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Einsam, zerbrechlich und unsterblich

Untertitel
Tanztheater in Aktion · Fotoband über Pina Bausch
Publikationsdatum
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Pina Bausch – nur du. Ursula Kaufmann fotografiert Pina Bausch und das Tanztheater Wuppertal. Verlag Müller + Busmann, Wuppertal, 1998. 160 Seiten mit 145 farbigen Abbildungen, 68 Mark. linie.gif (77 Byte) Ursula Kaufmann aus Essen ist sich der Widersprüchlichkeit des Unterfangens bewusst, Bewegung und Szene im einzelnen, stehenden Bild festzuhalten und im Ausschnitt zugleich ein Ganzes zu dokumentieren. 15 Jahre nunmehr ist sie als Fotografin im Genre Tanz in der Szene und den Fachperiodika präsent – vor einem Vierteljahrhundert sah sie erstmals das Ensemble der Bausch. Wer ihr Buch aufschlägt, den zieht das Bilder-Werk auch ohne Spezialkenntnis einer der beiden Künste sofort in den Bann. Die Fotos sprechen: Figuren und Charaktere scheinen bewegt, belebt, Gestik und Tempi der Szenen wirken authentisch gebannt. Nicht das Einzelporträt dominiert, vielmehr die Ensembles. Die belichtete Situation scheint aus dem Moment heraus rekapitulierbar, das Theater-Erlebnis selbst drängt sich geradezu auf. Werkchronologisch sortiert, dokumentieren die insgesamt 143 farbigen Fotografien 21 Stücke oder 25 Jahre des weltberühmten Ensembles – darüber hinaus beansprucht die bildjournalistische Arbeit zumindest partiell einen eigenen Beitrag zur Kunst aktueller Theaterfotografie. Letzteres gelingt bezüglich beiderlei Frühwerk: das Experimentelle der ers-ten Wuppertaler Stücke der Bausch korrespondiert mit technischem Experimentieren der Fotografin, die hinsichtlich Farbe, Sujetwahl und Dramatik eigene Gestaltungsansprüche erhebt. Die Körper schreiben einen Text, der sich der Publikation verwehrt, die Bilder wirken im betrachtenden Auge wie ein Dorn. Was Heiner Müller Anfang der 80er dem Theater der Bausch attestierte, scheint eingelöst in diesen „Bildern von Bildern“: also zum Frühlingsopfer, zu Café Müller, zu Orpheus und Eurydike und zu Iphigenie auf Tauris. Später fehlt dieser Dorn: den Fotografien, nicht folglich den Stücken. Das Kuriosum der Pose tritt an die Stelle der erschütternden Szenerie, der szenische Gag oder/und ein tänzerisch artifizielles Moment ersetzen soziale Beklemmung und Schmerz. Kostüm und Ausstattung, Farbe und schließlich größtmögliche Authentizität aller Äußerlichkeit erlangen Vorrang sowohl vor der theatralischen wie der fotokünstlerischen Idee. Rückt man Kaufmanns fotografisches Material vom dominierenden Stoff, den Mythen und Mimen des Bausch’schen Theaters gewaltsam ein gewisses Stück ab, dann eröffnet der Band mit steigender Seitenzahl nicht nur wachsende Banalität, sondern Botschaften noch gänzlich anderer Art. Rein quantitativ, konkret etwa im Verhältnis von 2:1, favorisiert die Bildauswahl Gesichter und Körper von Frauen. In Szene gesetzt sind weibliche Typen, und hinter diesen wirkt als ideologischer Subtext ein bestimmtes Geschlechter-Ideal. Nicht die emanzipierte, selbstständige, selbstbestimmte Frau wird hier imaginiert, sondern ein tragischer, leidender, introvertierter, dabei durchaus lasziver und exhibitionistischer Typ. Die dergestalt präsentierte Erotik wirkt wie die eines Opfers, und in der Verführungsfunktion der beschädigten Frau werden in erster Instanz hierarchische Geschlechter- und Partner-Modelle sanktioniert. Tango, Rosen und Striptease dienen als nostalgisches Beiwerk; in Frisuren, Mode und Schuhwerk sind gewiss Stil, Charme und das gute Benehmen – in erster Instanz jedoch Trieb-Phantasien der 20er-, 30er-, 40er-Jahre präsent. Solcherlei Sehnsucht nach Gestern gehört prinzipiell zu den Mythen, die Fan- und Anhängerscharen in jeder Bausch-Vorstellung neu reproduzieren. Im schönen, geschönten Kunst-Stück der Fotografie erhält all dies Ewigkeit; festgeschrieben wird eine erwünschte Legende. Vom Sprengstoff, vom radikal Unversöhnlichen, von den Utopien der Figuren und lebendigen Tänzerinnen und Tänzer im Tal an der Wupper verliert sich dabei manche Spur.

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