Bildungshungrige im Mittelalter hatten es zumindest in dieser Hinsicht leichter: Ein weitgehend einheitliches System von Studienabschlüssen sowie Latein als gemeinsame sprachliche Basis ließen die Bakkalauren von einst zu mustergültig mobilen Europäern werden. Mit Englisch steht heutzutage eine ähnlich verbreitete Sprachgrundlage zur Verfügung, beim Studium selbst ist die Situation allerdings so verwirrend, dass selbst ein von der Europäischen Hochschulrektorenkonferenz eigens in Auftrag gegebener Bericht zu dem lapidaren Ergebnis kommt, auf der Basis der unterschiedlichen Bildungssysteme sei die Vielfalt der Studiengänge eigentlich zu komplex, um sie miteinander zu vergleichen (der dennoch unternommene Versuch ist im Internet nachzulesen unter http://www.unige.ch/cre/
Wie kann aber auch die große Mehrzahl (über 90 Prozent) der Studierenden, die nicht in den Genuss eines Auslandsaufenthalts kommt, einen Einblick in den Umgang bekommen, den andere europäische Länder mit ihrem Fach pflegen? Gastvorträge von Starprofessoren sind hier sicherlich nur bedingt hilfreich, oft dienen sie lediglich der Image- und Kontaktpflege des einladenden Hochschullehrers. Fruchtbarer dürften regelmäßige und zumindest in etwas längeren Blöcken angelegte Kurse ausländischer Dozenten sein. Und auch hier müsste das ECTS Anwendung finden, denn nur eine Veranstaltung, bei der zählbare Ergebnisse eingefahren werden können, hat Aussicht, von mehr als den zur Teilnahme verdonnerten Institutsmitgliedern besucht zu werden.
Das Reizwort Bachelor als eine Art Schmalspur-Magister scheint im geisteswissenschaftlichen Bereich noch nicht die Relevanz zu besitzen wie in anderen Disziplinen. Von der Einführung solcher Studienangebote erwartet sich offenbar kaum jemand eine Differenzierung der Studentenzahlen oder eine gesteigerte Attraktivität für ausländische Interessenten. Die wirtschaftlichen Argumente ziehen hier ebenfalls nicht so recht: Wo schon der Magister kaum etwas zählt, was soll da der Bachelor?
Auch dass ganze Studiengänge europaweit vereinheitlicht werden, ist gerade in den Geisteswissenschaften weder zu erwarten, noch wäre es wünschenswert. Natürlich ist es nicht unproblematisch, wenn etwa deutsche Studierende der Musikwissenschaft in Länder kommen, in denen das Fach nicht Bestandteil eines Studienganges in Verbindung mit einem oder zwei ganz anderen Fachrichtungen ist, sondern lediglich eine Spezialisierung innerhalb eines umfassenderen, für sich stehenden Musikstudiums. So gehört etwa in England die Ausbildung am Instrument, in Musiktheorie und Komposition mit zu einer Art Grundstudium, auf das sich erst in einem zweiten Schritt ein Schwerpunkt Musikgeschichte aufbauen kann. Doch bietet ein Einblick in ein solches System auch die Chance, zu erkennen, wie Gebiete, die sich hierzulande durch die Aufspaltung in Musikhochschule und Universität eher auseinander entwickeln, in einen fruchtbaren Dialog treten können. Auch dass beim Leistungsnachweis in England nicht auf wenige lange Seminararbeiten, sondern auf kürzere Essays sowie Prüfungen zurückgegriffen wird, heißt keineswegs, dass man davon nicht profitieren könnte. Diese Anforderungen sind möglicherweise sogar stärker an den Arbeitsweisen orientiert, die sich später neben der rein universitären Laufbahn für Musikwissenschaftler als Berufsperspektive anbieten. Wahrscheinlich geben also gerade die Unterschiede in der Hochschulausbildung, die immer auch Ausdruck einer anderen kulturellen Tradition sind, einem Studium im Ausland erst ihren Sinn.
Bleibt die Frage nach der Finanzierung: Solange die Sätze des Erasmus/Socrates-Programms nicht einmal den Mehraufwand decken, den ein Auslandsstudium mit sich bringt, wird wohl – neben den durch Stipendien geförderten Hochbegabten – nur der Nachwuchs der Besserverdienenden diese Chance überhaupt ergreifen können. Nicht die besten Voraussetzungen für ein zusammenwachsendes „Europa des Wissens“.