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Ein vereintes Europa des Wissens schaffen

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Europaweit studieren: Grenzen und Chancen der Mobilität
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Bildungshungrige im Mittelalter hatten es zumindest in dieser Hinsicht leichter: Ein weitgehend einheitliches System von Studienabschlüssen sowie Latein als gemeinsame sprachliche Basis ließen die Bakkalauren von einst zu mustergültig mobilen Europäern werden. Mit Englisch steht heutzutage eine ähnlich verbreitete Sprachgrundlage zur Verfügung, beim Studium selbst ist die Situation allerdings so verwirrend, dass selbst ein von der Europäischen Hochschulrektorenkonferenz eigens in Auftrag gegebener Bericht zu dem lapidaren Ergebnis kommt, auf der Basis der unterschiedlichen Bildungssysteme sei die Vielfalt der Studiengänge eigentlich zu komplex, um sie miteinander zu vergleichen (der dennoch unternommene Versuch ist im Internet nachzulesen unter http://www.unige.ch/cre/

Konturen verschwimmen bei rasantem Tempo; Foto: Martin Hufner

Mobilität ist eines der Zauberwörter, wenn es darum geht, Eigenschaften zu benennen, die der Arbeitnehmer von heute mitzubringen habe. Die Grenzen in Form familiärer oder persönlicher Bindungen, die dem entgegenstehen, spielen dabei kaum eine Rolle, jedenfalls nicht im Bewusstsein der Politiker, die eigentlich mit dafür verantwortlich wären, Arbeit dort zu schaffen, wo sie gebraucht wird. Auf einer geographisch weiter ausgreifenden Ebene läuft es in der universitären Ausbildung ganz ähnlich: Schon der Studierende der Geistes-, oder wie es heute fortschrittlich heißt, der Kulturwissenschaften bekommt gebetsmühlenartig die Mahnung zu hören, nur wer im Ausland studiert habe, sei ein ernst zu nehmender Kandidat für die dünn gesäten Spitzenjobs. Die Grenzen, an die die Mobilität dabei stößt, sind dann allerdings oft weniger die persönlichen als die der universitären Eurokratie. Hier hätte also eine europäische Bildungspolitik verstärkt anzusetzen, die sich ihrem kulturellen Auftrag bewusst ist, anstatt der Auffassung Vorschub zu leisten, die Fähigen setzten sich ohnehin durch. Bildungshungrige im Mittelalter hatten es zumindest in dieser Hinsicht leichter: Ein weitgehend einheitliches System von Studienabschlüssen sowie Latein als gemeinsame sprachliche Basis ließen die Bakkalauren von einst zu mustergültig mobilen Europäern werden. Mit Englisch steht heutzutage eine ähnlich verbreitete Sprachgrundlage zur Verfügung, beim Studium selbst ist die Situation allerdings so verwirrend, dass selbst ein von der Europäischen Hochschulrektorenkonferenz eigens in Auftrag gegebener Bericht zu dem lapidaren Ergebnis kommt, auf der Basis der unterschiedlichen Bildungssysteme sei die Vielfalt der Studiengänge eigentlich zu komplex, um sie miteinander zu vergleichen (der dennoch unternommene Versuch ist im Internet nachzulesen unter http://www.unige.ch/cre/. Doch ist Vieles im Fluss und lässt für die Zukunft verbesserte Bedingungen beim europaweiten Uniwechsel erwarten. Einige Aspekte im Einzelnen: Welche Arten von Veranstaltungen, also Vorlesungen oder Seminare, sind europaweit vergleichbar, und was tun, wenn sie ihrem Wesen, nicht aber ihrem Niveau nach einander entsprechen? Von Regelungen abgesehen, die zwischen einzelnen kooperierenden Hochschulen bestehen und eben nur mal besser, mal schlechter funktionieren, verspricht hier ein Punktesystem Abhilfe: das „European Credit Transfer System“ (ECTS). Von der EU gefördert, haben seit einiger Zeit die einzelnen Fachbereiche an den Universitäten die Möglichkeit, nach gemeinsamen Richtlinien festzulegen, wie viel die von ihnen angebotenen Studieneinheiten „wert sind“. Kommt der Studierende dann von einem solchen Fachbereich im Ausland an seine Uni zurück, bekommt er die erarbeiteten Punkte gutgeschrieben – vorausgesetzt hier werden die zu erbringenden Studienleistungen nicht nur stur nach der Zahl der absolvierten Seminare und Übungen anerkannt, sondern auch nach eben diesem Punktesystem.

Wie kann aber auch die große Mehrzahl (über 90 Prozent) der Studierenden, die nicht in den Genuss eines Auslandsaufenthalts kommt, einen Einblick in den Umgang bekommen, den andere europäische Länder mit ihrem Fach pflegen? Gastvorträge von Starprofessoren sind hier sicherlich nur bedingt hilfreich, oft dienen sie lediglich der Image- und Kontaktpflege des einladenden Hochschullehrers. Fruchtbarer dürften regelmäßige und zumindest in etwas längeren Blöcken angelegte Kurse ausländischer Dozenten sein. Und auch hier müsste das ECTS Anwendung finden, denn nur eine Veranstaltung, bei der zählbare Ergebnisse eingefahren werden können, hat Aussicht, von mehr als den zur Teilnahme verdonnerten Institutsmitgliedern besucht zu werden.

Das Reizwort Bachelor als eine Art Schmalspur-Magister scheint im geisteswissenschaftlichen Bereich noch nicht die Relevanz zu besitzen wie in anderen Disziplinen. Von der Einführung solcher Studienangebote erwartet sich offenbar kaum jemand eine Differenzierung der Studentenzahlen oder eine gesteigerte Attraktivität für ausländische Interessenten. Die wirtschaftlichen Argumente ziehen hier ebenfalls nicht so recht: Wo schon der Magister kaum etwas zählt, was soll da der Bachelor?

Auch dass ganze Studiengänge europaweit vereinheitlicht werden, ist gerade in den Geisteswissenschaften weder zu erwarten, noch wäre es wünschenswert. Natürlich ist es nicht unproblematisch, wenn etwa deutsche Studierende der Musikwissenschaft in Länder kommen, in denen das Fach nicht Bestandteil eines Studienganges in Verbindung mit einem oder zwei ganz anderen Fachrichtungen ist, sondern lediglich eine Spezialisierung innerhalb eines umfassenderen, für sich stehenden Musikstudiums. So gehört etwa in England die Ausbildung am Instrument, in Musiktheorie und Komposition mit zu einer Art Grundstudium, auf das sich erst in einem zweiten Schritt ein Schwerpunkt Musikgeschichte aufbauen kann. Doch bietet ein Einblick in ein solches System auch die Chance, zu erkennen, wie Gebiete, die sich hierzulande durch die Aufspaltung in Musikhochschule und Universität eher auseinander entwickeln, in einen fruchtbaren Dialog treten können. Auch dass beim Leistungsnachweis in England nicht auf wenige lange Seminararbeiten, sondern auf kürzere Essays sowie Prüfungen zurückgegriffen wird, heißt keineswegs, dass man davon nicht profitieren könnte. Diese Anforderungen sind möglicherweise sogar stärker an den Arbeitsweisen orientiert, die sich später neben der rein universitären Laufbahn für Musikwissenschaftler als Berufsperspektive anbieten. Wahrscheinlich geben also gerade die Unterschiede in der Hochschulausbildung, die immer auch Ausdruck einer anderen kulturellen Tradition sind, einem Studium im Ausland erst ihren Sinn.

Bleibt die Frage nach der Finanzierung: Solange die Sätze des Erasmus/Socrates-Programms nicht einmal den Mehraufwand decken, den ein Auslandsstudium mit sich bringt, wird wohl – neben den durch Stipendien geförderten Hochbegabten – nur der Nachwuchs der Besserverdienenden diese Chance überhaupt ergreifen können. Nicht die besten Voraussetzungen für ein zusammenwachsendes „Europa des Wissens“.

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