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Coaching bei den Kammermusik-Vätern

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Beobachtungen beim 6. Internationalen Kammermusikwettbewerb in Weimar
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Mit dem angepassten Goethewort „Es gibt nur noch Weltmusik“ trifft Weimars Hochschulpräsident Stölzl bei seiner Begrüßung dieses 6. Joseph Joachim Kammermusikwettbewerbes recht genau den Auftritt von 27 Kammermusikensembles aus 13 Nationen. Aus Brasilien, Australien oder aus dem fernen Asien, sonst vorwiegend aus Europa, aber nur scheinbar, denn wenigstens ein Drittel der Gruppen demonstrieren die internationale oder wenigstens die europäische Integration.

Sie setzen sich aus Spielern von zwei oder drei Nationen zusammen, die sich an ihren Studienorten, im Orches­ter oder bei Meisterkursen getroffen und sich dabei musikalisch auf gleicher Wellenlänge zusammengefunden haben. Mit diesen jungen Musikern aus unterschiedlichsten Schulen und Kulturen bekommt auch das ansons­ten europäisch-klassisch ausgerichtete pflichtgemäße „musica insieme“-Repertoire für das 20./21. Jahrhundert interessante Bereicherungen, etwa durch Komponistennamen wie Bacri, Breguet, Hersant, Kulenty, Kurz, Schoenfield, Sokolovic, Teml, Z. Tian und andere.

Die Quantität und vor allem die Qualität der in Weimar angetretenen Ensembles, konzentriert auf Trio bis Quintett, Streicher mit oder ohne Klavier, lässt erkennen (und die Biographien der Ensembles bestätigen es) dass kammermusikalische Betreuung an Musikschulen und endlich auch an den Hochschulen in Europa einen zunehmenden Stellenwert erhalten hat. Dann zahlt sich der Besuch zusätzlicher Meisterkurse, Coaching bei bereits gestandenen Ensembles aus in Verbindung mit Trainieren in vielen Vorspielsituationen, Konzerten, bei Festivals oder Wettbewerben. Das Beglückenste beim Hören und aufmerksamen Beobachten der Wettbewerbsvorspiele ist das ungeheure persönliche Engagement, mit dem sich die jungen Musiker in das Ensemblespiel einbringen, gleichsam diese Alternative zum Orchesterdienst spüren lassen und Hoffnung hegen auf einen gesicherten Podiumsplatz vor allerdings schrumpfender Hörergemeinde. 

Bei einem Durchschnittsalter bis zu 35 Jahren signalisiert dieser Wettbewerb künstlerisch eine quasi professionelle Erwartung. Das lässt ihn für junge Nachwuchsgruppen im Endstadium ihres Studiums deshalb wenig chancenreich erscheinen. Immerhin müssen die Kandidaten bis zu 180 Minuten Originalwerke aus Klassik, Romantik und 20. Jahrhundert (vor- und nach 1960) konzertreif parat haben. Dass der Anspruch, den die inernationale Jury unter ihrem Vorsitzenden Ulrich Beetz (Abegg-Trio) stellt, dementsprechend hoch ist, lässt das Ergebnis des Wettbewerbes erkennen. Die sechs Ensembles, die ins Finale eingeladen waren, zwei Quartette, drei Klaviertrios, ein Klavierquartett, haben in der Tat jahrelange Kammermusik­erfahrung, bewährten sich in vorangegangenen Wettbewerben in Florenz, Gdansk, Hamburg, Heerlen, lllzach, Radom, Trontheim, Vilnius, Val Tidone oder Wien, und so bewegt es einen anrührend, wenn – wie in der Ausschreibung festgelegt – nur drei Preise zu vergeben waren, drei für Ensembleförderung in der Höhe eigentlich bescheidene Preise zu 2.500, 5.000 und 10.000 Euro (wobei eine mögliche Preisteilung den „Gewinn“ noch weniger attraktiv gemacht hätte). 

Vergeben wurden der dritten Preis an das französische Klaviertrio Ata­nassov, Mitglied in der „European Chamber Music Academy“, der zweite an das niederländische Dudok Kwartett, derzeit eingeschrieben in der Dutch National String Quartet Academy. Auf den ersten Platz kam das Trio Gaspard. Für diese zwei Musikerinnen aus England und Südkorea und den griechischen Geiger haben sich die „coaching sessions“ in der „European Chamber Music Academy“ somit ebenfalls gelohnt. Sie bekamen auch den einzigen Sonderpreis (3.000 Euro) der Neuen Liszt-Stiftung für die beste Interpretation des nach 1960 komponierten Werkes (für Kagels Trio Nr. 2). Den drei verbliebenen Finalisten, die sich ebenfalls eindrucksvoll präsentierten, dem tschechischen Orbis Trio, dem russischen Robert-Klavierquintett und dem aus London kommenden Jubilee Quartet mit den drei jungen Musikerinnen aus Tschechien, USA und Großbritannien hätte man gerne wenigstens einen Trostpreis gegönnt, der im Budget leider nicht vorgesehen war. Das deutsche Aramis Trio kam bis in die zweite Runde. Den weiteren sechs Ensembles mit deutschen und sonst international unterschiedlichen Spielpartnern war Fortuna in diesem 6. Internationalen Kammermusikwettbewerb in Weimar diesmal nicht besonders gewogen. In zwei oder drei Jahren wird er wieder ausgeschrieben.

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