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Zwischen Routinefallen
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War mein Eindruck falsch? Dass nämlich das deutsche Konzertleben langweilig sei, museal verstaubt und dringend einer Vitaminspritze bedürfe? Dass insbesondere die Kinder dabei auf der Strecke blieben? Auf dem Kongress „Neue Wege für junge Ohren“ zeichnete sich ein ganz anderes Bild ab: Was hier an bunten und vielfältigen Ideen zum Thema „Konzerte für Kinder“ zusammenkam, war enorm. Bereits im vorgeschalteten Wolfenbütteler Labor „Kinderkonzert“ hatten wir ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Über provokative Aufgabenstellungen sollte kreatives Vermittlungspotenzial gelockt, zur Repertoire-Erweiterung verleitet werden – doch wir rannten offene Türen ein.

War mein Eindruck falsch? Dass nämlich das deutsche Konzertleben langweilig sei, museal verstaubt und dringend einer Vitaminspritze bedürfe? Dass insbesondere die Kinder dabei auf der Strecke blieben? Auf dem Kongress „Neue Wege für junge Ohren“ zeichnete sich ein ganz anderes Bild ab: Was hier an bunten und vielfältigen Ideen zum Thema „Konzerte für Kinder“ zusammenkam, war enorm. Bereits im vorgeschalteten Wolfenbütteler Labor „Kinderkonzert“ hatten wir ganz ähnliche Erfahrungen gemacht. Über provokative Aufgabenstellungen sollte kreatives Vermittlungspotenzial gelockt, zur Repertoire-Erweiterung verleitet werden – doch wir rannten offene Türen ein.Wohlgemerkt: bei den angereisten Kursteilnehmern und Kongressbesuchern. Denn wer sich einmal auf den Weg nach Wolfenbüttel oder Weikersheim gemacht hatte, der musste von der Notwendigkeit von Musikvermittlung nicht mehr überzeugt werden. Beim Informationsaustausch zeichnete sich eine Tendenz ab: Nicht immer steht die theoretische Diskussion um das, was ein „gutes“ Kinderkonzert ausmacht, im Vordergrund. Vielfach geht es um ganz pragmatische Belange, um realisierbare und effiziente Vermittlungsstrategien. Dabei werden freilich nicht gleich alle Ansprüche über Bord geworfen. Im Alltag aber lassen sich Kinderkonzerte nur in Ausnahmefällen wirklich frei von vorne bis hinten durchgestalten. Die Ressourcen sind knapp, die Vorgaben eng.

Etwa in den Berufsorchestern: Hier wird der Spielplan zumeist vom Intendanten, dem GMD oder dem Chefdramaturgen gemacht. Kinderkonzerte – so sie denn überhaupt stattfinden – sind vielfach Abfallprodukte: Auskoppelungen aus dem normalen Programm, für die Musiker eher Generalprobe oder Testlauf, nicht Hauptsache. Dennoch finden sich gerade hier auch solche Dramaturgen und Orches-termusiker, die durchaus Ideen hätten und sich auch engagieren würden – nur man lässt sie nicht. Was also tun, wenn Wunschthemen sich nicht durchsetzen lassen oder letztlich gar kein Einfluss auf die inhaltliche Programmgestaltung möglich ist? Der Frust scheint vorprogrammiert. Und dennoch lassen sich auch solche engen Spielräume noch wirkungsvoll ausnutzen.

In der eigenen Arbeit habe ich beide Extreme kennen gelernt. Zum einen hatte ich die große Chance, tatsächlich Konzertprogramme für Kinder von Beginn an in großer Freiheit zu konzeptionieren und auszugestalten. Gemeinsam mit den experimentierfreudigen Musikerinnen und Musikern des Jugendorchesters Duisburg haben wir über viele Jahre hin thematische Programme entwickelt, die stets einen verfremdenden Blick auf die Musik warfen und darüber dem jungen Publikum aber auch uns selber neue Zugänge eröffneten. Umgekehrt habe ich für andere Veranstaltungen, in denen eine effiziente Arbeitsweise erforderlich war, mit Formkonzepten aus anderen Kunst- und Unterhaltungssparten experimentiert: Neben der bekannten Weltreise oder dem Zoobesuch waren das vor allem Grand Prix, Fernsehshow, Soap, Quiz et cetera. Diese Formmodelle stiften einen erzählbaren Rahmen, dessen Leerstellen relativ frei mit Musik gefüllt werden konnten. Beim Grand Prix beispielsweise blieb es den einzelnen Musikern überlassen, mit welchen Stücken sie an den Start gingen. Für musikalische Ratespiele können die Fragen, Aufgaben und Rätsel leicht aus der jeweils vorgegebenen Musik entwickelt werden.

Zwar transportieren solche Formkonzepte für sich (noch) keine Inhalte, aber sie verhelfen dazu, festgefahrene Programmroutinen aufzubrechen und zu beleben. Auch entlastet man sich von dem zwanghaften Druck, rote Fäden zu spinnen, wo keine da sind, Überleitungen zu erfinden, die dann radebrechen. Das Prinzip aber bleibt gleich: Lebendige Musikvermittlung beginnt bei der eigenen Motivation. Und die lässt sich am ehesten durch geschickte Selbstüberlistung herstellen: eine paradoxe Aufgabenstellung, einen Perspektivwechsel, den fremden Blick oder über eine ungewohnte Form, damit die Routinefalle nicht doch wieder zuschnappen kann.

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