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ie stehen nicht mit dem Teufel im Bunde, und ihre Saiten sind auch nicht aus den Därmen ihrer Geliebten gemacht, wie man es Paganini, der romantischen Verkörperung metaphysisch-düsterer Genialität, nachsagte. Und trotzdem gelingt dem Arditti String Quartet fast alles. Das Geheimnis dieses Erfolges, wenn es denn eines ist, hat Primgeiger Irvine Arditti einmal mit britischem Understatement umschrieben: „Nichts ist unmöglich, wenn man lange genug daran arbeitet." Nun ist das 1974 gegründete Arditti Quartett 25 Jahre geworden, und zu diesem Jubiläum ist ihm sogar etwas zugefallen, an dem es überhaupt nicht gearbeitet hat: der sonst eher Megastars vorbehaltene Ernst von Siemens Musikpreis.
Das Bekenntnis zum bürgerlichen Prinzip der Arbeit zu einem Zeitpunkt, da in den gesellschaftlichen Produktionsprozessen immer mehr Entscheidungen und Arbeitsschritte an die anonyme Instanz des Computers delegiert werden, sagt nicht nur etwas über die Methoden des Quartetts aus. Es charakterisiert auch seine Ästhetik und seinen historischen Standort. Musik, und sei sie noch so enigmatisch, ist aus dieser Sicht weder Produkt standardisierter technischer Intelligenz noch im reaktionären Sinn ein Ausdruck von diffuser Befindlichkeit, sondern etwas durch und durch handwerklich Hervorgebrachtes. Musikalische Praxis als ein „artisanat furieux", das sein Energiepotential aus der Entfesselung der äußersten physiologischen Möglichkeiten gewinnt.
Arditti-Quartet (c) Charlotte Oswald
In einer solcherart von mythologischen Resten emanzipierten, zerebral gesteuerten Musica instrumentalis setzt sich in einer Zeit der Technologiegläubigkeit noch einmal das Prinzip des selbstverantwortlichen Subjekts durch, wie es für die Gattung Streichquartett schon in ihren Anfängen bei Haydn Gültigkeit hatte. In dieser Haltung, auch in seinem strukturellen Verständnis von Musik, führt das Arditti Quartett die große klassisch-romantische Tradition des Quartettspiels weiter, obwohl es sich seit seinen Anfängen konsequent auf die Musik des 20. Jahrhunderts beschränkt hat.
Angefangen für Arditti hatte es – will man seinem bisweilen bizarren Witz folgen – mit einer deutschen Knackwurst. Als er als 15jähriger zum ersten Mal nach Darmstadt pilgerte, um dort Avantgardisten wie Stockhausen und Ligeti kennenzulernen, deren Ruf sogar bis ins ferne Großbritannien gedrungen war, geriet er nach der Ankunft im Bahnhof als erstes an eine Imbißbude. Der Biß in die pralle Wurst, die er sich dort erstand, hatte für ihn archetypische Qualität. Ein Vorgeschmack deutscher Solidität in Gastronomie und Musikleben und zugleich visionäre Vorahnung kommender ästhetischer Erfahrungen. So sollte es knacken, knirschen und mahlen bei Lachenmann! So sinnlich aufspritzen bei Ferneyhough! Auch was nach dem Knackwurst-Erlebnis folgte – die Begegnung mit führenden Komponisten und wichtigen Werken der 60er Jahre während der Ferienkurse – hatte weitreichende Konsequenzen und bestätigte Irvine Arditti in seinem instinktiven Wunsch, Interpret neuer Musik zu werden. Während des Musikstudiums am Royal College of Music in London gründete er dann 1974 sein Streichquartett. Das erste einstudierte Stück war Pendereckis zweites Quartett.
Bereits bei diesem ersten Auftritt zeigten sich zwei Grundeigenschaften, die für Struktur und Arbeitsweise des Arditti Quartetts bis heute gültig sind: Zum einen ist es ein Primarius-Quartett, das heißt es ist geprägt von der starken Persönlichkeit seines Gründers und Leiters. Zum anderen entstehen seine Interpretationen in der Regel in enger Zusammenarbeit mit den Komponisten. „Composer supervised", das Attribut, das das amerikanische CD-Label Mode den Aufnahmen der Cage-Quartette beigefügt hat, ist ein Markenzeichen der Ardittis und ein Gütesiegel für Authentizität geworden. Viele hundert Streichquartette wurden in den vergangenen 25 Jahren für das Arditti-Quartett geschrieben. Da viele dieser Uraufführungen einem Vorantasten in unbekanntes Neuland gleichkamen, war die Zusammenarbeit mit den Komponisten unumgänglich. Die Praxis bürgerte sich im Lauf der Zeit ein und führte zu enorm fruchtbaren Wechselwirkungen.
Bei allem geforderten Erfindergeist verstehen sich die Ardittis nicht als Erfinder, sondern als getreue Korrepetitoren, die den Komponisten helfen wollen, ihre Intentionen möglichst genau umzusetzen. Das ist nicht immer so einfach, und oft fällt ihnen die Rolle der Geburtshelfer zu. Auf unbekanntem Terrain, wo nichts als sicher gelten kann, sind gerade jüngere Komponisten oft selbst noch auf der Suche nach dem richtigen Mittel zur klanglichen Realisierung ihrer Ideen und deshalb froh um die Hinweise des Ensembles. Die Spielbarkeit einer Partitur hat nicht nur mit Griff- und Bogentechnik etwas zu tun, sondern auch mit dem Timing und der Fähigkeit zur praktischen Koordination der vier Instrumentalparts. Stimmen diese Dinge, so können auch hochgradig komplizierte Partituren immer noch bewältigt werden. Ist hingegen die Notation nicht genügend durchdacht, hilft nur ein provisorisches Zurechtbiegen, um die Uraufführung dem Schein nach zu retten, und es kann, wie es bei einem in Donaueschingen akklamierten Werk der Fall war, auch schon einmal vorkommen, daß ein erzürnter Irvine Arditti die Partitur hinterher demonstrativ zerreißt.
Zweifellos hat das Arditti Quartett dem Streichquartettschaffen seit den 70er Jahren einen ungeheuren Schub verpaßt und die Entwicklung neuer technischer und musikprachlicher Möglichkeiten maßgeblich geprägt. Doch von einer ästhetischen Enge zu sprechen, wie man es gelegentlich von jenen hören kann, die selbst unausgesprochen bestimmten Prämissen anhängen, wäre verfehlt und obendrein kleinkariert. Das zeigt schon ein Blick auf das Repertoire. Einerseits gibt es da die komplexen Werke eines Xenakis, Ferneyhough oder Carter, mit denen das Quartett bekannt geworden ist und denen es seinen Ruf als furchtlose Extrembergsteiger in den Steilwänden der Avantgarde verdankt. Doch finden sich darin ebenso die Quartette von Gubaidulina und Schnittke, von Castiglioni und Scelsi, von Henze und Maxwell Davies bis hin zu Thomas Adès und vielen anderen. Von den Erstlingswerken vieler Jungen, die bei internationalen Festivals, Kursen und Workshops einstudiert werden, gar nicht zu reden. Ein Schwerpunkt ist außerdem die klassische Moderne. In dem bei Disques Montaigne angefangenen und vor drei Jahren nach der Übernahme durch Auvidis schmählich liegengelassenen Großprojekt einer Dokumentation des modernen Streichquartetts auf 50 CDs sollte auch die zweite Wiener Schule umfassend dokumentiert werden. Was das Spiel des Arditti Quartetts stilübergreifend kennzeichnet, ist seine ungeheure Prägnanz in Artikulation und Zeitgestaltung, gepaart mit Leichtigkeit und Transparenz. Die Grundhaltung ist mehr sachlich als expressiv. Darin unterscheidet es sich von dem in der Tradition Beethoven–Brahms–Schönberg tief verwurzelten LaSalle Quartett, das ihm als frühes Vorbild diente.
In dem Vierteljahrhundert seines Bestehens hat sich das Quartett mehrfach personell erneuert. Es gab Abspaltungen, aus denen wie pflanzenhafte Ableger anderswo neue Aktivitäten hervorgingen. Aus der „Arditti Factory" stammen so unterschiedliche Interpretenpersönlichkeiten wie die Geiger David Alberman und Alexander Balanescu, der später sein eigenes Quartett gründete, oder der Bratschist Garth Knox, der 1990 Levine Andrade ersetzte und vor einem Jahr seinerseits von Dov Scheindlin abgelöst wurde. Graeme Jennings, der zweite Geiger, ist seit 1994 dabei. Das älteste Mitglied der heutigen Formation ist neben Arditti der Cellist Rohan de Saram; er stieß 1977 zum Quartett. Der personelle Wandel ist auch eine gute Voraussetzung zur kontinuierlichen geistigen Erneuerung.
Denn, so Arditti, auf seinen Erfolgen von gestern will das Quartett nicht sitzen bleiben. Zu seinen Grundsätzen gehört heute wie damals die vorbehaltlose Offenheit dem Neuen gegenüber, und diese Offenheit will es sich auch in einer Zeit bewahren, da sich der Begriff des Neuen selbst in seiner Substanz verändert hat.