Zwei Stunden Zugfahrt und schon ist man nicht mehr zu Hause. Das ist das Schöne an Europa. Von München nach Schwaz kommend ist das Gefühl zwar nicht extrem, aber doch deutlich spürbar. Man spricht dort deutsch – manchmal durchsetzt mit äußerst interessanten Kehllauten – aber vieles ist auch ganz anders in der Kleinstadt im Inntal zwischen über 2000 Meter hohen Bergen.
Wie geht das, ein Neue-Musik-Festival, das nicht an eine große Institution angegliedert ist, an so einem Ort mittlerweile über Jahrzehnte zu veranstalten und zu etablieren? Ganz einfach: indem man ein guter Gastgeber ist und zwar in doppeltem Sinne: Das Festival bietet den Ort, zu dem Gäste kommen, und es bietet seinem Ort diese Gäste. Kein noch so schnelles Internet kann das ersetzen: die Gäste von außen bringen Neues, sehen Dinge anders und nehmen Anregungen mit in die Welt. Auch das ist eigentlich typisch Europa, in Schwaz scheint man sich dessen nach wie vor bewusst zu sein.
Letztes Jahr war ich – als Teil des nun schon traditionellen München–Schwaz-Austauschs – eingeladen für den neuen Inntaleisenbahntunnel eine Performance zu entwickeln. Dafür habe ich – initiiert vom Festival – mit der Innsbrucker Schriftstellerin Barbara Hundegger zusammengearbeitet und dadurch einen ganz speziellen Blick auf die örtlichen Verhältnisse und Probleme werfen können, um danach meine Sicht der Dinge wiederum durch meine Arbeit an meine Gastgeber weiterzugeben – eine Feedbackschleife wie in der Live-Elektronikstimme meiner Performance. Dieses Jahr dann durfte ich als Beobachter meine Eindrücke im Internet schildern und mich die ganze Zeit in Schwaz willkommen fühlen. Sich als Gast nicht fremd fühlen zu müssen, vielleicht ist das der kleine Unterschied, auf den es ankommt.
Über die Jahre hat die Festivalleiterin Maria-Luise Mayr mit den jeweiligen künstlerischen Leitern der Klangspuren Formate entwickelt, die das Festival sowohl am Ort verwurzeln, als es auch gleichzeitig nach außen öffnen. Diese erscheinen auf den ersten Blick zum Teil vielleicht nicht spektakulär, in ihrer Kombination stellen sie jedoch etwas ganz Besonderes dar.
Da gibt es zwei Akademien, die eine, lautstark, für Kinder und Jugendliche kurz vor dem Festival, die andere, die Ensemble-Modern-Akademie, für professionelle junge Musiker innerhalb des Festivals, bei der sich vor allem auch die internationalen Gäste untereinander austauschen. Dabei kommt noch ein Gast ins Spiel: der Composer-in-Residence – diesmal George Benjamin – ein einzelner Musiker, der eingeladen ist mehr von seiner Kunst zu zeigen und mit den Musikern zu arbeiten.
Der Länderschwerpunkt – diesmal Spanien – macht es leicht zu anderen Kunstsparten Brücken zu schlagen. Literatur bot sich an, diesmal mit einem eigenen spanischen Thema ohne besonderen Zusammenhang, da sind in Zukunft sicher noch Veranstaltungen mit mehr Querbezügen drin.
Pilgerwanderung
Seit Jahren fester Bestandteil ist die Arbeit Lehrlingen. Diesmal erarbeitete ein Teil des bolivianischen Jugendorchesters Orquesta Instrumental de Instumentos Nativos mit den Laienmusikern ein Programm. Verschiedenste Menschen trafen aufeinander und doch hat es wunderbar funktioniert.
Mittlerweile ein monatelang vorher ausverkaufter Klassiker ist die sogenannte Pilgerwanderung, bei der sowohl Musiker als auch Besucher kurzfristig zu Reisenden werden und auf die Gastfreundlichkeit von kleinen Orten am Wegrand hoffen. Diesmal, bei strömendem Dauerregen, war man doppelt froh aufgenommen zu werden.
Tief eintauchen
Das Publikum ist jedes mal anderes, je nach Aufführungsort der sich in einer Innsbrucker Kneipe genauso befinden kann, wie in einer Lagerhalle oder der Schwazer Klosterkirche. Natürlich: da gibt es viel Verschiedenes in den Konzerten, nicht alles passt zusammen und nicht jede Veranstaltung ist ausverkauft - auch hier ziehen Virtuosität und Popularität manchmal mehr als Neugier vorherrscht. Aber man trifft durchaus auf Besucher, die immer tiefer
ins Festival eintauchen, ohne es geplant zu haben und so mancher Querbezug entsteht ohne großen Überbau.
Außerhalb der Festivalzeit sind die Klangspuren dann vor Ort aktiv, mit einem wöchentlichen Kinderprogramm, mit Schulprojekten und experimentellem Chorsingen für jedermann. Auch dadurch haben sie ihren festen Platz im kulturellen Leben des Inntals und ganz Nordtirol. Ich hoffe die Kulturpolitik übersieht das auch in Zukunft nicht.
Wir sollten uns das Konzept der Klangspuren zum Vorbild nehmen: da wir – zum überwiegenden Teil – sesshaft geworden sind, brauchen wir Strategien dafür, Neues an die Orte zu holen, die wir okkupieren. Das geht weniger gut durch die Analyse von importierten Produkten, als dadurch, die Erzeuger selbst zu treffen. Und zwar am besten nicht in einem dafür geschaffenen Auffanglager, oder? Man macht Platz bei sich zu Hause und lebt für eine gewisse Zeit zusammen. Diesen Gedanken für die Neue Musik weiterzuentwickeln wäre mein Wunsch. Auch innerhalb unserer lokalen Gemeinschaften müsste das möglich sein: nicht einen Container für die Neue Musik am Rand aufzustellen, sondern in der Mitte – von Zeit zu Zeit – Platz zu schaffen, an Orten, an denen man sie eigentlich nicht vermutet, in Zusammenhängen, die einen überraschen. Nur so kann das Potential der zeitgenössischen Musik wirklich zur Geltung kommen.
Wie das in einer Metropole funktionieren kann und was diesbezüglich in München vielleicht in Zukunft besser klappen könnte, darüber macht sich das alljährliche Symposium der MGNM diesmal Gedanken. Unter dem Titel „Lieder ohne Orte – Neue Musikstadt München am Wendepunkt“ findet es am 10. Dezember von 14-18 Uhr im Orff-Zentrum München statt. Der Eintritt ist frei.
Christoph Reiserer, Gesellschaft für Neue Musik München