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Henri Pousseur. Foto: Archivio Edizioni Suvini Zerboni, Milano
Henri Pousseur. Foto: Archivio Edizioni Suvini Zerboni, Milano
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Der rückwärtsgewandte Avantgardist

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Zur Erinnerung an den Komponisten Henri Pousseur
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Er gehörte zur jungen internationalen Avantgarde nach dem Zweiten Weltkrieg und geht doch in die Geschichte ein als jemand, der all das, wovon er und seine Komponistengeneration sich zunächst so radikal wie möglich befreien wollten, wieder in die Musik zurückholte. So paradox es klingt: Er gab dem Serialismus die Tonalität zurück.

Konsonante Intervalle, funktionale harmonische Beziehungen, expressive Gesten sowie die Idiomatiken und Stile sämtlicher Epochen und Weltgegenden wurden für ihn zu Parametern und damit zu gleichberechtigt komponierbarem Material.

Henri Pousseur, am 23. Juni 1929 in Malmédy geboren, hatte bereits an den Konservatorien in Lüttich und Brüssel studiert, als er 1951 durch Pierre Boulez in das integrale Strukturdenken eingeführt wurde. Während seiner Zeit als Besatzungssoldat im Rheinland 1952/53 knüpfte er Kontakte zu Karlheinz Stockhausen in Köln und seinem belgischen Landsmann Karel Goeyvaerts. Seine Beziehungen zu den seriellen Vordenkern und die eigene schnelle Auffassungsgabe und Fantasie eröffneten dem jungen Komponisten schnell Zugang zu den zentralen Foren der Neuen Musik. Nachdem Pousseur 1954 erstmals die Darmstädter Ferienkurse besucht hatte, unterrichtete er hier bereits drei Jahre später selbst als Dozent. Frühzeitig erhielt er Gelegenheit, in den elektronischen Studios in Köln und Mailand zu arbeiten, wo er 1957 mit „Scambi“ ein frühes Schlüsselwerk der mobilen beziehungsweise offenen Form und 1958 mit „Rimes“ eines der ersten Werke realisierte, das elektronische Klänge mit instrumentalen verband.

Pousseurs Blitzkarriere als Serialist war jedoch nicht von Bestand. Vielleicht weil er das serielle Denken allzu schnell übernommen hatte, empfand er es Anfang der 1960er-Jahre zunehmend als einengend und die getilgte traditionelle Musiksprache als Verlust. Warum sollte ausgeschlossen werden, was Generationen genialer Musiker zuvor entwickelt hatten und was weiter genutzt werden konnte? Um den Konflikt zwischen stimmiger Gesamtkonstruktionen und Wiederaneignung des Vergangenen zu lösen, kreierte Pousseur ein „Intervallnetz“, auf dessen vertikalen und diagonalen Achsen er Intervalle und Akkorde so nach Konsonanz- und Dissonanzgraden abstufte, dass beim Ablesen verschiedener Ausschnitte fließende Wechsel von einem Tonordnungssystem zum anderen entstanden, von modalen zu tonalen, atonalen, dodekaphonen und seriellen bis hin zur Blues-Tonleiter. Dienten die seriellen Konzepte sonst zur Reinigung des Materials von historischen Besetzungen und Stilen, generieren sie jetzt einen universalen historisierenden Polystilismus.

Zu einem Höhepunkt dieses „Seritonalismus“ und zugleich zu Pousseurs frühem Hauptwerk wurde die 1969 an der Mailänder Scala uraufgeführte „Fantaisie variable“ mit dem bezeichnenden Titel „Votre Faust“. Bei dieser ebenso fantastischen wie variablen Oper über das bekannte Sujet vom spätmittelalterlichen Schwarzkünstler Doktor Faust konnte das Publikum an bestimmten Knotenpunkten der Handlung über das weitere Geschehen abstimmen und sich so bei jeder Aufführung jeweils „seinen Faust“ wählen. Das während der 1960er-Jahre nachgerade zum Epochenmerkmal avancierte Collageprinzip totalisierte Pousseur in seinem 1992/93 entstandenen „Dichterliebesreigentraum“, einer surrealistischen De- und Remontage der in ihre Bestandteile zerlegten Lieder von Robert Schumanns berühmtem Zyklus „Dichterliebe“ und der diesem zugrunde liegenden Gedichte von Heinrich Heine.

Bis in die 1960er-Jahre hinein war Pousseur eine prägende Gestalt des westdeutschen Musiklebens. Neben Aufführungen seiner Werke war er vor allem präsent durch seine regelmäßige Lehrtätigkeit in Darmstadt und bei den 1963 von Stockhausen an der Rheinischen Musikschule in Köln ins Leben gerufenen „Kölner Kursen für Neue Musik“. Während der letzten Jahrzehnte trat er jedoch im deutschsprachigen Raum immer weniger in Erscheinung. Er orientierte sich zunehmend in seiner belgischen Heimat und nach Frankreich. Zudem widmete er sich verstärkt publizistischen, pädagogischen und administrativen Aufgaben: als Leiter des von ihm 1958 in Brüssel gegründeten Elektronischen Studios „Apelac“, als Dozent an der Universität Lüttich seit 1970, als Direktor des Konservatoriums in Lüttich seit 1975 und als Direktor des Musikpädagogischen Instituts in Paris ab 1985. Nicht ganz 80-jährig ist am 6. März der janusköpfig zurückblickende Avantgardist nach längerer Krankheit an den Folgen einer Lungenentzündung verstorben.

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