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Das Bach-Jubiläum naht

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Eindrücke von der diesjährigen Frankfurter Buchmesse
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Musikbücher führen auf der Internationalen Buchmesse in Frankfurt ein eher stiefmütterliches Dasein – zwischen dem diesjährigen Schwerpunkt Ungarn, dem frisch gebackenen Nobelpreisträger Günter Grass, der soeben erschienenen innerparteilichen Abrechnung Oskar Lafontaines und zahlreichen skurrilen Entwicklungen am Buchmarkt verwundert es nicht, dass mancher Musikverlag sein Podium nicht mehr auf dem Frankfurter Messegelände sucht. Darüber hinaus bevorzugen es Buchhändler, ihr Sortiment mit weniger fachspezifischen musikwissenschaftlichen Abhandlungen zu bestücken, denn gute Absatzmöglichkeiten garantieren vornehmlich Bildbände sowie biografische und unterhaltsame Musiklektüre. Dennoch haben die etablierten und traditionsreichen Musikverlage auch auf der diesjährigen Buchmesse Präsenz gezeigt. Allen modischen Trends multimedialer Experimente trotzt man mit aufwendig, teilweise bibliophil gestalteten Büchern. Man gibt sich optimistisch, denn der Jahresregent 2000 heißt Johann Sebastian Bach, und er wird die Restbestände des zu Ende gehenden Goethe-Jahres schnell aus den Regalen drängen. „So viel Bach war noch nie“, kaum ein Aspekt, unter dem das Phänomen Bach nicht beleuchtet wird, folgt man den unzähligen Neuerscheinungen der deutschsprachigen Musikverlagsszene. Die „ultimative Grundausrüstung“, um dem bevorstehenden Jubiläum umfassend gerecht zu werden, kündigt der Laaber-Verlag mit einem Bach-Lexikon an. Versprochen wird ein 600 Seiten starker „Band der Superlative“. Unter 480 Stichworten wird alles zu erfahren sein über Leben, Werk, Umfeld und Rezeption des Komponisten, vertraute Sichtweisen werden in Frage gestellt, und Probleme der bisherigen Forschung rücken ins Blickfeld. Wer nach detaillierten Informationen zu den einzelnen Werkgruppen sucht, der wird darüber hinaus im ergänzenden mehrbändigen Bach-Handbuch fündig. Ein ebenfalls voluminöses Kompendium zum Lebenswerk des Tomaskantors, herausgegeben von Konrad Küster, ist vor wenigen Wochen als Co-Produktion des Bärenreiter- und Metzler-Verlages erschienen. Knapp 1.000 Seiten informieren den Wissenschaftler ebenso wie den Musikliebhaber über die politische Biografie, das Verhältnis von Musik und Theologie sowie kontrovers diskutierte Aspekte der Rezeptionsgeschichte. Facettenreich präsentieren die einzelnen Verlage unzählige Einzeldarstellungen über den Menschen und Komponisten Bach, und man nutzt die Gelegenheit, auch einen Blick auf den einen oder anderen Bach-Sohn zu richten. Ob diese sich allerorts ankündigende Bach-Flut nur erschlägt oder tatsächlich zum Entwurf eines neuen oder anderen Bach-Bildes beiträgt, bleibt abzuwarten. Über das umfangreiche Oratorien- und Kantatenschaffen des barocken Meisters informiert unter anderem auch eine neue Ausgabe in der Serie der Harenberg-Kulturführer. Der im Rahmen der Buchmesse vorgestellte Chormusikführer in opulenter Bebilderung mit einer begleitenden 12-teiligen CD-Edition liefert darüber hinaus einen breit gestreuten Überblick über 1.000 Jahre Chormusikschaffen aus der Feder von 250 Komponisten. Das Spektrum umfasst Vokalmusik vom a-capella-Gesang bis zum Oratorium, ergänzt durch Exkurse über die Gregorianik und das Volkslied. Mit einem epochalen Jahrhundertwerk startet der Laaber-Verlag dieser Tage ein 12-bändiges Handbuch zur Musik im 20. Jahrhundert vor dem Hintergrund gesellschaftlicher und kultureller Prozesse im historischen und gegenwärtigen Kontext. Vorgestellt wird ein vielfältiger Kosmos von den Klassikern der Moderne bis hin zu Techno, vom Musical bis zur elektronischen Klangkunst. Den Auftakt bilden die Bände „Musik multimedial – Filmmusik, Videoclip, Fernsehen“, herausgegeben von Josef Kloppenburg und „Klangkunst“ von Helga de la Motte Haber. Ein dunkles Kapitel deutscher Musikgeschichte legt der Dittrich-Verlag vor. Unter dem Titel „Ausgemerzt! – Das Lexikon der Juden in der Musik und seine mörderischen Folgen“, zusammengestellt von Eva Weissweiler, sind nicht nur namhafte Komponisten und Virtuosen erfasst, sondern auch private Musiklehrer und Barpianisten jüdischer Herkunft. Noch ganz im Zeichen des aktuellen Richard Strauss-Jubiläums stehen die jüngsten Publikationen des Schott- Verlages, unter anderem mit einem Briefwechsel zwischen Strauss und dem Dirigenten Karl Böhm sowie mit einer umfassenden Monografie zu der bislang wenig beachteten Strauss-Oper „Die Liebe der Danae“. Dem bevorstehenden 25. Todestag des Schweizer Komponisten Frank Martin widmet sich eine Neuerscheinung von Bernhard Billeten unter dem Titel „Frank Martin – Ein Außenseiter der neuen Musik“, und der Band „Anton Webern – Briefe an Heinrich Jalowetz“ beleuchtet Leben und Schaffen im Umkreis der zweiten Wiener Schule. Die literarische Aufbereitung „musikalischer“ Themen konnte im diesjährigen Bücherdschungel kaum ausfindig gemacht werden, doch für Liebhaber eines schelmisch-kritischen Blickes auf die Wirklichkeit hat Alfred Brendel beim Hanser-Verlag einen weiteren Band seiner kauzigen Skizzen „Kleine Teufel“ vorgelegt.

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