In den 1920er-Jahren erregten die pianistischen Auftritte von George Antheil solche Aufregung im Publikum, dass er sich angewöhnte, eine „kleine, hässliche, schwarze Gangsterpistole“ auf den Flügel zu legen, bevor er zu spielen anfing. Nicht nur deswegen trug er den Spitznamen „Bad Boy of Music“.
In einer Zeit des endlosen Lamentierens und vor allem entsetzlicher Humorlosigkeit in der zeitgenössischen Musik ist der Bad Boy, George Antheil selber, wieder auferstanden, um seine Pistole auf das Gelaber und die Klischees der Szene zur richten. Diesmal ist die Pistole allerdings geladen.
„Oh, holder Traum“!
Im Bett liegt Hänschen Neu, Musikkritiker und Verkünder einer neuen und besseren Welt, und träumt von der Zukunft.
Was er da alles so sieht!
Alles ist im 21. Jahrhundert so gekommen, wie er es stets im Feuilleton gefordert hat: Die Neue Musik mit großem „N“ hat ihren Siegeszug angetreten. Was vorher die Mehrheit der Bevölkerung dazu bewog, das Fernsehen beziehungsweise das Radio bei Erklingen sofort auszuschalten, ist nun anerkanntes Kulturgut der Menschheit geworden und wird weltweit bewundert. Schönberg hat, wenn auch etwas verspätet, Recht behalten. Auf der Straße werden lustige Zwölftonmelodien gepfiffen und die Vorherrschaft der Deutschen Musik ist auf Jahrtausende gesichert.
In den Opernhäusern – die nun nicht mehr so heißen, sondern „Forschungsstätten experimentellen Musiktheaters“ – wird das stets zahlreich erscheinende Publikum von den Statuen der größten kritischen experimentellen Musiktheaterkomponisten begrüßt. Über den Köpfen der Zuschauer hängen feierlich die Schriftzüge „Lachenmann“, „Nono“, „André“, apart umrahmt von kleinen Stuckengelchen, und andächtig lauscht man den knispelnden Klängen und betrachtet ergriffen, wie sich schwarze Quadrate von links nach rechts schieben.
Taschentücher sind natürlich nicht mehr notwendig.
Donaueschingen ist das neue Bayreuth. Nachdem per Dekret die Existenz der Donaueschinger Musiktage bis ins Jahr 2500 vom Staat gesichert wurde, pilgern Stars und Sternchen der Szene zu jahrelang vorher ausverkauften Werkstattgesprächen mit einer Computersimulation der linken Pobacke von Klaus Huber, während sich draußen Massenschlägereien um Restkarten abspielen.
Schon im Kindergarten lernen die Kleinen, dass jede beliebigen zwei Töne beziehungsweise Geräusche potentiell „inherentes Melos akkumulieren“ und verbringen ihre Zeit damit, komplexe mikrotonale Sequenzen mittels selbst erfundener Regeln zu basteln (wobei der Hauptspaß darin besteht, sich die-se Regeln so interessant zu erklären, dass das tatsächliche Singen der Melodien nicht mehr nötig ist). Anstatt „Hänschen Klein“ und „Bi-Ba-Butzemann“ heißen die neuen Kinderlieder „Ausgehöhlte Struktur III“ oder „… Den Impuls zum Kinderliedsingen erst empfinge …“. Die inzwischen als zu simpel geächteten Werke von Ferneyhough werden als Schlaflieder verwendet.
Aus all diesen Kindern werden später hochintelligente und politisch aktive Erwachsene, die jede Uraufführung mit großer Dringlichkeit wahrnehmen und als persönlichen Aufruf zum Handeln begreifen (so erzeugt z.B. das neue Werk „Der Kampf geht weiter“ des in einer eisernen Lunge aus Berliner Dachrinnen am Leben erhaltenen Matthias Spahlinger enorme Betroffenheit und Bestürzung in der doch nunmehr schon längst 100 Prozent marxistischen Bevölkerung).
Das reine Nebenbeihören von Musik ist geächtet, ebenso wie Musikbeschallung jeglicher Art. Tanzmusik wird geduldet, aber nur wenn sie von großer innerer Gespanntheit ist, von hoher Bewusstheit, die viel von den Schwierigkeiten mitteilt, mit einem Kunstwerk auf die ästhetischen Herausforderungen einer immer komplizierteren und komplexeren Gegenwart zu „antworten“ (Gerhard Rohde, auch die Anführungszeichen).
Die meisten DJs haben angesichts dieser unmöglichen Forderung allerdings sicherheitshalber vorher Selbstmord begangen.
Mitsingen jeglicher Melodien ist verpönt, es sei denn man füge einen bisher ungehörten Kontrapunkt hinzu, der den Klang von innen aushöhlt und seine Zerschlissenheit und Überkommenheit schonungslos offenlegt (Manuel Brug, „Bekenntnisse der Neuen Musik“).
Elvis und die Beatles sind in Vergessenheit geraten, stattdessen heißen die ewigen Boy- und Girlgroups der Zukunft „New Widmanns on the Woodblock“ oder „N’Pyntsch“, und wenn der inzwischen 100-jährige Jörg Widmann ein zartes Zuzelgeräusch auf der Klarinette erzeugt, fallen tausende von weiblichen Teenies in Ohnmacht – stehen aber gleich danach wieder auf, da sie dieses Verhalten als „geradezu anachronistisches Selbstzitat einer überwindbaren Überwältigung“ begreifen.
Schließlich und endlich gibt es nichts anderes mehr als Neue Musik – alle weiteren Arten von Musik sind ausgerottet oder lassen sich freiwillig einverleiben. Das Hören ist perfektioniert – in Universitäten werden Zwangskurse des Hörens („Happy New Hearing“) angeboten, und mit neuen computermodifizierten Ohren kann man endlich sowohl vorwärts als auch rückwärts hören und dabei auch noch beliebig viele komplexe Bedeutungsebenen auseinander halten. Während man ein neues Werk hört, wird dessen kryptischer Subtext mittels eines kybernetischen Adapters ins Gehirn hochgeladen, sodass dem Zuhörer auch nicht das sublimste Detail entgeht, eine Prozedur die im Volksmund „mahnkopfing“ genannt wird.
So ausgestattet kann nun wirklich jeder erkennen, dass in der Musik endlich das erreicht wurde, was Reinhard Schulz so schön formuliert: „… alles im Widerspruch und zu höherer Einheit strebend, die letztlich wieder die Stille ist.“ Das ist zwar totaler Quatsch, ist aber gerade deswegen so „faszinierend“ (Mr. Spock).
Und die Menschheit ist gerettet. Alles könnte so schön sein.
In diesem Moment klingelt aber der Radiowecker und Hänschen Neu wacht zu den Klängen eines Jingles auf. Im Jahre 2008.
Ach, armes Hänschen Neu, ich glaube, du hast einfach nur geträumt. Du wachst auf in einer Welt, die schon jetzt das absolute Gegenteil deiner kühnsten Träume ist. Und wenn ich ehrlich bin: In der von dir erträumten Welt würde ich bestimmt nicht leben wollen. Dagegen wäre das Ozeanien in „1984“ eine Art Ferienparadies für lockere Aussteiger.
Ich weiß, ich weiß – die so genannte „Neue Musik-Szene“ kämpft um ihren Platz an den öffentlichen Töpfen, und da muss hier und da mal übertrieben und bei den Formulierungen übers Ziel hinausgeschossen werden. Dennoch muss die Szene auch damit rechnen, dass das, was ihre Protagonisten so munter allerorten von sich geben, auch mal für bare Münze genommen wird. Und wenn man das tut, packt einen schon mal das kalte Grausen.
Viele Komponisten lieben es zum Beispiel zu argumentieren, dass es ja nicht an ihnen läge, dass keiner ihre Musik hören möchte, sondern daran, dass es so wenig „ideale Hörer“ gäbe, ja, dass das Hören an sich durch übermäßigen Popkonsum verkommen sei.
Ich will aber nicht von euch zum „idealen Hörer“ umerzogen werden, den eure Musik anscheinend braucht. Ich hacke mir ja auch nicht die Zehen ab, damit ich in einen zu engen Schuh passe. Und Volkserziehung war mir schon immer ein etwas suspekter Begriff.
Wenn’s öd ist, ist es halt öd, da hilft kein intellektueller Überbau.
Nein, ich verweigere mich euren Allmachtsphantasien der musikalischen Totaldurchdringung. Ich bin Künstler geworden, weil ich die Freiheit liebe, und da möchte ich mir nicht vorschreiben lassen, wie ich zu hören habe.
Während viele Komponisten ihre Zeit mit der Selbststilisierung zum Propheten einer neuen musikalischen Ideologie vergeudet haben, ist unsere gute und halt auch schon sehr alte zeitgenössische Musik zum Randphänomen geworden, allerdings zu einem Randphänomen, das diesen Rand nie wieder verlassen wird, zu einer Fußnote der Geschichte.
Wenn nicht schnell etwas passiert.
Und das hat auch damit zu tun, was du im Feuilleton so von dir gibst, Hänschen Neu.
Wenn du nicht bald lernst, dass dein oft schwülstiges Pseudogelaber dich nicht sexy macht, wenn du nicht schleunigst begreifst, dass nicht alles hinterfragt und gebrochen werden muss, um Gültigkeit zu haben, wenn du nicht endlich einsiehst, dass Lebendigkeit, Humor, Frische, Wärme, Esprit, Witz, ja auch Sentimentales und vor allem unmittelbare Fasslichkeit mehr zur Verbreitung klassischer Musik beigetragen haben als die tausend Adornozitate, die du wie eine heilige Oblate auf der Zunge trägst.
Musik, egal welche, lebt nur durch ihre Hörer, und die Neue Musik hört sich schon seit einiger Zeit nur noch selbst zu. Findest du nicht, dass es nichts Erbärmlicheres gibt als Kunst von Experten für Experten? Ich schon.
Mein Gefühl sagt mir untrüglich, dass es so nicht mehr weiter geht.
„Es ist genug“, Hänschen Neu.
Versteh mich nicht falsch – ich interessiere mich sehr für heutige Musik, Musik die mich überwältigt, die mich überrascht, die mich fordert und in unbekannte Regionen entführt, Musik, die aus der Entwicklung der Polyphonie in Europa hervorging, die aus einer reichen Tradition von Partituren und musikalischer Überlieferung schöpft. Musik, die mehr will als dem Kommerz zu dienen oder Untermalung zu sein, die liebe ich auch, genauso wie du. Schade nur, dass die interessanteste dieser Musik inzwischen größtenteils außerhalb der von dir so geliebten und gehegten Experimentalstudios und Festivals stattfindet. Und über deine riesigen Scheuklappen riskierst du nur selten einen Blick.
Du liebst viel zu sehr deinen eigenen Status Quo einer selbstgesättigten „Moderne“, die es inzwischen an Spießigkeit mit jedem Pudelzüchterverein aufnehmen kann. Die von dir gezüchteten komponierenden Pudel stinken schon ein wenig, genauso wie deine Definition des „Neuen“ schon Schimmel ansetzt. Du erkennst das wirklich Neue schon lange nicht mehr, weil du immer schon vorher weißt, wie es zu klingen hat.
Erinnere dich an die goldenen Zeiten, vor einem halben Jahrhundert, als Neue Musik noch eine gewisse gesellschaftliche Relevanz besaßt, als Stockhausen sich mit den Beatles fotografieren ließ, als Berio „Oh, King!“ schrieb. Natürlich wäre dir solch Populismus heute zutiefst zuwider, aber weißt du was, Hänschen Neu, das war die Zeit, wo wir zum vielleicht letzten Mal so richtig interessant waren. Danach ging’s nur bergab.
In diesem Sinne, Hänschen Neu: pass auf! Pass auf, was du so in der nächsten Zeit treibst. Es könnte sein, dass ich, der „Bad Boy Of New Music“, herzlich darüber lachen muss. Und ok, wenn du willst, hole ich auch die gute alte Pistole raus. Nur für dich. Der guten alten Zeiten zuliebe.
Ich schau dir in die Augen, Kleiner.
Ab jetzt jeden Monat auf diesen Seiten.