Wie kann Musikvermittlung hinsichtlich gesellschaftlicher Herausforderungen Transformationen im Musikbereich initiieren und mitgestalten? Welche Voraussetzungen braucht es, damit Musikvermittlung zur Kern- und Querschnittsaufgabe aller beteiligten Akteur*innen wird, und was würde dies bedeuten? Rund um diese Fragen gestaltete sich die Tagung „Transformation – Musikvermittlung als Game Changer“, die an der Anton Bruckner Privatuniversität in Linz stattfand.
Transformationspotenzial
In das Thema führte Irena Müller-Brozovic, Professorin für Musikvermittlung an der Anton Bruckner Privatuniversität (ABPU), ein. „Transformieren oder transformiert werden, das ist hier die Frage“ ist kein umformulierter hamlet’scher Gedankengang, sondern hinterfragt grundlegend den Einfluss der Musikvermittlung bezüglich nötiger und oft verlangter Perspektivenwechsel. Eine Macht, die um eine Publikumsorientierung zu ermöglichen oft noch immer zu gering ist. Musikvermittlung kann so nicht zum Game Changer werden, zumindest nicht, solange sie als Dienstleistung von Bildungs- und Kulturinstitutionen gesehen wird. Musikvermittlung muss selbstverständlich werden, von der Rolle als Mitspielerin hin zur Mitgestalterin. Jedoch ist es die Frage nach dem Wann, die immer noch unbeantwortet bleibt.
Das von kulturpolitischer Seite oft vorgebrachte Argument der ökonomischen Faktoren, die Transformation, aber zum Teil auch Vermittlung als reine Dienstleistung behindern, weil sich kulturelle Teilhabe und Mitgestaltung nicht mit klassischen wirtschaftlichen Parametern messen lassen, entkräftet ABPU-Rektor Martin Rummel in seinen Grußworten mit einem Zitat: „If you think research is expensive, try disease“. Es wären diese Worte der US-amerikanischen Aktivistin für medizinische Forschung Mary Lasker, die Institutionen und Geldgeber auf Kunst und Kultur übertragen sollten. Doch die anschließende Podiumsdiskussion, wie Musikvermittlung im Jahr 2035 aussehen könnte, zeigte, dass derartige Zukunftsaussichten nur einen Teil des Perspektivenspektrums der anwesenden Diskutant*innen verschiedener Bildungs- und Kulturinstitutionen darstellt. Der optimistischen Zukunftsvision, in der Musikvermittlung, wie wir sie kennen, nicht mehr möglich sei, weil diese bereits zur Grundhaltung der Institutionen geworden ist, stellt sich ein Realismus gegenüber, der Transformation vielmehr in massiven Kürzungen im Musikmarkt sieht. Positivistisch-metaphorische Herangehensweisen, die Institutionen nicht als unveränderbare Granitblöcke betrachten, sondern als verhärtete Seifenstücke, die durch Wasser umgeformt werden können, werden mit dem Pessimismus des vorhin angeführten wirtschaftlichen Drucks konfrontiert.
Ein konkretes Beispiel transformatorischer Zielsetzung präsentierte Beat Fehlmann, Intendant der Deutschen Staatsphilharmonie Rheinland-Pfalz in Ludwigshafen. Ausgehend von der Frage, wie sich das Orchester der Zukunft gestalten soll, stellte Fehlmann sein Modellprojekt „Kompetenzzentrum für Musik“ vor, bei dem Mitarbeiter:innen bis zu 20 Prozent ihrer Arbeitszeit für das Entwickeln und Umsetzen neuer (Vermittlungs-)Ideen nutzen können und das 2023 mit dem „Preis Innovation“ der Deutschen Orchester-Stiftung ausgezeichnet wurde. Schwerpunkte des Modellprojekts liegen in Projekten in den Bereichen Kulturelle Bildung, inklusive Stadtgesellschaft, regionales Publikum, künstlerische Entwicklung, Digitalität und Organisationsentwicklung. Die Basis des Modellprojekts bilden flexible Arbeitsstrukturen, partizipative Prozesse für Ideen der Mitarbeiter:innen sowie neue Formen von Publikumsnähe und gesellschaftlicher Relevanz. Letztere konnte gemeinsam mit der Legitimation gegenüber der Kulturpolitik verbessert und verstärkt werden. Darüber hinaus wurden durch das Projekt neue Zielgruppen gewonnen.
An Institutionen sollte demnach Musikvermittlung idealerweise als Querschnittsaufgabe fungieren, um ihr transformatorisches Potenzial zu entfalten. Eine Ansicht, die auch Marion Leuschner, Musikvermittlerin des Beethovenfest Bonn, teilte. Beispiele aus ihrer eigenen Praxis zeigen, wie Publikums-Zugewandtheit als institutionelle Grundhaltung aussehen kann. „Audience Centricity“ steht für die Haltung des Beethovenfest Bonn, das Publikum ins Zentrum zu stellen, woraus ein beidseitiger Dialog und kulturelle Mitgestaltung hervorgehen.
Weitere Praxisbeispiele verschiedener Referent*innen zeigten im Anschluss die Vielfalt transformatorischer Musikvermittlung, von interaktiven multimedialen Konzertformaten bis zum Einsatz von KI für künstlerische Inhalte, die auf einen Austausch mit dem Publikum abzielen. Eine solche Haltung führt in großen Institutionen aber immer wieder zu Konflikten, besonders, wenn kultureller Anspruch und wirtschaftlicher Mehrwert aus dem Gleichgewicht geraten oder wenn Projekte strukturbedingt über keine hohe Autonomie verfügen. Das verdeutlichte auch Julian Stahl von der Kulturstiftung des Bundes in Halle an der Saale. Aus diesen Gründen startete die Stiftung 2023 das dreijährige Projekt „tuned – Netzwerk für zeitgenössische Musik“, womit innovative Ansätze gefördert werden, die Alternativen zum „klassischen“ Konzertbetrieb bieten. Darüber hinaus werden projektbasierte Organisationen als lösungsorientierte Mediationsstellen eingesetzt, um die erwähnten Konflikte oder unterschiedliche Perspektiven transformatorisch zu lösen beziehungsweise zu verbinden.
Zum Abschluss konnten in unterschiedlichen Workshops die genannten Beispiele und Ansätze vertieft und besonders die Schwierigkeiten und Hindernisse dahinter reflektiert werden. Nun liegt es an den Teilnehmer:innen, die Anstöße und Impulse geltend zu machen, um von Spielfiguren zu Spieler*innen zu werden.
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