Die auf den Seiten 49 und 50 dokumentierte „taktlos“-Sendung zum Thema Laienmusik fand auf der Musikmesse einerseits eine Fortsetzung, andererseits eine Erweiterung des Blickwinkels in die Bereiche Pop/Rock, Jazz und Kirchenmusik. Dabei machten die Diskussionsrunden der neuen musikzeitung deutlich, dass die grundlegenden Unterschiede zwischen diesen Stilen und ihren institutionellen Verankerungen bisweilen den Blick auf Gemeinsamkeiten versperren, die eine Bündelung der Interessenvertretungen sinnvoll erscheinen lassen würden.
Die auf den Seiten 49 und 50 dokumentierte „taktlos“-Sendung zum Thema Laienmusik fand auf der Musikmesse einerseits eine Fortsetzung, andererseits eine Erweiterung des Blickwinkels in die Bereiche Pop/Rock, Jazz und Kirchenmusik. Dabei machten die Diskussionsrunden der neuen musikzeitung deutlich, dass die grundlegenden Unterschiede zwischen diesen Stilen und ihren institutionellen Verankerungen bisweilen den Blick auf Gemeinsamkeiten versperren, die eine Bündelung der Interessenvertretungen sinnvoll erscheinen lassen würden.Der Geschäftsführer des Bundesjugendjazzorchesters („BuJazzO“) Peter Ortmann verwies einerseits auf die Unübersichtlichkeit der Szene und mit Blick auf die Union Deutscher Jazzmusiker und die Deutsche Jazzföderation auf die „jedenfalls im Hinblick auf die Anzahl der Verbände relativ bescheidene Lobby, die den Jazz vertritt.“ Da außerdem der Jazz vor Ort recht schwach organisiert sei, gebe es von den Jazzmusikern aus gesehen keine direkten Linien lokaler, regionaler oder übergeordneter Förderungsmöglichkeiten. Und Ortmann ergänzte: „Eine Struktur in diesem Sinne, vielleicht vergleichbar mit derjenigen bei den Blasmusikern oder bei den Klassikern, wäre natürlich auch für den Jazz von Vorteil.“ Die beiden großen Jazz-Fördermaßnahmen des Deutschen Musikrates beurteilt Ortmann insofern als positives Signal der Außenwirkung, als mit „Jugend jazzt“ und dem „BuJazzO“ jungen Talenten zumindest ein Ziel vor Augen gestellt werde, zu dem – wie in den anderen Musikbereichen auch – Zwischenstufen führten: Landesjugendjazzorchester, Schüler-BigBands oder Musikschul-Ensembles.Für den Rock- und Pop-Bereich sprach Bernd Schweinar in seiner Funktion als Mitglied des Fachausschusses Laienmusizieren im Deutschen Musikrat die grundsätzlich andere Ausgangssituation an. Die Aussage eines Ministerialrats eines Kultusministeriums bringe die Sache auf den Punkt: „Ihr hattet einfach das Pech, zu spät in die Förderung einzusteigen.“ Es gebe also, sarkastisch gesagt, wenig zu kürzen, weil relativ wenig Förderung da sei. Ansonsten regiere aber auch ein Vorurteil: Rockmusik sei doch etwas Kommerzielles, da würden Milliarden umgesetzt, da mache man also schnell das Geld, das man brauche. Dem hielt Schweinar entgegen, dass über 85 Prozent der Produktionen, auch die der professionellen Plattenfirmen, ein Verlustgeschäft seien und sieben oder acht Prozent gerade mal die Kosten deckten. „Die Plattenfirmen“, so Schwei-nar weiter, „haben heute über den Shareholder-value so eine Schere im Kopf, dass eigentlich nur noch Künstler aufgebaut werden, die international Erfolg haben. Und da fallen viele Deutsche, auch sehr gute professionelle Bands, durch das Raster, weil sie eben nur den begrenzten Markt entsprechend bedienen würden. Insofern relativiert sich auch hier der Begriff dessen, was man als Zielpunkt, als Professionalität oder als professionell orientierte Laienmusiker definieren würde. Ansonsten kann dieser Sprung vom Amateur – dieser Begriff hat sich dort eher etabliert – zum Profi, über die Zwischenstufe Semi-Profi, sehr schnell gehen.“
Die Frage nach dem gesellschaftlichen Stellenwert der Laienmusik beantwortete Stefan Liebing von der Bundesvereinigung Deutscher Blas- und Volksmusikverbände aus seiner Sicht grundsätzlich einmal positiv: „Wir haben in der gesamten Bundesrepublik einen enormen Stellenwert der Laienmusik; wir sprechen von über 10.000 Vereinen mit 18.000 Orchestern, die allein bei uns organisiert sind. Das heißt wir haben eine enorme Verankerung vor Ort, eine enorme Akzeptanz dessen, was diese Vereine machen, denn wenn sie keiner hören wollte, würden sie ja nicht auf Dauer existieren.“ Auf diese breite Verankerung müsse aber aufgesetzt werden, um eine Öffentlichkeit für das Thema Laienmusik zu erreichen, wie es etwa der Sport längst habe.
Das Thema der musikalischen Bildung und ihrer Defizite brachte Detlef Hahlweg, Vorstandsmitglied der Jeunesses Musicales Deutschland in die Diskussion: „Da gründen wir im Musikrat in der Hoffnung, mehr Leute zum Musizieren zu bringen, eine Kampagne namens ‚Hauptsache: Musik‘ und trotzdem denkt in Nordrhein-Westfalen die Schulministerin öffentlich darüber nach, dass Musiklehrer eigentlich mehr unterrichten müssten als andere Lehrkräfte, weil das Fach doch so leicht sei und wenig Vorbereitung erfordere.“ Wenn der Nachwuchs im Jugendorchesterbereich dennoch nicht wegbreche, so sei das der guten Arbeit der Musikschulen sowie der Tatsache zuzuschreiben, dass sehr viele gute Instrumentalisten aus guten Gründen nicht den Weg des Berufsmusikers gingen.
Der von Stefan Liebing mit der Haltung des Unternehmensberaters vorgetragenen Forderung nach einer „ganz straffen Organisationsform, die die Masse und die gesellschaftliche Verankerung bündelt und artikuliert“, wollten sich die Gesprächsteilnehmer freilich nicht so uneingeschränkt anschließen. So gab Ortmann zu bedenken, dass es ja ein durchaus sympathischer Zug sei, wenn bei Musikern bestimmter Stilbereiche der Hang zur Organisation in Vereinen und Verbänden gering sei, auch wenn das innerhalb des etablierten Förderungssystems zum Teil sinnvoll wäre. Und Schweinar ergänzte: „Im Bereich Rock/Pop herrscht vielleicht aus der Historie heraus eine ganz andere Art von Kreativ-Geist, der sich von vornherein nicht so straff bündeln lässt. Trotzdem muss dort Förderung stattfinden und wir müssen sie durchsetzen durch viele lange Gespräche. Zwar können wir durch einen gewissen Grundvernetzungssektor Leute bündeln, unsere Aufgabe muss aber vor allem darin bestehen, ein entsprechender Dienstleistungsknotenpunkt zu sein, an dem diese Individualisten dann genau die Informationen und Antworten bekommen, die sie im Moment gerade brauchen.“
Eine Annäherung scheint – dies machte der weitere Diskussionsverlauf deutlich – am ehesten in den Bereichen Dienstleistung (möglicherweise in Form einer Kompetenzbündelung in einzelnen Verbänden) und Lobbyarbeit und im gemeinsamen Auftreten gegenüber Organisationen wie der GEMA möglich und es stellt sich die Frage, ob der Deutsche Musikrat diese Annäherung institutionalisieren und mit der Dachkampagne „Hauptsache: Musik“ als politischem Signal unterstützen könnte.
Der Kirchenmusik war es vorbehalten, hierzu in einer weiteren Gesprächsrunde auf der Musikmesse Klartext zu reden. So äußerte Stefan Klöckner, Schriftleiter der „Musica sacra“ und für den Allgemeinen Cäcilienverband (ACV) in den Musikrat entsandt, seine Enttäuschung über das, was unter der „Hauptsache: Musik“ verstanden werde: „Das Nachdenken über ein Logo ist zu wenig und es nützt nichts, überall ein neues Etikett draufzukleben; es müssen in der Substanz Dinge miteinander vernetzt werden“. Klöckner regte in diesem Zusammenhang an, Schulmusik und Kirchenmusik, also zwei Kernbereiche musikalischer Basisarbeit, in der Ausbildung und in der Praxis stärker zu verkoppeln. ACV-Präsident Wolfgang Bretscheider ergänzte: „Wenn die Kirchenmusiker in den Gemeinden aus ihrem Elfenbeinturm herausgehen und Kooperationen suchen mit den Kulturabteilungen einer Stadt, dann kann eine Basisbewegung entstehen. Wenn nötig, kann man das von oben her mit einer Dachkampagne politisch verstärken, aber wenn man oben ansetzt und unten nichts ist, wird es peinlich.“
Die Diskussion unter den verschiedenen Stil- und Interessenvertretungen ist also in Bewegung geraten. Sie nicht wieder zum Stillstand kommen zu lassen und auf neue Strukturen hin zu konkretisieren, wird die Aufgabe der kommenden Monate sein.