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Franz Liszt. Photographie, April 1886, von William & Daniel Downey (Sammlung Ernst Burger). Aus dem Buch: „Franz Liszt. Leben und Sterben in Bayreuth“ von Ernst Burger, Regensburg (ConBrio) 2011
Franz Liszt. Photographie, April 1886, von William & Daniel Downey (Sammlung Ernst Burger). Aus dem Buch: „Franz Liszt. Leben und Sterben in Bayreuth“ von Ernst Burger, Regensburg (ConBrio) 2011
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Ein Meister wird besichtigt: ein Streifzug durch die Neuveröffentlichungen zum 200. Geburtstag Franz Liszts

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„Unvermittelt brach er ab und wirbelte auf dem Klavierschemel herum. Außer sich starrte er auf die lächelnde Frau. ‚Was habe ich da getrunken, Madame? Das ist einfach unglaublich!’ Madame Babèrre spielte mit dem Griff ihrer Tasche. ‚Dies, Monsieur, ist die Hilfe, die ich Ihnen angedeihen lassen kann.’ Liszt war noch immer außer sich. ‚Ich vermag Passagen zu spielen, Akkorde zu greifen, wie nie zuvor. Wie geht das?’“

Man ahnt, wie es geht. Autor Michael Stradal, laut Klappentext einschlägig bekannter Verfasser „phantastischer Novellen über Musiker“, ist kein Freund des nur andeutenden Wortes. Das Geheimnis Franz Liszt? Ist dazu da, dass wir es lüften und sei es auf Teufelstastentrank-komm-raus. Wie irdisch indessen die Finger auch beim Extrem-Pianisten Franz L. laufen gelernt haben, steht instruktiv in der Liszt-Bibel von Serge Gut, Unterkapitel: Vollendete pianistische Technik. Botschaft: Liszt, ein Übe-Freak. Andererseits, Hand aufs Herz, wer würde nicht gern auch einmal vom Elixier besagter Madame Babèrre, und sei es nur ein winzig Tröpfchen, probieren wollen? „Vor jedem Auftritt ein wenig davon in ein Glas und flugs ausgetrunken. Niemand wird Ihnen zu Lebzeiten beim Klavierspielen gleich kommen. Die Menschen, insbesondere die Frauen werden Ihnen zu Füßen liegen.“

Durchs Schlüsselloch

Anders als es der tragische Agon vorsieht, darf eine rezensierende Umschau wie diese zum Liszt-Jubiläum aus gegebenem Anlass auch einmal gleich mit dem heiteren Nachspiel beginnen. Und, recht überlegt, scheint es auch gar nicht einmal ein so schlechtes Indiz zu sein, dass zu Liszt auch im 21. Jahrhundert noch immer Romänchen verfertigt werden. Bis in die aktuellen CD-Einspielungen kann man es ablesen: Liszt ist präsent. Schließlich, was den amourösen Lebensroman des Musikers angeht, so hatte dessen fortspinnende Nacherzählung schon immer Tradition. Schon zu Lebzeiten des Künstlers war es vor allem die angewandte Liszt-Literatur, die im Schwange war, weil eben das Bedürfnis schon damals groß und unabweisend war, mit dem Blick durchs Schlüsselloch dabei sein zu können, wie ein „Musikgenie und Frauen­schwarm“ (Liszt-Biograph Anton Mayer) nicht nur durch seinen Alltag kommt, sondern diesen trans-zendiert, ja, das Leben zum Fest werden lässt. Die Verkörperung eines frei-libertären, zudem ganz und gar freiberuflichen Künstlertums hat so ziemlich alles auf den Kopf gestellt, was eine auf ihren do’s und dont’s gegründete Gesellschaft im Licht des Tages zu missbilligen genötigt war. In ihren schwärmerischen Nachtseiten aber – Moral ist Doppelmoral – hat sie sich davon fasziniert gezeigt. Sich nur binden an Kunst und Freiheit, nicht an Ehe und Familie, nicht an den Staat und erst spät, dann aber so massiv, an die Religion, dass dies dann auch wieder Verwunderung, Spott, Entrüstung hervorgerufen hat. „Er verrät seine Ideale!“, hat man ihm nach der römischen Konversion zum Kleriker nachgerufen. Nein, recht machen konnte es Franz Liszt nur wenigen. Andererseits: Alle, die ihn gehört, erlebt haben, lagen ihm zu Füßen, waren begeistert – einschließlich Pius, Papst zu Rom. 

Die Leserschaft des 21. Jahrhunderts daran noch einmal teilnehmen zu lassen – dies ist wohl das wichtigste Motiv für einen anderen (vielleicht nicht ganz zufällig) ebenfalls österreichischen Autor wie Anton Mayer, ehemaliger Kulturredakteur beim ORF, Träger eines „Staatspreises für Wissenschafts­publizistik“. Mayer will Nähe schaffen und legt seine 240-Seiten-Biographie deswegen gleich als „Musikgenie und Frauenschwarm“-Anekdoten-Sammlung an. Anmerkungen? Quellen? Unnötig. Was es braucht, ist ein Namensverzeichnis, lässt es sich so doch bequem nachschlagen, wenn man mal was von einer feschen Lola im Leben des Franz L. gehört hat. Dann schlägt die Stunde des Mayer! Buchstabe M wie Montez, Lola alias Gilbert Elisabeth Rosanna: vier Verweise! Und so geht das weiter: Buchstabe D wie D’Agoult, Marie; Buchstabe S wie Sayn-Wittgenstein, Carolyne. Jeweils mehrere dutzend Stellen. Mit dem Hinweis auf einen (auch das gibt es) „Franz Liszt“ getauften Asteroiden endet die Mayer’sche Durchsicht. Fazit: „Jetzt und in Ewigkeit leuchtet dem Star ein Stern.“

Mann ohne Werk

Andererseits: An Autoren wie Mayer und Stradal lässt sich im Umkehrschluss doch ausmachen, was Minimalanforderungen an eine halbwegs fruchtbare Liszt-Literatur zu sein hätten. Irgendwie kann man mittlerweile ja schon froh sein, wenn elementarste Standards eingehalten werden, Quellen-, Literaturverzeichnisse ebensowenig fehlen wie ein Werkverzeichnis, das seinen Namen verdient. Apropos. Überaus bezeichnend scheint, dass eine der meistbesprochenen Liszt-Biographien im Liszt-Jubiläumsjahr, diejenige von Autor Oliver Hilmes, auf besagtes Verzeichnis Liszt’scher Kompositionen verzichten zu können glaubt, worin sich die frühe Verdrängung des Komponisten Franz Liszt auf fatale Weise fortsetzt. Begonnen hatte dieses eigentümliche Kannitverstan noch zu dessen Lebzeiten, wofür Liszt-Schwiegersohn Richard Wagner einer der prominentesten Kronzeugen ist. Nicht nur der „katholische“ Liszt, vor allem das experimentelle Spätwerk verfällt seinem Verdikt. Nicht zur Kenntnis nehmen, Geringschätzen. Eine Liaison, die ihr Symbol im Umstand findet, dass ein Anton Bruckner als Organist der Weimarer Begräbnisfeier ausgerechnet über Verheißungsspruch und Glaubensthema aus Parsifal fantasiert. Vor dieser Folie, die Liszt als Komponisten – sein eigentlicher Lebenstraum – gegenüber dem Virtuosen und Frauenbezirzer ausblendet, entfaltet sich Hilmes’ Biographie. Schon deren sprachliches Gewand nimmt Maß am Habit eines Late-Night-Moderators. Liszt war „Superstar“, was hier tatsächlich der Autor, nicht sein Verlag verantwortet. Und Liszts Musik? Stand, bescheidet uns Hilmes, „allenfalls in der zweiten Reihe, es ging vielmehr um Erotik und Sex-Appeal“. Abenteuerlich, wie eine Musikpublizistik, indem sie stur wie Oskar die Intentionen an den Wirkungen misst, sich ihrer wissenschaft­lichen Erdung entledigt, um so zum gefälligen Steinbruch in der Verwertungskette zu werden. Mit großen Lettern prangt Hilmes’ Sex-Zitat denn auch wieder im einleitenden Programmheft-Essay des aktuellen Bonner Beethovenfestes. Ein „Superstar“ minus Musik – das ist vor dem Hintergrund einer älteren Musikologie, die zwischen E und U noch unterscheiden wollte, wie der „Mann“ ohne „Werk“ und damit, frei nach Musil, ohne Eigenschaften. 

Blinde Flecken 

Selbst eine kleine, aber gediegene Publikumsbroschüre wie die von Wolfgang Dömling bietet immerhin noch eine „kurze Übersicht“ zu „Franz Liszts Werken“ im Kontext eines Verweises auf Standardwerke der Liszt-Literatur. Verwiesen wird auf den MGG-Artikel von Detlef Altenburg, auf Ernst Burgers „Lebenschronik in Bildern und Dokumenten“ sowie auf das Liszt-Kompendium des französischen Musikologen Serge Gut, 2009 auf Deutsch im Studio-Verlag Sinzig erschienen. Letzteres ist wie die große dreibändige Liszt-

Biographie von Alan Walker Frucht einer lebenslangen Liszt-Passion. Und so teilt der Autor ein: „Das Leben“ (300 S.), „Aspekte“ (120 S.), „Das Werk“ (200 S.), „Anhang“ (300 S.). Eine enzyklopädische Fülle, die allerdings nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass das Ausbilden, das Gewichten von Standpunkten und Meinungen die Stärke des Autors nicht ist. Gut weiß alles über Liszt – und verrät uns doch nicht, was ihm an dieser Ausnahmepersönlichkeit wichtig ist, vor allem nicht, was zu den nicht-ausgestandenen Seiten des Komponisten und Musikers gehört. „War Liszt perfekt zweisprachig?“, „Liszt und Chopin“, „Liszt und die Politik“ mögen interessante Themen sein – den Nerv der Zeit treffen sie nicht. Liszts faszinierendes kompositorisches Spätwerk beziehungsweise die Verdrängung des Komponisten Liszt ist jedenfalls kein Thema für Gut. Die blinden Flecken des Positivismus. 

Kritische Faszination

Sicher, Guts Zeittafeln, Chronologien und Analysen der Werkphasenbildung sind erschöpfend. Andererseits: Auch wenn wir bei ihm erfahren, dass beispielsweise Liszts „Czárdás macabre“ erst 1954 publiziert worden ist – ausgespart bleibt auch bei ihm, dass sich der mit Liszt befreundete Vizepräsident der Musikakademie Budapest, Janos Verebi Vegh, noch fast fünzig Jahre nach Liszts Tod über dieses Nicht-Publizieren freut. Es sei „im Interesse von des Meisters Ruf als Komponist geradezu ein Glück, dass ‚Czárdás macabre‘ unveröffentlicht blieb“. Letzteres ist nun allerdings kein Zitat aus Guts Liszt-Handbuch. Entnommen ist es vielmehr einem der wichtigsten Liszt-Bücher im Jubiläumsjahr, der Biographie der ungarischen Autorin und langjährigen Generalsekretärin der ungarischen Liszt-Gesellschaft Klára Hamburger. Erschienen auf Ungarisch 1966 im Verlag Gondolat kiadó (Gedanke) hat sich die damals 32-jährige Autorin selbst daran gemacht, eine deutsche Übersetzung vorzulegen. Diese kam erstmals im Jahr 1973 in die Buchläden. Für die Ausgabe 2010 hat der Böhlau-Verlag eine von Hamburger selbst sehr gewürdigte sprachliche Überarbeitung vorgenommen. Die damit notwendig verbundenen Ecken und Kanten nimmt man jedoch gern in Kauf, da der interessierte, kritische Liszt-Freund mit dieser Biographie einen kompetenten, informationsreichen Begleiter an die Hand bekommt. Das Buch zeigt die Faszination der Autorin für ihren Gegenstand, ohne dieser Faszination zu erliegen. Problematische Kapitel wie die Ablehnung des Komponisten Liszt nach den 1870er-Jahren in Ungarn kommen unverblümt zur Sprache, trotz der unzweideutigen Ungarn-Verbundenheit der Autorin. Und auch zum vielleicht heißesten Kapitel, dem von Liszts vermeintlichem Antisemitismus im Kontext des von Sayn-Wittgenstein unter Listzts Namen veröffentlichten „Zigeunerbuch“ („Des Bohémiens et de leur musique en Hongrie“), bleibt Hamburger keine Antworten schuldig. Natürlich findet sich in diesem durch und durch gediegenen Buch auch ein mit dem Fließtext mannigfach verzahntes Werkverzeichnis. Und was das wegweisende Spätwerk Liszts angeht, seine „Spätlese“, schreibt Hamburger, zu der sie ihre ganz persönliche Vorliebe bekennt, so prägt sie dieses luzide Wort von der „experimentellen Unabgeschlossenheit“. Ein Gewinn.

Neue Dokumente

Nicht anders im Übrigen wie der von Liszt-Kenner Ernst Burger vorgelegte jüngste Band zu „Leben und Sterben in Bayreuth“. Burger gebührt darin das Verdienst, mit der Dokumentation des Tagebuchs von Lina Schmalhausen, einer in jeder Hinsicht etwas unbedarften Liszt-Schülerin, der Forschung eine ganz neue Quelle aufgetan zu haben. Das bisher nur auf Englisch vorliegende Tagebuch, 2002 von Alan Walker herausgegeben, liegt hier erstmals in der Originalsprache vor – inklusive Korrektur der nicht unerheblichen Walker’schen Fehlerquote. Die die Handschrift des Autors kennzeichnende Mischung aus Verehrung und Verlässlichkeit (eindrucksvoll schon in der opulenten Chronik „Die Jahre in Rom und Tivoli“, 2010 bei Schott erschienen) zeigt sich hier insbesondere an einem Kapitel wie „Liszt und Wagner“, das jedwede Schwiemeligkeit meidet. Burger will Klarheit. Wagner erscheint als das, was er ist, als egomanischer, geldgieriger und (in Tateinheit mit Cosima) ehebrecherischer Schwiegersohn. Und schlussendlich gibt es auch etwas fürs Auge. Einige der von Burger zusammengestellten Fotografien sind Erstveröffentlichungen – darunter das letzte große Liszt-Porträt vom April 1886, aufgenommen wenige Monate vor seinem Tod: Franz Liszt noch einmal an seinem Instrument. Die linke Hand entspannt auf den Tasten, die schlohweiße Mähne über einem Künstlerschwarz, in dem man den römischen Abbé Franz L. fast gar nicht mehr herausliest. Denn da sind ja immer noch diese so oft gerühmt-berüchtigten blitzenden Augen. Und ein Entschlossenheits­mund, der sagt: Es gilt der Kunst. Bis zuletzt.


  • Burger, Ernst: Franz Liszt. Leben und Sterben in Bayreuth. Con Brio Verlagsgesellschaft, 154 S., Regensburg 2011, € 19,90, ISBN 978-3-940768-26-1
  • Ders: Franz Liszt: Die Jahre in Rom und Tivoli. Mainz: Schott Verlag. 232 Seiten. Mit CD (Alfred Brendel spielt Klavierwerke von Franz Liszt). ISBN 978-3-7957-0715-6, € 49,95
  • Dömling, Wolfgang: Franz Liszt. C.H.Beck Wissen, 2011, 102 S., € 8,95 ISBN 978-3-406-61195-7
  • Gut, Serge: Franz Liszt. Musik und Musikanschauung, Studio Verlag Sinzig 2009, 928 S., € 68,- ISBN 978-3-89564-115-2
  • Hamburger, Klára: Franz Liszt. Leben und Werk, Böhlau Verlag, Wien 2010, 279 S.n, € 24,90  ISBN 978-3-412-20581-2 
  • Hilmes, Oliver: Liszt. Biographie eines Superstars, Siedler Verlag, 432 S. € 24,99
  • Mayer, Anton: Franz Liszt. Musikgenie und Frauenschwarm, Amalthea Signum Verlag, Wien 2010, 242 S., € 22,95, ISBN 978-3-85002-719-9
  • Stradal, Michael: Franz Liszt und das Ge­­schenk der Madame Babèrre. Eine phantastische Novelle, edition roesner 2011, 160 S., Hardcover, ISBN 978-3-902300-52-2, € 21,50

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