Wenn etwas eine große Vergangenheit hat, dann steckt darin auch das Potenzial für eine große Zukunft. Voraussetzung ist, dass die Zeichen der Zeit wahrgenommen werden, dass man bereit ist zu reagieren, dass man dem bewährt Zurückliegenden nicht blind vertraut. Beim renommierten ARD-Wettbewerb, dem bedeutendsten Musikwettbewerb in der Bundesrepublik, trifft vieles davon zu. Seit 50 Jahren wird er veranstaltet, nun hat man mit Christoph Poppen einen neuen künstlerischen Leiter berufen, dessen künstlerische Wachheit, dessen Verantwortungsbewusstsein, dessen Flexibilität eine neue erfolgreiche Ära einleiten könnte.
Wenn etwas eine große Vergangenheit hat, dann steckt darin auch das Potenzial für eine große Zukunft. Voraussetzung ist, dass die Zeichen der Zeit wahrgenommen werden, dass man bereit ist zu reagieren, dass man dem bewährt Zurückliegenden nicht blind vertraut. Beim renommierten ARD-Wettbewerb, dem bedeutendsten Musikwettbewerb in der Bundesrepublik, trifft vieles davon zu. Seit 50 Jahren wird er veranstaltet, nun hat man mit Christoph Poppen einen neuen künstlerischen Leiter berufen, dessen künstlerische Wachheit, dessen Verantwortungsbewusstsein, dessen Flexibilität eine neue erfolgreiche Ära einleiten könnte.Einen Blick auf die Geschichte des ARD-Wettbewerbs muss man schon tun, um die außerordentliche Relevanz zu begreifen. Und die Geschichte eines Wettbewerbs schreibt sich, man mag das begrüßen oder nicht, in erster Linie über seine Preisträger. Ein paar Namen, eher willkürlich gepflückt, über die ersten 25 Jahre hinweg: Peter Lukas Graf, Ingrid Haebler, Alfons und Aloys Kontarsky, Edith Peinemann, Franz Lehrdorfer, Michael Ponti, Norman Shetler, Iwan Rebroff, Heinz Holliger, Christoph Eschenbach, Maurice André, Simon Estes, Mitsuko Uchida, Jessey Norman, Tokyo String Quartet, Edgar Krapp, Pi-hsien Chen, James Tocco, Anthony und Joseph Paratore, Yuri Baschmet, Antonio Meneses. Beruhigend ist, dass diese heute in der Musikwelt wohlvertrauten Namen nicht immer ganz oben auf dem Podium des Preises standen. Manche davon erhielten nur den dritten Preis, während der mit dem ersten Preis Ausgezeichnete nachher im Musikleben kaum Fuß fassen konnte. Aber die Liste, die auch in den folgenden Jahren gleichermaßen das Niveau hält, muss beeindrucken. Ein Gutteil der großen internationalen interpretatorischen Persönlichkeiten hat sich bei den ARD-Wettbewerben die Klinke in die Hand gegeben. Und die Bedeutung der Preisträger ist zugleich eine Auszeichnung für die Jurys, für ihre Zusammenstellung, für das organisatorische Umfeld.„Der Wettbewerb, der sich heute sicherlich ganz andere Aufgaben stellen muss als zum Zeitpunkt seiner Gründung, soll zunehmend Zentrum der Begegnung werden für Musikerinnen und Musiker aus aller Welt, die nicht nur während der kurzen Zeit des Wettkampfes, sondern darüber hinaus miteinander in Verbindung treten sollen, um sich gegenseitig anzuregen und zu beflügeln“, schrieb Poppen im Vorwort zum Geburtstags-Band. Und wirklich müssen heute die Formen eines Musikwettbewerbs neu überdacht werden. Vieles ist hier weltweit zur Routine abgewickelt, die Zahl der Wettbewerbe ist gewaltig gestiegen, sie haben oft die Funktion des Durchlauferhitzers zwischen Studium und einem breiteren (oft aber nur kurzen) Wahrnehmen in der Öffentlichkeit. Der inflationäre Anstieg der Wettbewerbe führte freilich längst dazu, dass im Gegenzug die Preisträger abgewertet werden. Garant für eine große Musikkarriere konnten und wollten sie nie sein, inzwischen ist die Woge der Preisträger bei einem sich eher verknappenden Markt so angewachsen, dass man den Eindruck einer schnellen Entsorgung über ein, zwei Nachwuchskonzerte bekommt. Das gähnende Loch für manchen Künstler danach steht nicht mehr im Verantwortungsbereich der Wettbewerbs-Maschinerie.
Aber so leicht sollte man es sich in Zukunft nicht machen. Die Veranstaltung eines Wettbewerbs hat auch moralische Implikationen, man ist den Künstlern gegenüber verantwortlich. Natürlich kann es nicht der Weg sein, dass die Ausgezeichneten gleichsam gehätschelt werden, dass sie vom Wettbewerb weg in ein Vermarktungsnetz fallen, aus dem sie sich nicht mehr entwirren können. Solche Schritte können allenfalls flankierende Maßnahmen sein. Viel wichtiger erscheint es, dass sich ein Wettbewerb den Verflechtungen von Vermarktungsstrukturen entzieht, dass er für sich selbst stets den gegenwärtigen Kunstbegriff, seine Probleme, seine Potenzen aufs Neue definiert und danach seine Struktur ausrichtet. Hier hat der Wettbewerb die Funktion von praxisnaher Weiterbildung. In diesem Umfeld wäre es auch seine Aufgabe, den Konkurrenzdruck unter den Musikern zu mildern und statt dessen die Kollegialität, das Miteinander zu fördern. Auch das Wahrnehmen und Berücksichtigen von Individualität, die von den Nivellierungsaspekten mancher Wettbewerbe oft gefährdet beziehungsweise auf profunde technische Bewältigung umgelenkt wurden, gilt es stärker in den Vordergrund zu rücken.
Ein Musikwettbewerb der Zukunft sollte also deutlich an einer eigenen Physiognomie arbeiten, er sollte Charakter zeigen und nicht zum bloßen Stadion der Auseinandersetzung mit Messlatten, mit Regelbeobachtern verkommen. Es darf angenommen werden, dass Christoph Poppen, dessen sensible Programmgestaltung beim Münchener Kammerorchester immer wieder kreative und kommunikative Akzente setzt, dafür ein höchst geeigneter Mann ist. Beim diesjährigen Wettbewerb war die Strukturierung freilich schon festgeschrieben. Poppen konnte auf den Verlauf nur bedingt eingreifen, erst im nächsten Jahr werden seine Handschrift, vor allem auch das charakterisierende Ambiente deutlicher zutage treten.
Einiges ist in Planung. So soll der Wettbewerb, der bekanntlich alle relevanten musikalischen Fächer einbezieht, von fünf Kategorien (in diesem Jahr waren es Violine, Violoncello, Saxophon, Schlagzeug und Bläserquintett) auf vier reduziert werden. Das hat nicht nur, nicht einmal in erster Linie organisatorische Gründe. Poppen erwartet sich dadurch – die Zeitspannen zwischen Wettbewerben der gleichen Kategorie werden ja größer – eine Hebung von Anspruch und Niveau, die letztlich dann auf den Status des ARD-Wettbewerbs zurück- wirkt. Ein weiterer Neuerungsvorschlag, der schon diesmal praktiziert wurde, ist das Hinzuziehen des Münchener Kammerorchesters, mit dem die Kandidaten ohne Dirigenten musizieren sollen – ein Verfahren, das sich vor allem für barocke und frühe klassische Werke anbietet. Idee ist es, die individuelle Interpretationsidee des Teilnehmers noch deutlicher hervorzuarbeiten und zugleich dessen musikalisch-kommunikative Fähigkeiten herauszufordern. Mit einer Arbeits- und einer Generalprobe stand dafür auch eine angemessen reichliche Zeit zur Verfügung. Des Weiteren plant Poppen eine deutliche Aufwertung der zeitgenössischen Musik, ab dem nächsten Jahr werden auch Kompositionsaufträge (vorerst an Reimann, Kagel, von Bose und Rihm) für die einzelnen Fächer vergeben. Dafür freilich gälte es, die Probenzeiten vor allem des BR-Symphonieorchesters auszubauen und darum will man auch kämpfen.
Freilich: Das sind noch keine unbedingt sensationellen Neuerungen. Poppen weiß, dass Umwertungen Behutsamkeit brauchen, dass sie auch die Erfahrungen des Einlebens benötigen. Akzente der Bewegung aber werden gesetzt und man darf es Poppen glauben, dass sie nicht sofort wieder zum Stillstand kommen wird. Dazu gehört auch, dass für nächstes Jahr ein größeres Abschlussfest auch für die ausgeschiedenen Musiker ins Auge gefasst wird. Man ist eine Gemeinschaft – vielleicht lässt sich aus diesem Geiste heraus am schlüssigsten ein Wettbewerb der Zukunft andenken.