja gut an! Die Gedanken kreuzen sich über den Fortgang der Reise, bevor sie überhaupt richtig angefangen hat. Soll es etwa à la „Zehn kleine Negerlein“ ablaufen, so dass zum Schluss nur noch einer übrig bleibt?
Dann in München: Eine lange Schlange hat sich vor dem Schalter gebildet. Und siehe da, wer steht dort mit hochrotem Gesicht und Schweißperlen auf der Stirn an deren Ende? „Hoffentlich haben die das gepeilt, mein Gepäck umzuladen“, hören wir Michael keuchen. Erleichtert besteigen wir das Flugzeug.
Beim Landeanflug auf Thessaloniki schaukelt es ganz schön, schließlich wird Griechenland gerade von sturmartigen Regenfällen heimgesucht. Die Überschwemmungen in Küstennähe sind nicht zu übersehen. Also nichts mit 25 Grad Celsius im Schatten, weg mit den kurzen Hosen.
Am Flughafen werden wir von einem aufgeschlossenen vollbärtigen Mann mit einem Wohnmobil abgeholt: Klaus Wielsch, der Musiklehrer der Deutschen Schule Thessaloniki (DST). Er bringt uns zu unseren Gastfamilien.
Nach kurzer Verschnaufpause nutzen wir den Abend, um einen Kurs für griechischen Volkstanz zu besuchen und auch um unsere Instrumente noch einmal in die Hand zu nehmen. Dazu fahren wir in eine Schule, in der auf Deutsch unterrichtet wird und an welcher wir unser erstes Konzert geben werden. Wir betreten einen hellen und lockeren Bau, der gerade einmal drei Jahre alt ist. Die erste auswärtige Konzertreise unseres Quartetts hat begonnen. Den nächsten Morgen beginnen wir sehr früh, denn wir sollen zum Unterrichtsbeginn in der Schule sein, um uns den Schülern vorzustellen und auf diesem Wege ein bisschen Werbung für unser Konzert zu machen.
Vor sechs Klassen spielen, sechs Stunden Fagottpräsentation mit Frage- und Antwortspiel. Im nachhinein ein Akt, der auch aus dem konditioniertesten Fagottisten die letzte Kraft zehrt. Vom Fagott haben wir aber noch nicht genug und deshalb werden Nachmittag und Abend „verprobt“.
Mittwoch, 10. November. Womit kann der Tag schöner anfangen als mit einer ermunternden Quartettprobe in der uns zur Verfügung stehenden Aula? Im Anschluss geht es mit Herrn Dr. Schmitt, Direktor der DST, zum Stadtrundgang.
Um 20.30 Uhr ist das Konzert. Aber viel zu voreilig: In Griechenland nimmt man es mit der Zeit nicht so genau. Angefangen wird, wenn anzunehmen ist, dass alle da sind, um 20.52 Uhr. Doch je später der Abend, desto begeisterungsfähiger das Publikum. Unser Programm wird sehr gut aufgenommen. Wir bekommen sehr viel Beifall, den wir unsererseits mit zwei Zugaben belohnen. Ein hervorragender Auftakt für die folgenden Konzerte.
Donnerstag geht’s nun weiter nach Athen, aber vorher spielen wir für die Grundschüler noch einmal das Stück „Peter und der Wolf“, in dem die Figuren durch bestimmte Fagotte, wie Querfage und Kesselfagott, dargestellt werden. Der kleinen Geschichte wird mit großen Augen gelauscht. „Oooch, die arme Ente“, äußert ein Kind seinen Missmut über den Schluss unserer Version, als die Ente im Backofen landet. Die Bahnreise nach Athen führt uns an der Ägäis und am Fuße des Olymp vorbei und endet nach bergiger Fahrt durchs Pindosgebirge in Athen, wo wir von Stefan Ubl abgeholt werden.
Er ist Musiklehrer an der Deutschen Schule Athen. Er war es auch, der uns im Mai beim Bundeswettbewerb nach Griechenland einlud und die Reise zusammen mit Frau Krause vom Deutschen Musikrat organisierte.
Auf der Fahrt zu den Gastfamilien lernen wir Athen gleich von seiner besten Seite kennen. Die Fahrt vom Bahnhof zum letzten Quartier, welches Herr Ubl stellt, dauert zwei Stunden, inklusive Stau auf der Hauptverkehrsstraße. Den Abend füllt ein gemütlicher Tavernenbesuch aus, bei dem wir unsere Gastfamilien kennen lernen.
Der nächste Tag ist wieder dem Werben vorbehalten, diesmal sind aber nur drei Runden unseres beliebten Fagottquizes geplant. Über die Werbepanne für das Konzert im Goethe-Institut hat uns Herr Ubl schon informiert. In einem der schönsten Konzerträume, den man sich für Kammermusik vorstellen kann, kommen nicht mehr als zehn Leute zusammen. Etwas enttäuscht gehen wir auf die Bühne, versuchen unsere Emotionen zu verstecken und siehe da, wir haben sehr dankbare Zuhörer und eine ideale Generalprobe für den nächsten Abend noch dazu.
Die Aula der Deutschen Schule ist am Abend, wie uns Herr Ubl versichert, für schulische Verhältnisse sehr voll. Auch hier begeistert unser Programm die Zuhörer. Wir ernten viel Beifall und geben noch drei Zugaben. Das Feedback ist sehr gut. Sogar drei Fagottstudenten aus Athen haben den Weg zu unserem Konzert gefunden. Das Ungewöhnlichste aber ist, dass Kinder im Alter von etwa zehn Jahren in unsere Garderobe kommen und um Autogramme bitten; ein ganz neues Gefühl.
Unser letzter Tag in Athen wird von einem Stadtrundgang und dem Besuch der Akropolis ausgefüllt. Am späten Nachmittag fahren wir in Richtung Piräus ab und besteigen die Fähre, die abends nach Kreta ablegt. Herr Ubl chauffiert uns nicht nur zum Hafen, sondern begleitet uns auch auf die Insel, um uns in Chania, unserem Aufenthaltsort, zu betreuen. Zum ersten Mal während unseres Griechenlandurlaubs scheint es schön und warm zu werden. Und siehe da: Kreta macht sein eigenes Wetter, denn von nun an sind es immer um die 27 Grad Celsius. Nach dem Mittagessen geht’s zum Konzertsaal: Eine alte Werft aus venezianischer Zeit mit beeindruckender Akustik findet sich dort. Wir sind alle etwas angeschlagen, da die Schiffskabine nicht der ideale Schlafplatz war, aber es kommt trotzdem eine gute Probe zustande.
Abends ist unser letztes Konzert in Griechenland. Leider haben wir nicht damit gerechnet, dass die sich in einer Nachbarhalle befindliche und nicht durch eine Tür abgetrennte Steinmetzausstellung nicht nur Publikum anzieht, sondern auch während des Konzerts Anlass zum „Umherspazieren“ und Unterhalten gibt. Daher wird dieses Konzert nicht die schönste Erinnerung der Reise. Abends geht es nach einem ausgiebigen Essen auf unser Zimmer, welches einen rustikalen Kamin besitzt, den wir natürlich unbedingt befeuern müssen.
Am Dienstag fährt uns Herr Ubl nach Heraklion. Nachdem wir ein geeignetes Hotel finden, verabschieden wir uns von ihm, da er gleich darauf wieder zurück nach Chania fährt und von dort aus zurück nach Athen tuckert.
Nehmen wir jedenfalls an, denn, wie wir später erfahren werden, konnte die Fähre aufgrund schlechter Wetterverhältnisse erst am nächsten Morgen in See stechen. Was Herr Ubl auch noch nicht wusste: Es wird ganz schön schaukeln. Wir hingegen schauen uns in aller Ruhe die Stadt an und gehen auf der beeindruckenden Hafenmauer spazieren. Ein Gläschen Wein beendet den Tag.
Am folgenden Morgen mieten wir uns ein kleines Auto und fahren in Richtung Südküste zum Schloss von Knossos durch das Idhi Oros- und das Asterúsiagebirge zum allerschönsten Strand, wo auch noch die Sonne extra für uns untergeht.